EWL und Obwalden finden Kompromiss für Kraftwerk Obermatt

Zurückkaufen oder später gratis übernehmen? Diese Frage stellte sich der Obwaldner Regierung in Bezug auf das Kraftwerk Obermatt in Engelberg. Die Regierung entschied sich nach langen Verhandlungen für einen Mittelweg: Ab 2022 gründen Kanton und EWL (Energie Wasser Luzern) eine neue AG. In den Verhandlungen stritt man teils mit Fantasiezahlen über den Rückkaufswert. Doch man fand einen Ausweg, ohne Gerichte zu bemühen.

Markus von Rotz
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Arbeiter im Kraftwerk Obermatt. (Bild: Nadia Schärli, Grafenort, 8. Mai 2019)

Arbeiter im Kraftwerk Obermatt. (Bild: Nadia Schärli, Grafenort, 8. Mai 2019)

«Beide Seiten mussten Zugeständnisse machen, aber gemeinsam sind wir alle sehr zufrieden, dass wir uns geeinigt haben, ohne Gerichte zu beschäftigen. Wir können dieses Geld und unsere Nerven für anderes nutzen», sagte Obwaldens Baudirektor Josef Hess am Freitag vor den Medien. Nach dreijährigen Verhandlungen haben sich die Obwaldner Regierung und die EWL (Energie Wasser Luzern) geeinigt, wie es mit den von Obwalden konzessionierten und von den EWL betriebenen Kraftwerken Obermatt und Arni in der Gemeinde Engelberg weitergehen soll.

Die EWL hat für die Stromproduktion eine Konzession seit 1960 als Nachfolgefirma der früheren Elektrizitätswerk Luzern-Engelberg AG. Das Werk war ursprünglich von Engelbergern gegründet worden und wäre aufgrund der aktuellen Diskussion 2041 dem Kanton anheimgefallen – sofern er nicht 2022 oder 2032 sein Rückkaufsrecht geltend macht.

Wasser sollte weiterhin genutzt werden können

Geeinigt hat man sich nun auf einen Mittelweg: EWL und der Kanton gründen eine neue Trägerfirma, betrieben werden die zwei Werke ab 2022 vom Elektrizitätswerk Obwalden. Aufs Rückkaufsrecht wird ausdrücklich verzichtet. Mit der Beteiligung von 40 Prozent an der neuen Firma könne sich EWL «weiterhin einen bedeutenden Anteil an Wasserstrom aus der Region sichern», sagte Stephan Marty, Vorsitzender der Geschäftsleitung. Das sichere «die nachhaltige Produktion erneuerbarer Energie». Es sei ihnen auch wichtig gewesen, «dass die Konzession nicht ausläuft und das Wasser weiterhin genutzt werden kann». Produziert werden aktuell rund 140 Gigawattstunden (Millionen Kilowattstunden) pro Jahr. Zusammen mit dem Sarneraawerk (12 GWH) und dem Lungernsee-Kraftwerk (126 GWH) werden in Obwalden 275 GWH Strom produziert, leicht mehr als der Gesamtverbrauch des Kantons von rund 250 Gigawattstunden, wie Hess vorrechnete.

Man lag in der Beurteilung «meilenweit auseinander»

Auf den nun eingeschlagenen Weg zu kommen, war nicht einfach. Es habe «teils abenteuerliche Vorstellungen» vom Rückkaufswert des Werks Obermatt gegeben, sagte Hess. Man lag «meilenweit auseinander», zwischen 0 und 75 Millionen Franken. Auch eingeholte Gutachten halfen nur teilweise weiter – bis man sich an die Empfehlung hielt, einen Kompromiss zu suchen. Baudirektor Josef Hess betonte:

Josef Hess. (Bild: Corinne Glanzmann)

Josef Hess. (Bild: Corinne Glanzmann)

«Ohne eine solche Kompromisslösung müsste am Schluss das Bundesgericht entscheiden, und es war nicht abzuschätzen, wie dieses urteilen würde.»

So einigte man sich auf 37 Millionen. Abzuschätzen, wie sich der Strommarkt und die Preise für Wasserstrom in Zukunft entwickeln, sei sehr schwierig, betonte Marty. «Wir nahmen einen Stromwert bis 2041 an, machten einen mutigen Blick und haben uns auf eine Kurve geeinigt.» Darauf basierend habe man einen realistischen Wert errechnet.


Für das Elektrizitätswerk Obwalden als künftige Betreiberin sei das «eine sehr gute Lösung», sagte CEO Thomas Baumgartner. «Das ist schliesslich unsere Kernkompetenz.» Man könne zudem vier kompetente Angestellte im Werk übernehmen und werde mit ihnen den Betrieb nachhaltig fortführen.


Anders als 1981 beim sehr emotionalen Entscheid über den Rückkauf des Lungernsee-Kraftwerks ist in diesem Fall die Regierung abschliessend und allein für den Aktienverkauf und die Abwicklung aller Verträge zuständig.

