ENGELBERG: Ortsgeschichte im Kartenformat

Das Talmuseum besitzt eine wertvolle Sammlung alter Ansichtskarten. Nun lässt eine Ausstellung das goldene Zeitalter des Mediums mit Zeitzeugnissen und Kuriositäten aufleben.

Romano Cuonz
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Nicole Eller Risi (links) und Katharina Odermatt freuen sich über die gelungene Präsentation alter Ansichtskarten. Nummer 6 ist Eller Risis Favorit, der eine sagenhaft hoch schwebende Gerschnialp-Trübsee-Bahn zeigt. (Bild: Romano Cuonz (Engelberg, 10. Dezember 2016))

Nicole Eller Risi (links) und Katharina Odermatt freuen sich über die gelungene Präsentation alter Ansichtskarten. Nummer 6 ist Eller Risis Favorit, der eine sagenhaft hoch schwebende Gerschnialp-Trübsee-Bahn zeigt. (Bild: Romano Cuonz (Engelberg, 10. Dezember 2016))

Romano Cuonz

redaktion@obwaldnerzeitung.ch

«In unserem Archiv gibt es neun dicke Ordner mit fein säuberlich abgelegten Ansichtskarten», sagt Nicole Eller Risi, Leiterin und Kuratorin des Talmuseums Engelberg. Es sei ein wahrer Glücksfall gewesen, als man diese Sammlung des Heimweh-Engelbergers Alfred Steiner (1918–2004) erwerben konnte. Später wuchs die Sammlung an, und heute zählt sie immerhin 2200 historische Ansichtskarten. Gar manche Frage zur Ortsgeschichte vermag man nur beim Durchblättern dieser Alben zu beantworten.

Das Museum gab 1988 zu seiner Eröffnung einen Bildband mit historischen Ansichten und dem Titel «Engelberg in alten Ansichtskarten» heraus. Das Buch war aber schon bald vergriffen. Nicole Eller Risi freut sich: «Weil die Nachfrage nach den nostalgischen Karten nie aufhörte, haben wir beschlossen, einen neuen Bildband und gleichzeitig eine umfassende Ausstellung zu konzipieren.» Eines können sie und Mitkuratorin Katharina Odermatt sich gewiss sein: Mit dieser Idee haben sie für einen neuen Höhepunkt in der Geschichte des Talmuseums gesorgt.

Dorf mit riesiger Kartenproduktion

«Für Engelberg ganz besonders ist, dass es hier schon ab 1893 eine grössere und vielfältigere Produktion von Ansichtskarten gab als sonst wo in der Innerschweiz», erzählt Katharina Odermatt. Weil sie selber eine passionierte Sammlerin ist, weiss sie: «Dies hat einerseits mit dem Tourismus zu tun und andererseits mit der unglaublichen Vielfalt an Motiven.» Während man zum Beispiel in Zermatt fast immer das Matterhorn abgebildet sieht, sind es in Engelberg verschiedenste Gipfel, Alpen und auch das Dorf mit seinen Bewohnern. «Für die Tourismus- und Ortsgeschichte besitzen unsere Karten einen hohen Quellenwert, und auf der Rückseite erzählen sie gar Familiengeschichten», sagt Katharina Odermatt. Für die Kuratorinnen dürfte es eine recht knifflige Herausforderung gewesen sein, aus der Vielfalt eine repräsentative und thematisch ansehnliche Auswahl zu treffen für die Ausstellung «Gruss aus Engelberg – Engelberg in alten Ansichten», die am Samstag Vernissage feierte. Sie haben sie gemeistert.

Kurort im romantischen Mondscheinlicht

Vom Parterre bis zum Obergeschoss entdeckt der Besucher zahllose Raritäten, aber auch Kurioses. Themen sind etwa Bergwelt und Transportmittel. Dann auch das Dorf- und Landleben mit Bauern und Trachten, Engelberger Fotografen und Verlage, der Sport oder Kirchen und Kapellen. Ein Augenmerk gilt Studentenkarten der Angla Montana oder Interniertenkarten aus dem Ersten Weltkrieg. Auch Häuser und Hotels oder Sommerwirtschaften, die es teilweise nicht mehr gibt, werden wieder ins Blickfeld gerückt.

Gefragt nach ihrer Lieblingskarte, zeigt Katharina Odermatt auf ein schwarz-weisses Bild mit einem Holztransport im Winter. Nicht ein Ochse, sondern eine Kuh zieht das Fuder. «Das Bild ist in Engelberg lange herumgereicht worden, bis wir herausfanden, dass die Karte vom Kleinverlag E. Zurflüh, Grand Bazar, Engelberg, aufgenommen worden ist.» Ein absolutes Unikum ist die Lieblingskarte von Nicole Eller Risi. «An ihr hat der Kunstverlag E. Goetz in Luzern fotohandwerklich herumgebastelt, bis die Gerschnialp-Trübsee-Bahn fantastisch hoch über dem Talboden schwebte. An einem Ort, wo es nie eine Bahn gegeben hat», lacht sie. Eine andere Rarität sind die um 1901 editierten «Mondscheinkarten». Mittels seltsamer Farblithografien hatte man den Kurort darauf in wunderschön romantisches Mondlicht getaucht. Ein wahres Vergnügen ist es auch, sogenannte Stereofotografien durch Gläser anzugucken und festzustellen, dass sie plötzlich zum dreidimensionalen Relief werden. Eine Errungenschaft des frühen 19. Jahrhunderts! Interessant ist auch die Tatsache, dass bis 1905 auf der Adressseite von Ansichtskarten keine Mitteilungen stehen durften. Man schrieb damals über und unter das Bild.

Wer sich in der Ausstellung umschaut, versteht, warum die Schweizer Post zwischen 1910 und 1913 jährlich über hundert Millionen Karten ins In- und Ausland verschickt hatte.

Hinweis

Talmuseum Engelberg: Ausstellung «Gruss aus Engelberg – Engelberg in alten Ansichtskarten» noch bis zum 17. April 2017. Öffnungszeiten: www.talmuseum.ch. Das gleichnamige Buch ist im Tal Museum für 35 Franken erhältlich.