ENGELBERG: Sommerschnee für die Eisdecke

Die Gletscher haben erneut stark gelitten. Auch auf dem Titlis. Schon bald wollen die Bahnen mit technischer Beschneiung im Sommer das Abschmelzen bremsen.

Philipp Unterschütz
Drucken
Teilen
Der Titlisgletscher im Sommer 2015: Dank der Vliesabdeckung ist um die Skiliftmasten deutlich weniger Eis geschmolzen. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Der Titlisgletscher im Sommer 2015: Dank der Vliesabdeckung ist um die Skiliftmasten deutlich weniger Eis geschmolzen. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Philipp Unterschütz

Das ewige Eis des Titlisgletschers ist für die Bergbahnen ein wichtiges Argument im Kampf um Gäste auch aus dem asiatischen Raum. Doch der Begriff «ewig» hat ausgedient. Der Gletscher ist, wie die meisten in der Schweiz, auf rasantem Rückzug. «2013 und 2014 waren zwar günstiger für die Gletscher, der vergangene heisse Sommer hat ihnen aber wieder sehr zugesetzt», meint Andreas Bauder, Glaziologe an der ETH Zürich. «Es gibt keine Trendumkehr, auf lange Sicht wird der Titlisgletscher nicht zu retten sein.» Auch die Titlis-Bahnen, bei denen der Gletscher längst Bestandteil der wirtschaftlichen Risikoanalyse ist, gehen von solchen Prognosen aus. «Der Gletscher wird in den nächsten 20 bis 50 Jahren noch da sein, aber wohl kleiner als jetzt», sagt Marketingchef Peter Reinle.

Ingenieure brüten über Projekte

Doch die Tourismusdestination will um jeden Meter des Gletschers kämpfen. Neu soll der Rückgang dank technischer Beschneiung auch in kühlen Sommernächten gebremst werden. Bisher hatte das fehlende Wasser die Idee verunmöglicht. «In den nächsten zwei Jahren wollen wir eine Wasserleitung vom Stand bis zur Talstation des Ice Flyers auf dem Gletscher bauen», sagt Peter Reinle. Zurzeit würden mit Ingenieuren entsprechende Möglichkeiten erarbeitet. Sobald machbare Vorschläge vorliegen, nehme man mit den Grundeigentümern – die Korporation Alp Trübsee und die Bürgergemeinde – Gespräche auf. «Im optimalsten Fall könnten wir noch dieses Jahr eine Baueingabe machen.»

Bild: Grafik: Janina Noser / Neue LZ

Bild: Grafik: Janina Noser / Neue LZ

Bereits über 20 Millionen investiert

Rund 20 Millionen Franken haben die Titlis-Bahnen in den vergangenen zehn Jahren bereits in die technische Beschneiung investiert. Im Sommer 2015 wurden die Ringleitung rund um den Trübsee, eine grössere Kapazität für die Wasserentnahme, Kühltürme zur Kühlung des Seewassers auf zwei Grad und eine erste Etappe der neuen grösseren Wasserleitung von Trübsee nach Stand realisiert. Dieses Jahr sind nochmals 4 Millionen Franken vorgesehen, um die Wasserleitung bis Stand fertig zu stellen.

Von den neuen Anlagen, die letztlich auch Vorarbeiten für eine künftige Beschneiung des Gletschers sind, profitierten die Wintersportler bereits. «Ohne die neuen Beschneiungsanlagen und die Kühlung des Wassers wäre es nicht möglich gewesen, die Talabfahrt den ganzen Dezember offen zu halten. Auch am Stand und Jochpass herrschten dank der neuen Beschneiungsanlage fahrbare Pistenverhältnisse», erklärt Reinle.

