Engelberg lässt tief in seine Schulgeschichte blicken

Strenge Lehrschwestern, Tatzen auf die Hand und beschwerliche Arbeiten zu Hause: Engelberger Kinder hatten kein leichtes Leben. Ein neues Buch gewährt Einblick in ein reichhaltiges Kapitel der Obwaldner Schulgeschichte.

Simon Mathis
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Eine Weihnachtfeier der Zweitklässler bei Schwester Maria-Martha im Jahr 1957. (Quelle: Archiv Gaby von Holzen)

Eine Weihnachtfeier der Zweitklässler bei Schwester Maria-Martha im Jahr 1957. (Quelle: Archiv Gaby von Holzen)

Den Schulstoff vergessen manche schnell – aber die Schule bleibt allen in Erinnerung. Das zeigt auch das kürzlich erschienene neuste Heft der Engelberger Dokumente «Von der Spielgruppe bis zur Matura». Die Engelberger Journalistin Andrea Hurschler erzählt darin die reichhaltige Schulgeschichte des Klosterdorfes nach. Dabei kommen auch Zeitzeugen zu Wort, die manche amüsante Anekdote zu berichten wissen.

Hurschler legt den Fokus auf die Primarschule, doch auch die Stiftsschule und die Sekundarstufe kommen zur Sprache. So ist auf 127 Seiten ein übersichtlicher Abriss entstanden, der alles andere als eine trockene historische Abhandlung ist. Hurschlers Sprache ist angenehm leichtfüssig, bemüht sich darum, das Berichtete plastisch vorstellbar zu machen. Aufgelockert wird das Ganze durch Originalstimmen von Schülern und Lehrern.

Geheimpost an die Eltern

Lange Zeit war das Engelberger Schulwesen eng verwoben mit der Katholischen Kirche. Nach der Gründung des Benediktinerklosters 1120 zog es wohl schon früh erste Schüler ins Kloster, die sich ausbilden lassen wollten. Die Zahl der Schüler blieb lange Zeit überschaubar, erst nach dem Klosterbrand im 18. Jahrhundert wuchs sie auf 20 Personen an. Noch bis in die 1960er-Jahre trugen die Schüler der Stiftsschule Kutten und halfen den Mönchen bei der täglichen Arbeit, schreibt Hurschler.

Das Internat war eine kleine Welt für sich, der Kontakt mit den Eltern spärlich. Das Kloster zensierte die Briefe an die Eltern. Die gewieften Schüler fanden aber einen Weg, diese Kontrolle zu umgehen. Wer seine Post unzensiert verschicken wollte, gab sie dem Einheimischen Beat Waser mit, der nach zwei Jahren das Gymnasium abgebrochen hatte. Wohl kein Zufall, dass Waser später Briefträger wurde.

Vorsicht bei Purzelbäumen im Rock

Eine Gruppe Mädchen auf der Mühlemattwiese ebenfalls aus dem Jahr 1957. (Quelle: Archiv Gaby von Holzen)

Eine Gruppe Mädchen auf der Mühlemattwiese ebenfalls aus dem Jahr 1957. (Quelle: Archiv Gaby von Holzen)

Neben dem Kloster prägten auch die Ingenbohler Schwestern die Engelberger Schulgeschichte. Auf Wunsch des Gemeinderates übernahmen die Schwestern 1858 die Mädchenschule. Vielen Zeitzeugen sind die Schwestern als «streng» und «unfair» in Erinnerung geblieben, berichtet Hurschler. Das schmälere den Beitrag der Schwestern an das Engelberger Bildungswesen allerdings nicht, betont die Autorin. Denn ohne sie hätte es karger ausgesehen.

Die Kleiderordnung war streng. Selbst im Turnunterricht trugen die Mädchen Röcke. Eine Schülerin berichtet davon, dass sie in der Turnstunde ein Rad geschlagen habe. Unterhosen und «blutte Haut» seien zum Vorschein gekommen. Da wurde sie bestraft. «Und ein Pater kam mich aussegnen», berichtet die Schülerin.

Militärischer Marsch auf dem Pausenplatz

Bestrafung erfolgte bis in die 1960er-Jahre oft in Form der berüchtigten «Tatze» – ein Schlag mit dem Stock auf die Hand. Was heute undenkbar ist, gehörte damals zum Alltag. Ein Alltag, der auch ausserhalb der Schule anstrengend war. Einige Kinder trugen vor der Schule Milch aus und halfen nach der Schule auf dem elterlichen Hof mit. Josy Hess (Jahrgang 1939) etwa kam deswegen oft zu spät und wurde bestraft. «Niemand hat gefragt, weshalb man zu spät kam», hält Hess fest. Hinzu kommt, dass die Schulwege oft beschwerlich waren. Einige kamen mit den Skis zur Schule.

In der Primarschule herrschten klare Geschlechterrollen. Die Schwestern untersagten den Mädchen das Spielen von Völkerball, da «Mädchen so etwa nicht machen». Mit der Handarbeit wollten die Schwestern «mütterliche Anlagen wecken». Unterdessen übte der allseits bekannte Lehrer Josef Käslin mit den Buben das Marschieren auf dem Pausenplatz – als Vorbereitung auf die Rekrutenschule.

Die 32-jährige Autorin Andrea Hurschler hat selbst alle Stationen der Engelberger Bildung durchlaufen. «Die Geschichten der Zeitzeugen haben grossen Eindruck auf mich gemacht», erzählt sie. «Für mich war die Schulzeit nicht weiter bemerkenswert, im Gegensatz zu den früheren Schulwegen oder den harten Strafen sind meine Schulerlebnisse fast langweilig. Generationen vor mir haben viel mehr erlebt.» Davor habe sie Respekt.

«Von der Spielgruppe bis zur Matura», Andrea Hurschler, 120 Seiten. Erhältlich im Tal Museum und in der Buchhandlung Höchli sowie auf der Gemeindekanzlei Engelberg. 25 Franken.