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ENGELBERG: Neues Leben für die Dorfstrasse

Auf den Bergen stimmt die Wertschöpfung, die Dorfstrasse aber hat zu kämpfen. Mit «seiner» Masterarbeit zeigt der Tourismus­direktor auf, was zu tun ist.
Interview Christoph Riebli
Engelbergs Tourismusdirektor Frédéric Füssenich in der touristenarmen Dorfstrasse: Er sieht hier das Potenzial «zur grössten Outdoor-Shopping-Anlage der Schweiz». (Bild Corinne Glanzmann)

Engelbergs Tourismusdirektor Frédéric Füssenich in der touristenarmen Dorfstrasse: Er sieht hier das Potenzial «zur grössten Outdoor-Shopping-Anlage der Schweiz». (Bild Corinne Glanzmann)

Interview Christoph Riebli

Engelbergs Besucherzahlen legen jährlich zu, besonders die der asiatischen, arabischen und indischen Gäste. Profiteure sind primär die Bergbahnen und Hotels. «Die Umsätze in der Dorfstrasse dagegen sind seit Jahren rückläufig», stellt eine Projektgruppe im Rahmen einer Masterarbeit (siehe Kasten) an der Hochschule Luzern für Wirtschaft fest. Der Grund: Das Angebot wird den heutigen Gästesegmenten nicht mehr gerecht. Das rund 50-seitige Papier wurde im Auftrag der Gemeinde erstellt und dient als Grundlage für das Projekt «Engelberg 2025 gemeinsam echt besser werden». Mitverfasser ist der Engelberger Tourismusdirektor Frédéric Füssenich. Wir sprachen mit ihm über die Probleme im Dorfkern und seine Visionen dazu.

Was geht dem Tourismusdirektor durch den Kopf, wenn er heute durch die Dorfstrasse schlendert?

Frédéric Füssenich:Ich sehe ein grosses touristisches Potenzial, das in den Achtziger- und Neunzigerjahren hängen geblieben ist. Das hat teils auch mit der Überalterung der Ladenbesitzer zu tun. Es besteht definitiv Handlungsbedarf.

Was wird sich bis 2025 hoffentlich alles ändern?

Füssenich:Ich wünsche mir, dass die Dorfstrasse mit Bahnhof und Kloster zu einer touristischen Attraktion verschmilzt, die man als Gast einfach gesehen haben muss. Die Weichen dafür werden jetzt gestellt. Es ist eine historische Chance, die Gemeinde ist finanziell gut aufgestellt. Das 5-Sterne-Hotelprojekt trägt einen zusätzlichen Impuls ins Dorf hinein – ein ‹Chedi-Effekt›. Ebenso das neue Bahnhofquartier. Mit der vorliegenden Arbeit wissen wir jetzt auch, wo es anzusetzen gilt.

Sie haben ähnliche Tourismusorte mit Engelberg verglichen und erkennen markante Defizite bei den Kriterien Swissness, Infrastruktur, Charme und Ausstrahlung. Wo liegt das Problem?

Füssenich:Gstaad hat beispielsweise ein striktes Baugesetz, das sich positiv auf den Charme des Ortes auswirkt. Zermatt hat seine Hausaufgaben ebenfalls gut gemacht. Auch dem Berner Oberland verleiht das Baugesetz ein einheitlicheres Bild, als es in Engelberg der Fall ist. Wir müssen jetzt aber keine ‹Copy-Paste-Aktion› starten, sondern unseren eigenen Weg finden.

Nicht ganz einfach im Hier und Jetzt.

Füssenich:Das stimmt schon. Doch mit Nichtstun wirds auch nicht besser. Unterschwellig ist die Dorfstrasse bei uns schon lange ein Sorgenkind. Es braucht nun politisches ‹Commitment› und auch viel Engagement von touristischer und gewerblicher Seite. Wenn alle miteinander am gleichen Strick ziehen, kann man etwas bewegen. Hauptsächlich geht es um die Integration des Bahnhofareals sowie die Anbindung des Klosters an die Dorfstrasse. Aufgrund der topografischen Lage haben diese drei Handlungsräume das Zeug, um zur grössten Outdoor-Shopping-Anlage der Schweiz zu verwachsen: Mit einem intuitiven Rundgang müssten diese Teile erschlossen werden und so zum Flanieren einladen. Aktuell ist die Situation so, dass die ortsunkundigen Leute, die beim Bahnhof eintreffen, keine Ahnung haben, wo es überhaupt zur Dorfstrasse geht. Es braucht also ein Langsamverkehrskonzept, ein Leitsystem für die Fussgänger gepaart mit einer Verkehrsberuhigung.