Das denkmalgeschützte Gebäude in der Obermatt. (Bild: Markus von Rotz)

Das denkmalgeschützte Gebäude in der Obermatt. (Bild: Markus von Rotz)

So sieht der Deal mit den EWL aus

Der Kanton Obwalden beteiligt sich zu 60, die EWL (Energie Wasser Luzern) zu 40 Prozent an einer neuen Aktiengesellschaft Neue Kraftwerk Obermatt. Diese wird ab 1. Juli 2022 operativ und überträgt die Geschäfts- und Betriebsführung dem Elektrizitätswerk Obwalden (EWO). 2022 hätte der Kanton das Werk erstmals, 2032 ein zweites Mal vorzeitig zurückkaufen können. Spätestens 2041 wäre es an ihn zurückgefallen, wenn bis 14. Juni dieses Jahres nichts anderes beschlossen worden wäre.

Der Kanton verkauft seine 10 Prozent der EWL-Aktien im Wert von 1,2 Millionen Franken und beteiligt sich mit 60 Prozent am vereinbarten Wert der Kraftwerke Obermatt (37 Millionen Franken). Netto wird das den Kanton gut 20 Mio. Franken kosten. Dieses Geld müsse man auf dem Kapitalmarkt aufnehmen, sagte Baudirektor Josef Hess gestern. Statt der heutigen 18000 Franken aus der EWL-Beteiligung soll das Werk über die nächsten 20 Jahre je ein bis zwei Millionen Franken pro Jahr an Gewinn einbringen, wovon Obwalden 60 Prozent erhält. Damit übersteige der Ertrag die Investition «markant» und helfe auch, «die finanzielle Lage des Kantons zu verbessern», so Hess.

Staatsvertrag mit Nidwalden bleibt

Die Werke Arni und Obermatt nutzen seit jeher auch Wasser aus dem Trüeben- und dem Arnibach, die beide teilweise auf Nidwaldner Boden liegen. Die Vorgängerfirma der heutigen EWL (Energie Wasser Luzern) hatte ursprünglich eine Konzession nur für Gewässer auf Obwaldner Boden. 1959 schloss man darum nach jahrelangen Debatten, verbunden mit einigen Misstönen, mit dem Kanton Nidwalden einen Staatsvertrag ab. Der Bund hatte damals zwar juristische Bedenken, denn es fliesst ja beispielsweise auch Nidwaldner Wasser in die Engelbergeraa. Doch dieser Vertrag führte zur heute noch gültigen Lösung: Der Kanton Obwalden darf die Konzession fürs Gebiet oberhalb der Obermatt erteilen, der Kanton Nidwalden für den Verlauf unterhalb beispielsweise fürs Kraftwerk Dallenwil. So stand 1960 der definitiven Obermatt-Konzession für 80 Jahre nichts mehr im Wege.

Seither sei es egal, über welchen Kantonsboden das Wasser vor der Nutzung geflossen sei, sagte Baudirektor Josef Hess gestern. Und er betonte: «Dieser Vertrag mit dem Kanton Nidwalden ist unbefristet und dauert auch weiterhin an. Wir haben das mit unseren Nachbarn auch nochmal abgeklärt.»

Drei Jahre lang wurde verhandelt

Die Vertreter des Kantons und der EWL bei der Vertragsunterzeichnung in Sarnen (von links) Stephan Marty, Vorsitzender EWL-Geschäftsleitung, Remo Lütold, EWL-Verwaltungsratspräsident, Landammann Christoph Amstad und Baudirektor Josef Hess. (Bild: PD, 18. April 2019)

Die Vertreter des Kantons und der EWL bei der Vertragsunterzeichnung in Sarnen (von links) Stephan Marty, Vorsitzender EWL-Geschäftsleitung, Remo Lütold, EWL-Verwaltungsratspräsident, Landammann Christoph Amstad und Baudirektor Josef Hess. (Bild: PD, 18. April 2019)

Am 14. Juni wäre Deadline gewesen für die Regierung, um vom Rückkaufsrecht fürs Werk Obermatt Gebrauch zu machen. Für die jetzige Lösung wurde drei Jahre verhandelt.

2017: Im März wählt die Obwaldner Regierung drei von fünf möglichen Varianten aus und setzt eine Verhandlungsdelegation ein. Die erste Runde mit den EWL findet im April statt. Im Juni setzt man ein Sachverständigengremium ein, weil man sich über die Berechnungsmethode die Höhe des Rückkaufswerts nicht einigen kann. Bereits im Juli kommt ein Angebot aus Luzern für eine neue Gesellschaft und mit einer Mehrheitsbeteiligung des Kantons.

2018: Im August beschliesst man auf Rat der Sachverständigen die Suche nach einem Kompromiss, für welchen die Regierung im Oktober Eckwerte festlegt.

2019: Im März legt die Regierung eine Grundsatzvereinbarung vor mit den EWL und genehmigt sie später. EWL-Verwaltungsrat und -Generalversammlung stimmen im April zu, die Vereinbarung wird unterzeichnet. Ende Monat kann sich der Kantonsrat dazu äussern.

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