ENGELBERG: Gisin bewundert ihr druckfrisches «Baby»

Dominique Gisin hat als Skirennfahrerin Sportgeschichte geschrieben. Nun sorgt die 30-Jährige für das nächste Kapitel – im wahrsten Sinne des Wortes.

Oliver Mattmann
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Freitagmorgen bei der Engelberger Druck AG in Stans: Dominique Gisin begutachtet die ersten Buchseiten beim Andruck – und ist sichtlich beeindruckt. (Bild Manuela Jans)

Freitagmorgen bei der Engelberger Druck AG in Stans: Dominique Gisin begutachtet die ersten Buchseiten beim Andruck – und ist sichtlich beeindruckt. (Bild Manuela Jans)

Dominique Gisin liebt Bücher über alles. Seit ihrem Rücktritt vom Skirennsport findet die Olympiasiegerin wieder mehr Zeit für ihre Leidenschaft. «Ich kann mich regelrecht darin verlieren», gesteht sie. Was für ein Gegensatz zum früheren Temporausch auf den Weltcup-Strecken. Nun geht die 30-jährige Engelbergerin sogar selber unter die Autoren. Zusammen mit ihrem langjährigen Wegbegleiter, Sportpsychologe Christian Marcolli, gibt sie ein Buch heraus, «in dem ich sehr viel von mir preisgebe, vor allem von meinen Karriereanfängen bis zum grossen Durchbruch», so Gisin. «Lebensabschnitte, von denen die breite Öffentlichkeit bisher wenig bis gar nichts mitbekommen hat.» Eine Biografie im klassischen Sinne werde es aber nicht sein, betont sie.

Vernissage des 160 Seiten starken Buchs mit dem Titel «Making it happen», das am Freitag in Stans angedruckt wurde, ist am 4. September in Engelberg. An jenem Ort, von dem die Schweizer Sportlerin des Jahres 2014 in die Welt hinausgezogen ist, um in einer knallharten Sportart Erfolge zu feiern – den grössten mit der Goldmedaille bei der Olympia-Abfahrt in Sotschi.

Das Karrierenende drohte

Unvergesslich sind die emotionalen Bilder Gisins nach ihrer Siegesfahrt. Sie selbst hat in der Stunde ihres Triumphs aber nicht vergessen, was es alles brauchte, um diesen einen Moment erleben zu dürfen. Lange war ihre Karriere geprägt von Rückschlägen, meist verursacht durch schwere Verletzungen. Immer wieder hat sie sich dank ihrem unbändigen Willen und Hilfe aus dem Umfeld aufrappeln können. Doch nach einer neuerlichen Knieverletzung 2007 schien ihre Laufbahn auf Messers Schneide. «Ich hatte nach der Heilung Probleme, das Knie wieder zu belasten, volles Risiko zu gehen», erzählt sie. Eine Blockade, die sie nicht mehr allein lösen konnte. Hier kam Christian Marcolli, mit dem schon Roger Federer oder bekannte Wirtschaftsgrössen zusammengearbeitet haben, ins Spiel. Sie harmonierten auf Anhieb, und der Sportpsychologe trug seinen Teil dazu bei, Gisin auf die Erfolgsspur zu lenken. Der Rest ist bekannt und geht in die Schweizer Sportgeschichte ein.

Grosse Nachfrage nach Auftritten

Immer wieder erhält Dominique Gisin Anfragen, vor Publikum über ihren Werdegang, ihre Meilensteine oder über ihren Kampf zurück an die Spitze zu erzählen. Tendenz steigend nach ihrem Sieg in Sotschi. «Ich mache dies wirklich gerne, wenn es die Zeit zulässt», sagt Gisin, die momentan an ihrer Ausbildung zur Berufspilotin feilt und sich auf das Leben als Physikstudentin an der ETH Zürich vorbereitet.

Wildfremde umarmten sie

«Schade» findet sie, dass sie den Zuhörern nach den Vorträgen nichts in die Hände drücken kann als Lektüre für zu Hause. Vielfach sei sie vom Publikum selber darauf angesprochen worden. «Und so entstand allmählich die Idee für ein Buch», verrät die Engelbergerin. Sie habe im Lauf der Zeit auch erkannt, wie viele Leute sie mit ihrem Abfahrts-Gold berührt hat. «Es sind wildfremde Leute auf mich zugekommen und haben mich umarmt.»

Da habe sie realisiert, dass sie die Menschen an ihren Erfolgen und auch ihrer Leidenszeit teilhaben lassen und ihnen Mut machen will. «Jeder trägt seinen Rucksack, ob privat, beim Sport oder sonst wo. Ich möchte mit dem Buch die Menschen inspirieren, die Hoffnung nie aufzugeben, ihren Traum zu verwirklichen, auch wenn ihnen wie mir damals viele Hürden in die Quere kommen. Und sie darin bestärken, ihren Weg nicht zu verlassen, auch wenn vorher noch keiner dort entlanggegangen ist.»

Zunächst habe sie den Aufwand für das Buch etwas gescheut, gesteht die ehemalige Spitzenfahrerin. «Ich hatte ja keine Erfahrung damit.» Doch sie und ihr Co-Autor hätten viel Unterstützung erfahren und in der Druckerei Engelberger in Stans einen unkomplizierten Partner gefunden. Und inzwischen ist das Buch «ein bisschen mein Baby geworden». Sie spricht von Einblicken in eine andere Welt und von einem spannenden Projekt, «von dem ich selber profitieren kann».

Beim Schreiben den Tränen nahe

Ihr Teil stammt gänzlich aus ihrer Feder, versichert Dominique Gisin. «Nur die Familie musste es mehrmals durchlesen und hat mir immer wieder Inputs geliefert», lacht sie. Obschon sie gern schreibe, sei es ihr nicht leichtgefallen. An gewissen Stellen habe sie die Vergangenheit regelrecht eingeholt, sei sie den Tränen nahe gewesen. «Ich habe grössten Respekt vor jedem Autor», sagt sie.

Übrigens: Von ihrem Buch «Making it happen» – nur der Titel ist englisch, die Texte natürlich in Deutsch – werden exakt 2467 Exemplare gedruckt. Hintergrund: Die Luftlinie zwischen Engelberg und Sotschi beträgt genau so viele Kilometer. Und was, wenn das Buch schnell vergriffen sein wird? «So weit planen wir noch nicht», sagt die angehende Berufspilotin – und fügt mit einem Lächeln an: «Aber ein Retourflug ist nicht ausgeschlossen.»

Oliver Mattmann