Es zählen Köpfe, aber hinter jedem steht eine Partei

Redaktionsleiter Markus von Rotz zum bevorstehenden zweiten Wahlgang für die Obwaldner Regierung.

Markus von Rotz Redaktionsleiter
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Markus von Rotz

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Stell dir vor, es sind Wahlen, und niemand denkt daran. Auf diese Idee könnte man eine Woche vor dem zweiten Wahlgang für den Regierungsrat in Obwalden kommen. Standen sich ursprünglich acht Kandidaten für die fünf Sitze gegenüber, die hart um Stimmen kämpften und für Wahlbeteiligungen zwischen 51 und 63 Prozent sorgten, ist der Wahlkampf inzwischen ziemlich abgeflaut. Da und dort ein Wahlplakat, kaum ein Leserbrief, auch die Inseratspalten sind dünner geworden. Umso auffälliger ist, wie sich die zwei jüngsten alt Regierungsräte einmischen: Hans Wallimann (CVP) will Daniel Wyler (SVP) in der Regierung, weil sich dieser «für eine gute medizinische Grundversorgung in Obwalden» einsetze, Paul Federer (FDP) setzt sich neben Wyler auch für Christian Schäli (CSP) ein, weil es alle politischen Kräfte brauche. Derweil erhält Michael Siegrist (CVP) Unterstützung zweier aktiver Regierungsräte, jedoch beide aus seiner Partei.

Das ruft nach der Frage, wie man nun am 8. April den Wahlzettel ausfüllen soll. Kürzlich fragte jemand im Kollegenkreis, ob man im zweiten Wahlgang auch taktisch wählen könne und ob es genüge, seinen favorisierten Kandidaten anzukreuzen. Die Antwort muss differenziert ausfallen: Mit jeder Stimme, die ich nicht nutze, helfe ich den anderen Kandidaten. Wähle ich nur A, hilft das B oder C. Wähle ich aber A und B, ist das nicht gut für C. Es kann also Sinn machen, jemanden als «kleineres Übel» zu wählen, wenn man einen anderen nicht in der Regierung will. Die schlechteste Variante ist auf jeden Fall, leer einzulegen.

Wobei «Übel» hier nicht wörtlich zu nehmen ist. Alle drei noch zur Verfügung stehenden Kandidaten sind wählbar. Es ist letztlich die Frage zu beantworten, wie ich als Wähler die Regierung zusammengesetzt haben möchte. Will ich alle Kräfte einbinden, neu also erstmals auch die SVP? Oder will ich diese Partei weiterhin in der Opposition als unangenehme und laute Aufpasserin, wo sie bisher eine wichtige und wahrgenommene Rolle spielte? Grundsätzlich spricht nichts dagegen, alle Kräfte einzubinden und ihnen auch politische Verantwortung zu übertragen. Doch in Obwalden sind Regierungsratswahlen stark auch Kopfwahlen – das beste Ergebnis des Parteilosen Josef Hess im ersten Wahlgang spricht da Bände.

Was heisst das nun für die Chancen der drei Männer im zweiten Wahlgang? Als allgemein gesetzt gilt bei vielen CSP-Kantonsrat Christian Schäli (43). Er hat zwar die kleinste Partei im Rücken, aber von den drei verbliebenen Kandidaten im ersten Wahlgang in vier von sieben Gemeinden das beste Ergebnis gemacht, und in Alpnach liess ihn der Einheimische Michael Siegrist nur 100 Stimmen hinter sich. Schäli, ein politisches Naturtalent mit Humor, guter Verankerung und solider Ausbildung, ist sicher auch der Kandidat der SP und für viele von FDP und CVP zumindest zweite Wahl. Er holte 38 Prozent der Stimmen, welche die drei jetzt noch Kandidierenden auf sich vereinten. Seine Handicaps sind die junge Karriere als Kantonsrat und die fehlende Exekutiverfahrung.

Michael Siegrist (42) war nie Kantonsrat, hat aber Erfahrung als Gemeinderat und -präsident und kennt die Anliegen der Gemeinden. Das wird im Umfeld der aktuellen Spardebatte als Argument für ihn ins Feld geführt, weil das Paket auch die Gemeinden betrifft. Siegrists Handicap ist die gespaltene CVP, die zum einen Dominik Rohrer im ersten Wahlgang aus dem Rennen nahm und die wilde Kandidatur Jürg Berlingers hinnehmen musste. Ob die abgesplitterten Stimmen nun alle für ihn eingelegt werden? Auffällig ist zudem, dass er nur in seiner Wohngemeinde im ersten Wahlgang das beste Resultat machte, und das nur knapp. In fünf von sieben Gemeinden lag er teils deutlich hinter Daniel Wyler. Siegrist wirkte im Wahlkampf teilweise verkrampft, als ob eine Nicht-Wahl für ihn ein persönliches Debakel wäre. Auch gelingt es ihm viel weniger als etwa Schäli, seinen durchaus vorhandenen Humor auszuspielen.

Bleibt noch Daniel Wyler, der Wahl-Engelberger. Auch wenn er schon 16 Jahre im Klosterdorf wohnt, wirkt sein Bekenntnis dazu etwas aufgesetzt. Gleichwohl holte er dort doppelt so viele Stimmen wie seine aktuellen Mitbewerber zusammen. Ein gutes Polster. Sonst holte er am 4. März nur noch in Giswil den ersten Rang. Wyler möchte das Amt sehr gerne, aber als 59-Jähriger würde er höchstens sechs bis acht Jahre bleiben, wie er selber sagte. Und klappt es nicht, hat er einen Trost: Im aktuellen Job als Berater im Gesundheitswesen verdiene er deutlich mehr. Wyler gilt als konsens­fähig, er hat aber im Kantonsrat auch schon zum Zweihänder gegriffen. Seine Chancen, für seine Partei den ersten Sitz zu holen, sind auf den ersten Blick durchaus intakt. Zünglein an der Waage wird die FDP spielen, die dank ihm eine rechtsbürgerliche Mehrheit möchte und ihn darum unterstützt. Die Frage ist, ob die Basis mitmacht oder sich nicht noch zu sehr daran erinnert, wie erbittert die SVP vor vier Jahren ihre Kandidatin Maya Büchi angegriffen hat. Am Schluss werden wie gesagt Köpfe zählen. Aber hinter jedem Kopf steht auch eine Partei.

Markus von Rotz Redaktionsleiter

markus.vonrotz@obwaldnerzeitung.ch