Die Projektgruppe spricht von einem «gordischen Knoten» bei der bisherigen Problembewältigung. Gerade die Ladenbetreiber sehen klar die Gemeinde in der Verantwortung.

Füssenich:Tatsächlich wurde die Verantwortung bisher gerne von Partei zu Partei weitergereicht. Fest steht: Wenn die Gemeinde künftig den Lead nicht übernimmt, wird es schwierig.

Mit welchen Investitionen rechnen Sie bei der Umsetzung Ihrer Vorschläge?

Füssenich:Wir haben zu den Kosten keine seriösen Abklärungen gemacht. Es wird bestimmt Geld kosten. So etwas gibt es nicht gratis. Die Gemeinde muss den politischen Weg gehen, die Mittel dafür lösen. Dafür braucht es ein Mandat der Bevölkerung und deren Einsicht, dass es eine prosperierende Dorfstrasse braucht. Ansonsten bekommt die Gesamtdestination Engelberg ein Problem.

Eines Ihrer Rezepte lautet, typische Schweizer Werte zu inszenieren. Schwingt da ein wenig Heidiland mit?

Füssenich:Heidiland ist sicher nicht Engelberg. Die Idee ist, dass sich in der Dorfstrasse nicht nur Laden an Laden reiht, sondern auch das Urchige und Schweizerische betont wird. Gemeint ist etwa Schweizer Handwerkskunst, die man in einer Schauwerkstatt im Dorf zeigt. Es gibt bei uns beispielsweise noch jemanden, der Kuhglocken selbst herstellt.

Die Projektgruppe schreibt, dass die heutige Dorfstrasse auch irgendwo im Flachland liegen könnte. Ist der Kurs Richtung «Global Village» mit einem Geschäfte-Mix, wie es ihn praktisch in allen Zentren gibt, nicht mindestens so austauschbar?

Füssenich:Die Überseegäste stehen auf ‹Flagshipstores› und Marken. Ob es künftig auch Bucherer und Sprüngli in Engelberg geben wird, zeigt der Evaluationsprozess. Klar ist, der Einzelhandel hat es heute überall schwer – nicht zuletzt wegen des Internets. Es braucht spannende und innovative Konzepte, die integrativ sind – also ohne Gärtchendenken. Eine anmächelige Atmosphäre, grosszügige Öffnungszeiten und der Laden-Mix werden es ausmachen. Wir haben zudem ein riesiges Potenzial bei den Schweizer Tagesgästen: An Spitzentagen haben wir bis zu 15 000 Leute in Engelberg. Wenn wir 10 Prozent dazu bringen, nach ihrem Ausflug noch im Dorf einzukehren oder zu flanieren, dann hätten wir bereits gewonnen.

Von der Dorfstrasse zum «Global Village»

cri. Die Masterarbeit «Neuausrichtung Dorfstrasse Engelberg» an der Hochschule Luzern für Wirtschaft, mitverfasst durch Tourismusdirektor Frédéric Füssenich, schlägt zur Revitalisierung der Dorfstrasse diverse langfristige Massnahmen vor: Laden-Mix an Kundensegmente anpassen; Gastronomieangebot ausweiten; Infrastrukturkonzept entwickeln; Gesamtinszenierung der Dorfstrasse mit Vermarktung.

Die Strategie für die Dorfstrasse basiert auf dem Konzept des «Global Village». Die Engelberg-Titlis Tourismus AG und die Gemeinde sollen bei der Neugestaltung und dem Neuaufbau eine starke Rolle spielen. Auch eine IG Dorfstrasse soll gegründet werden.

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