Schnee ohne chemische Zusätze

Im Hinblick auf eine künftige Beschneiung des Gletschers im Sommer hat auch der Wechsel von der bisherigen Lanzentechnologie zu Beschneiung auf Schneewerfer neue Möglichkeiten eröffnet. «Mit der neuen Anlage ist es bereits bei minus 2 bis 0 Grad und trockener Luft gelungen, technischen Schnee zu produzieren. Für die Lanzen musste es wesentlich kälter sein», sagt Reinle und betont zugleich, dass am Titlis bei der Beschneiung keine Chemikalien verwendet werden. «Wir beschneien nur mit Luft und Wasser, deshalb reden wir auch nicht von Kunstschnee, sondern von technischem Schnee.»

Dank des bestehenden Wasserreservoirs konnten die Titlis-Bahnen auch bereits Beschneiungsversuche über der Gletschergrotte machen. Die Resultate waren positiv. «Die Beschneiung im Sommer und Herbst ist tatsächlich eine effektive Massnahme», bestätigt Glaziologe Andreas Bauder. «Durch eine Schneedecke auf dem Gletscher reflektiert die Oberfläche mehr Sonnenstrahlen. Frischer Schnee ist viel weisser als Eis. Vor allem älteres und dreckiges Eis absorbiert deutlich mehr Sonnenstrahlen und schmilzt darum stärker.» Durch die Abdeckung mit Schnee schmilzt zwei Drittel weniger Eis. Ganz wichtig sei auch die Beschneiung im Herbst, ergänzt Peter Reinle. «Dieser Schnee würde sehr lange liegen bleiben, kann sich zu Firnschnee umwandeln und somit dem Gletscherschwund vorbeugen.»

Bald ist auch Schneepark gefährdet

Von der ersehnten Wasserleitung würden die Abfahrtsroute Rotegg, die Pisten des Gletscherskilifts sowie der Gletscherpark bei der Talstation der Ice-Flyer-Sesselbahn profitieren. Als weiteres Projekt in ferner Zukunft sollen die Wasserleitungen bis zur Bergstation gezogen werden, um auch bis ganz oben beschneien zu können. «In zehn bis zwanzig Jahren könnten bereits die Aktivitäten im unteren Teil des Schneeparks gefährdet sein», fürchtet Reinle.

Doch auch die Beschneiung wird den Gletscher nicht retten können. Sie erfolgt lokal und umfasst nicht den ganzen Gletscher. «Weil die Massnahmen kleinräumig angewendet werden, wirken sie sich nicht auf das Gesamtverhalten des Gletschers aus», weiss Andreas Bauder. Die technische Beschneiung ist etwa gleich effektiv wie die aufwendigen Vliesabdeckungen, welche die Titlis-Bahnen seit 2005 vornehmen. Jeweils von Mai bis Oktober wird das Eis an exponierten Stellen wie Wegen, Pisten oder Skiliftmasten auf insgesamt 7000 Quadratmetern zugedeckt. Weitere Abdeckungen sind nicht geplant. «Wir können nicht den ganzen Gletscher einpacken. Das ist personell und finanziell nicht tragbar», sagt Reinle. «Wir müssen hinnehmen, dass unsere Gletscher wegschmelzen.» Aber auch wenn es dereinst keinen Gletscher mehr auf dem Titlis gebe, glaube man trotzdem, dass die Touristen auf den Berg kommen werden. Schnee werde es weiterhin haben.

Philipp Unterschütz

Gletscherexperte im Gletschergarten

Vortrag red. Glaziologe Andreas Bauder geht in einem Vortrag vertieft auf die Auswirkungen des Sommers 2015 auf die Gletscher ein. Dieser findet am Montag, 25. Januar, um 18.15 Uhr im Gletschergarten Luzern statt (anschliessend Apéro, Kollekte). Anhand ausgewählter Beispiele aus den Alpen zeigt Bauder von der ETH Zürich die aktuellsten Veränderungen auf und beleuchtet die wichtigsten antreibenden Faktoren. Ebenso werden die Auswirkungen von Gletscherveränderungen auf unser Umfeld diskutiert.