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FESTIVAL: Vom Muotatal in den Kaukasus

Polyfone Gesänge aus Georgien treffen auf Juiz- und Jodelstimmen aus der Zentralschweiz: Obwald verspricht einmalige musikalische Begegnungen.
Pirmin Bossart
Neben den ausländischen Gästen immer ein Highlight am Obwald: die einheimischen Jodler. (Bild: Manuela Jans-Koch (Giswil, 30. Juni 2016))

Neben den ausländischen Gästen immer ein Highlight am Obwald: die einheimischen Jodler. (Bild: Manuela Jans-Koch (Giswil, 30. Juni 2016))

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Jedes Jahr lassen sich am Volkskulturfest Obwald volksmusikalische Mixturen erleben, wie man sie sonst kaum je hören könnte. Neben Jodelchören, Juuzern und Musikkapellen steht jeweils ein Gastland im Mittelpunkt, dessen Musiktraditionen mit den schweizerischen Klängen in Beziehung gebracht werden. Inszenator dieser Begegnungen ist Martin Hess, der mit Leidenschaft und Charme das Volkskulturfest seit Anbeginn leitet.

Als Hess für die 12. Ausgabe von Obwald an einem möglichen Gastland herumhirnte, erinnerte er sich an die polyfonen Gesänge der Georgier, die ihm von Platten von früher her vertraut waren. «Gleichzeitig dachte ich an die sardischen Gesänge oder an die Stimmen der Mongolen, die wir früher am Festival hatten, und bei denen wir eigentümliche Berührungspunkte zu unseren Natur­juiz-Wurzeln entdecken konnten.» So wählte er für dieses Jahr wiederum ein Gastland mit einer reichen Gesangstradition, zumal für ihn der Naturjuiz ohnehin das Herz des Festivals darstellt.

Per Youtube auf der Suche

Um Weihnachten 2016 startete Hess auf Youtube seine «Suchaktion», um sich einen ersten Eindruck zur aktuellen georgischen Volksmusik zu verschaffen. Im Januar reiste er erstmals in das Land im Kaukasus und fühlte sich sofort wohl. Auch musikalisch musste er nicht lange suchen. «Ich zeigte den Leuten meine Favoriten, die ich auf Youtube gefunden hatte. Innert dreier Tage hatte ich die Namen und die notwendigen Kontakte.»

In der Hauptstadt Tiflis lernte er eine junge Frau kennen, die mit Musik und Kunst vertraut war, Deutsch sprach und ihn auf seinen «Musikexpeditionen» in die georgischen Regionen begleitete. «Das Singen ist in Georgien omnipräsent», schwärmt Hess. «Es wird überall gesungen. In den Kirchen, in den Beizen.» Eine wichtige Unterstützerin wurde ihm auch Professorin Rusudan Tsurtsumia, die an der Universität von Tiflis die Abteilung traditionellen polyfonen Gesang leitet und ihn auf die regionale Vielfalt der Musik aufmerksam machte.

Bald realisierte Hess, wie unglaublich differenziert und ortsspezifisch all diese Gesänge waren. Es gibt 19 historische Regionen in Georgien, und 12 davon haben eine eigene Musiktradition geschaffen. Von der Stimmführung und Harmonik her ist der georgische Gesang weltweit einzigartig.

Anders als die europäischen Musik bewegt sich die georgische Musik nicht nur im klassischen dualen Prinzip von Dur und Moll mit den empfundenen Stimmungen von Freude und Leid, sondern auch in den Tonstufen dazwischen.

Grösseres Spektrum

Wo die europäische Musik auf eine Auflösung in den Tonika Dreiklang strebt, zielt die georgische Musik auf eine Auflösung in die reine Quinte oder ins ­Unisono. «Der Übergang von intensiver polyfoner Konsonanz und Dissonanz in die reine Quinte ­erzeugt im Zuhörer die Erfahrung absoluten Einsseins mit der Welt, ohne Übergewicht des Fröhlichen oder des Traurigen», schreibt der georgische Musiker Jemal Tavadse.

Anders als bei uns, wo der Halbtonschritt als kleinste Einheit gilt, werden in der georgischen Musik auch Viertel- und Achteltonschritte verwendet. So lässt sich in der Mehrstimmigkeit ein grösseres Spektrum an Harmonien und Aussagemöglich­keiten erzeugen, als wir uns das in unserer Volksmusik gewohnt sind. Dass diese Gesänge in uns trotzdem etwas zum Klingen bringen und uns auf eine tiefe Weise berühren, wird man in Giswil erfahren können.

Den am Obwald auftretenden Didgori Choir hat Hess deshalb ausgewählt, weil er Sänger aus ganz verschiedenen Landesregionen umfasst und deshalb ein breites Spektrum der verschiedenen Gesangstraditionen zu Gehör bringt. Zudem können die 14 Sänger in ganz verschiedenen Konstellationen eingesetzt werden. Frauen sind in diesen Chören, wie auch in Sardinien oder Korsika, nicht vertreten. «Sie sind aufgrund der tiefen und tiefsten Tonlagen in diesen Gesängen schon rein stimmlich ­limitiert.»

Trotzdem kommen drei Georgierinnen auf die Bühne, die Schlaflieder und Trauerlieder aus ihrer Heimat singen, solistisch und mehrstimmig. Hess hatte auch die Idee – nicht zuletzt als besonderen Beitrag zur 600-Jahr-Feier von Niklaus von der Flüe –, einen assyrischen Mönch nach Obwalden zu bringen, der vor acht Jahren mit seiner Gemeinschaft aus dem Irak flüchten musste und in Georgien aufgenommen wurde. «Der Mönch singt auf Aramäisch, jener Sprache, die zu Lebzeiten von Jesus in Palästina gesprochen wurde. Das wäre ein besonderer Leuchtpunkt gewesen. Leider hat es nicht geklappt – er durfte nicht ausreisen.»

Einheimische «Polyfonie»

Ein Schwergewicht im einhei­mischen Teil des Obwald-Programms ist der Akkordeonist und Schwyzerörgeler Markus Flückiger, dem Martin Hess eine Carte blanche gegeben hat. Flückiger wählte das Trio Ambäck, mit dem er und Andreas Gabriel (Geige) sowie Pirmin Huber (Kontrabass) Stücke des Muotathaler Geigers Josef Imhof (1896–1988) interpretieren wird, die in einem Nachlass gefunden wurden. Wie jedes Jahr wird Hess aus den verschiedenen musikalischen Puzzleteilen einen stimmigen Ablauf generieren.

Erstmals wird Flückiger am Obwald als Solist auftreten. Als Solistinnen einander gegenübergestellt werden die Muotathaler Juuzerin Karin Gwerder und die georgische Sängerin Tamari Zviadauri. Auch die Nidwaldner Jutzerin Petra Gander hat einen Soloauftritt. Verschiedene Ländlerkapellen und Jodlerklubs aus Obwalden, Nidwalden, aus dem Muotatal und dem Entlebuch werden sozusagen als Polyfonie der einheimischen Traditionen das Festival bereichern.

Hinweis

Obwald, 6. bis 9. Juli.

Die Aufführungen vom Do, Fr und Sa sind ausverkauft. Am Sonntag hat es noch Plätze.

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