Kolumne
Es knirscht mal wieder

Otto Leuenberger macht sich in seinem Ich meinti Gedanken zu Schnee, Klima und schlechtem Gewissen.

Otto Leuenberger
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Otto Leuenberger. (Bild: Corinne Glanzmann)

Otto Leuenberger. (Bild: Corinne Glanzmann)

Er ist wirklich da, der eiskalte Winter mit Schnee. Zum Teil viel Schnee, ja katastrophal viel. Und doch geniesse ich es frühmorgens, als Erster durch jungfräulichen Schnee zu stapfen. Ich liebe es, wenn es unter den Füssen knirscht. Forscher rechnen gar mit einer Grosswetterlage von anhaltender Kälte. Hoch über der Arktis, in der Stratosphäre, geschähen Temperaturschwankungen, die in der Folge Tiefdruckwirbel Stockwerke tiefer derart verschieben, dass schlussendlich sehr kalte Festlandluft zu uns ströme.

Beeindruckend, wie Forscher zu solchen Erkenntnissen gelangen, welch tiefe Einblicke in Vorgänge heute möglich sind. Überhaupt, diese enorme Entwicklung in der Wissenschaft, dieser laufende Wissensgewinn. Das Wissen ist da. Aber bei Klimafragen und den daraus resultierenden direkten Forderungen, bei Konsequenzen für Wirtschaft und Lebensgestaltung, da wird es richtig ungemütlich. Die Wissenschaftler beziehen warnend Stellung. Sie werden zu Rufer in der Wüste.
Immer wieder ernten sie aber abschätzige Bemerkungen, gerade bei politischen Debatten: ja diese Professoren, die Studierten, die Besserwisser, die Gutmenschen. Der Nationalrat hat es tatsächlich geschafft, uns ein Weihnachtsgeschenk – nicht – zu machen: CO2-Abgabe auf Flugtickets. Er glaubt auch, so ein kleines Opfer entfalte keine Wirkung. Genau, es sei sicher alles nur halb so schlimm. Nein, nein, nur Gemach und überhaupt, das bringe doch nichts. Wir – in der Schweiz – sind viel zu klein und könnten nichts ausrichten. Es schade nur der Wirtschaft. Das alte Lied. Dummerweise hält sich das Klima nicht an Landesgrenzen.

Zugegeben, Wettervorhersagen sind eine Krux, geschweige denn Aussichten zu Klimaentwicklungen. So hochkomplexe Systeme, da findet sich immer Ungewissheit. So tröste ich mich jeweils bei mir als ungünstig empfundenen Wetterprognosen damit, dass es ja doch noch anders kommen kann. Nur, können wir in Klimafragen bis zur absoluten Gewissheit warten? Unser «Dampfer» hat eine lange Reaktionsspur. Ach, gäbe es doch nur irgendeine Maschine, eine Allerweltstechnik, die man erfinden und anwerfen kann.

Seit mehr als 22 Wochen sitzt freitags Greta Thunberg bei jedem Wetter mit einem handbeschriebenen Pappkarton draussen vor dem schwedischen Parlament. Die Schülerin ist erst 16 und kämpft für eine konsequente Klimapolitik. Sie schwänzt die Schule. Nein, sie streikt für ihre Zukunft. Ihre Aktion gleicht jenem Bild des Schmetterlingsflügelschlags, der eine Wirkung auf eine ganze Welt entfalten kann. Tatsächlich hat sie etwas Unerwartetes geschafft. Sie ist Vorbild und Inspiration für junge Klimaaktivisten. So auch für viele der 20'000 Schweizer Schüler und ihrem kürzlichen Streik. Diese Jungen lassen uns «Alten» alt aussehen – und sie geben Anlass zu Hoffnung. Und schon wird bei der unglaublich klaren und unbeirrbaren Kämpferin eifrig nach Anzeichen von Inkonsequenz gesucht, um sie zu diffamieren und ihre Anliegen zu entkräften.

Mein schlechtes Gewissen beim Flug zur Enkelin nach Stockholm kann ich also – auch dank Nationalrat – nicht beruhigen. Meine eigene Widersprüchlichkeit muss ich aushalten. Mein eigener Beitrag im Kleinen bleibt an mir hängen. Es ist unbequem, es knirscht. Doch versuche ich, etwas vom Beispiel Gretas mitzunehmen, vielleicht so was wie «einen Baum pflanzen».

Otto Leuenberger, ehem. Leiter Freizeitzentrum Obwalden und «Jungpensionär», aus Giswil äussert sich abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.