«Es sollen alle ihren Platz haben»

Sinan Seh lebt ein Leben zwischen zwei Kulturen in Sarnen. Auch dank dem Fussball hat er sich in seiner zweiten Heimat gut integrieren können.

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Macht auf und neben dem Fussballplatz eine gute Figur: Sinan Seh (22). (Bild: Izedin Arnautovic / Neue OZ)

Macht auf und neben dem Fussballplatz eine gute Figur: Sinan Seh (22). (Bild: Izedin Arnautovic / Neue OZ)

«Da ich in Sarnen geboren und aufgewachsen bin, habe ich als Ausländer in Obwalden nie Probleme gehabt. Es ist eine Frage der Einstellung: Wer wirklich gewillt ist, sich in einem neuen Umfeld zu integrieren, eckt auch weniger an.» Im August wird Sinan Seh 23 Jahre alt. Geboren und aufgewachsen ist er als Sohn türkischer Eltern in Sarnen. Seine beiden älteren Schwestern sind bereits verheiratet und leben mit ihren Familien im Grossraum Zürich. «Meine Mutter ging auch schon in Obwalden zur Schule und spricht sehr gut Deutsch. Das hat mir als Kind ausländischer Herkunft sicher viel geholfen.»

Dem Fussball sei Dank

Für Sinan Seh war das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen nie wirklich ein Problem: «Ich kenne halt einfach nichts anderes». Bereits im zarten Alter von fünf Jahren trat Sinan Seh dem Fussballclub Sarnen bei. «Schon als kleiner Knirps bin ich im Garten jedem Ball nachgerannt.» Rückblickend erachtet er den Schritt ins Vereinsleben als wichtige Integrationsleistung, sowohl seinerseits als auch seitens des Fussballclubs. «Durch den Fussball habe ich viele neue Freunde kennengelernt, Menschen aus verschiedensten Kulturen. So entwickelt man eine Offenheit, die einem das Zurechtkommen in der Gesellschaft erleichtert», hält Sinan Seh fest.

Erfolg in der Türkei gesucht

Nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit packte Sinan Seh zwischenzeitlich seine Koffer, um in der Türkei sein Glück zu versuchen. Ihm bot sich die Möglichkeit, in der Nachwuchsabteilung von Besiktas Istanbul Fussball zu spielen. Als er sich im Training am Knie verletzte und für mehrere Monate pausieren musste, entschied sich Sinan Seh dafür, in der Schweiz Fuss zu fassen und eine Berufslehre zu absolvieren. Fortan spielte er im Fanionteam des FC Sarnen, mit einzelnen Abstechern zu den Kickers Luzern und zum SC Emmen.

Alkohol ist tabu

Seine fussballerischen Ambitionen musste er aufgrund unglücklich zugezogener Verletzungen aber stets wieder zurückstecken. Daneben nahm er die Lehre als Sanitärmonteur in Angriff, die er nach zwei Jahren abschloss. Sinan Seh liess sich dann ins Büro umschulen, absolvierte ein Praktikum in der Personalberatung und arbeitete in der Versicherungsberatung und in der Marktforschung. «Nun bin ich gewillt, mit 22 Jahren eine neue Berufsausbildung zu beginnen, um meinen Horizont zu erweitern», sagt Sinan Seh. Obwohl sich Sinan Seh in Obwalden sehr gut aufgehoben fühlt und die Schweiz als seine zweite Heimat bezeichnet, ist er sich seiner türkischen Herkunft durchaus bewusst und stolz, Türke zu sein. «Ich bin gläubiger Muslim. Ich praktiziere den Ramadan und trinke keinen Alkohol.»

Stark multikulturelles Umfeld

So sei ihm das innerhalb der Familie eben weitergegeben worden. «Deswegen sind wir noch lange keine extremen Islamisten. Nur weil ich ein bekennender Muslim bin, heisst das nicht, dass ich andere Religionen verachte. Es sollen alle ihren Platz haben», streicht Sinan Seh hervor. Von seinen Eltern wurde er wohlbehütet aufgezogen, nach klaren Regeln und familiären Traditionen, sodass er nun von sich selber sagen kann, ein «fröhlicher, aufgestellter und respektvoller Zeitgenosse» zu sein. Noch immer pflegt Sinan Seh regen Kontakt zu seinen Verwandten in der Türkei, im Sommer fliegt er jeweils für mehrere Wochen zurück zu seinen Wurzeln. Nebst seinem familiären Umfeld fühlt sich Sinan Seh auch in seinem Kollegenkreis gut aufgehoben. «Da gibt es Schweizer, Türken, Italiener oder Leute aus dem Balkan. Ich bewege mich in einem stark multikulturellen Umfeld. Da fühle ich mich wohl und akzeptiert. Es ist doch egal, woher jeder einzelne kommt, solange wir es untereinander gut haben.»

Auf und neben dem Platz

Anfangs Juli beginnt für Sinan Seh mit dem FC Sarnen die Saisonvorbereitung für die kommende Meisterschaft. Sein Trainer Toni Durrer bezeichnet ihn als «sehr talentierten, technisch starken Spieler, der aufgrund seines Verletzungspechs aber im physisch-läuferischen Bereich noch Defizite hat».
Sinan Seh will auch in der neuen Spielzeit wieder alles geben. Sowohl mit seinen technischen Finessen auf, als auch mit seinem integrierenden Charakter neben dem Platz.«Schon als kleiner Knirps bin ich
im Garten jedem Ball nachgerannt.»

Lukas Tschopp