Engelberger Maturand hat die Vergangenheit seiner Schule untersucht

In seiner Maturaarbeit befasste sich der Pietro Parodi mit Flüchtlingen im Zweiten Weltkrieg.

Marion Wannemacher
Hören
Drucken
Teilen
Pietro Parodi, Maturand aus Engelberg.

Pietro Parodi, Maturand aus Engelberg.

Bild: Marion Wannemacher (Engelberg, 6. Februar 2020)

Geschichte kann langweilig und trocken sein, wenn es um historische Daten oder Faktenwissen geht. Sie kann lebendig werden, wenn sich dem Geschichtsforscher persönliche Schicksale offenbaren. Genau das ist dem Engelberger Maturanden Pietro Parodi passiert, als er untersuchte, welche Flüchtlinge seine Schule zur Zeit des Zweiten Weltkriegs aufnahm.

Sein betreuender Lehrer Rolf Kegel half ihm dabei, das Thema einzugrenzen. «Ich fand den Zweiten Weltkrieg sehr spannend. Mein Experte brachte mich darauf, es auf Engelberg zu begrenzen. So kamen wir auf die Flüchtlinge.»

Flüchtlinge kamen in Heimen unter

Gemäss dem Historiker Simon Erlanger gab es in Engelberg zur Zeit des Zweiten Weltkriegs sechs grössere Flüchtlingsheime, die Hotels Alpina, Central, Regina Titlis, Hoheneck und Edelweiss. Auch Kloster, Internat und Stiftsschule Engelberg seien sehr aktiv in der Aufnahme von Flüchtlingen gewesen, schreibt Pietro Parodi in seiner Arbeit. Sie stellten sich verschiedenen Hilfswerken zur Verfügung und erliessen den Flüchtlingen auch teilweise das Schulgeld.

Insgesamt wurde das Kloster zwischen 1939 und 1945 nachweislich von elf Personen um einen Freiplatz, einen Aufenthaltsplatz oder einen Urlaubsplatz gebeten. Über die Aufnahme an Schule oder Internat entschieden Rektor und Abt. Gründe, jemanden abzulehnen, waren beispielsweise das Nichtbeherrschen der deutschen oder französischen Sprache. Ausserdem mussten die Fremdenpolizei in Bern und der Kanton Obwalden die Bewilligung für einen Eintritt in die Stiftsschule erteilen. Bei der Aufnahme ins Internat galten andere Kriterien als bei der in die Stiftsschule als externer Schüler. Externe Schüler durften auch einer anderen Religion angehören, als Internatsschüler. «Dabei ging es wohl ums Zusammenleben», vermutet Pietro Parodi, «darum, Komplikationen und Streitigkeiten vor zu bauen.»

Die Arbeit des 18-Jährigen fusst vor allem auf der Untersuchung von Material aus dem Archiv der Stiftsschule Engelberg, aber auch aus Jahresberichten der Schule zu den vier Schülern. In den Archiven der Gemeinde Engelberg und dem Kanton Obwalden fand er dagegen keine Informationen.

Parodi befasste sich mit Briefwechseln zwischen Schülern, Eltern, Hilfswerken und dem damaligen Rektor der Stiftsschule. Die meisten waren mit der Schreibmaschine geschrieben. Aber auch die handgeschriebenen habe er gut entziffern können, erklärt er. Aufgefallen sei ihm die umständliche Art, sich auszudrücken. «Heute versucht man etwas mit einfachen Worten zu sagen. Die Briefe haben teilweise einen poetischen Charakter.»

Beeindruckt hat den Maturanden beispielsweise das Schicksal des Nicolas K., der auf der Flucht von seinen Eltern getrennt wurde und sich bei Widerstandskämpfern versteckte. Oder das des Schülers Alexander K. «Er war sehr wahrscheinlich jüdischer Abstammung und ein sehr vorbildlicher Schüler. Er hat seine Schulzeit genossen und gab auch Nachhilfe. Weil die Familie nach Brasilien auswandern wollte, musste er jedoch die Schule in Engelberg verlassen. Er schrieb sich für kurze Zeit als Gasthörer an der Universität in Basel ein. «Schwierig war für mich zu verstehen, dass er in den Arbeitsdienst ins aargauische Thalheim berufen wurde, wo er als Strassenbauer arbeiten musste», erklärt Pietro Parodi.

«Überhaupt war für mich sehr spannend festzustellen, dass die vier Flüchtlinge ihre Schulzeit in Engelberg als Privileg erlebt haben. Ich habe manchmal keine Lust auf Schule. Für mich ist es etwas Alltägliches, Selbstverständliches.» Für den sportbegeisterten Maturanden, der in seiner Freizeit gerne Ski fährt, Fussball und Tennis spielt, klettern und biken geht, steht bereits fest, dass er nach der Matura Sport studieren möchte.

Unklar, was mit den Schülern geschah

Gern wüsste Pietro Parodi, was nach der Engelberger Zeit aus den vier Schülern geworden ist. Ihm hat sich durch seine Nachforschungen nur ein Teil ihrer Leben erschlossen. Berührt hat ihn der Satz, den Alexander K. seinem Rektor im Brief schrieb, nachdem er alle Papiere beisammen hatte, um nach Brasilien auszureisen: «Man darf eben die Hoffnung nie verlieren!»

Auf die Frage, was Pietro Parodi durch seine Maturaarbeit gelernt hat, antwortet er, ohne zu zögern: «Ich weiss mehr über die Perspektive der Flüchtlinge, darüber, was sie erlebt haben. Wir leben nicht mehr in dieser Zeit und müssen nicht flüchten.» Wichtig sei ihm die Erkenntnis, zu wissen, «dass man alles hat und das geniessen soll».