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FORSCHUNG: Er räumt mit verbreitetem Mythos auf

Obwaldner stammen von Kelten ab, Nidwaldner von Alemannen: Andreas Anderhalden hat mittels DNA-Analyse den Beweis erbracht – und dafür kritische Kommentare geerntet.
Philipp Unterschütz
Andreas Anderhalden vor seiner Bibliothek: Der einstige Arzt hat die genetische Abstammung der Ob- und Nidwaldner untersucht. (Bild Philipp Unterschütz)

Andreas Anderhalden vor seiner Bibliothek: Der einstige Arzt hat die genetische Abstammung der Ob- und Nidwaldner untersucht. (Bild Philipp Unterschütz)

Philipp Unterschütz

Die Untersuchung, die der pensionierte Sarner Arzt Andreas Anderhalden (68) jüngst präsentierte, sorgte für Aufsehen: Obwaldner stammen mehrheitlich vom Urvolk der Kelten ab,während die Nidwaldner Nachfahren vom germanischen Stamm der Alemannen seien, so seine Erkenntnis.

DNA-Analysen brachten den Beweis

Nachdem unsere Zeitung über Anderhaldens Forschung berichtete (Ausgabe vom 24. November), folgten auch Beiträge und Artikel im Schweizer Fernsehen und weiteren nationalen Medien. «Die Untersuchung bestätigte eigentlich nur, was aufmerk­same Schüler schon in der Primarschule lernen konnten», sagt Anderhalden über den Medienrummel. Seine Erkenntnis sei erstmals wissenschaftlich von Pater Hugo Müller 1952 im Obwaldner Namensbuch beschrieben worden. «Dies konnte ich nun anhand der 41 DNA-Analysen gentechnisch bestätigen. Die Ergebnisse waren aber doch etwas überraschend, denn ich hatte überall eine identische Verteilung von Bewohnern mit keltischen und mit germanischen Wurzeln erwartet» (siehe Kasten rechts).

Die Resonanz habe ihn aber schon überrascht, sagt Anderhalden. Es habe ihn jedoch gefreut, dass die Leute anscheinend viel mehr an der Geschichte und ihrer Herkunft interessiert seien, als man gemeinhin annehme. Doch es gab auch Kritik: Rassenforschung betreibe er, hiess es etwa. Solche Aussagen, die seine Arbeit mit rassistischen Hintergründen in Zusammenhang brachten (siehe Kommentar «20 Minuten»), haben ihn geärgert. «Es hat überhaupt nichts mit Rassenforschungen zu tun. Dahinter stand einzig meine wissenschaftliche Neugier, etwas Bekanntes zu beweisen», sagt Anderhalden. «Bevor es DNA-Analysen gab, gab es solche Möglichkeiten gar nicht. Mich fasziniert es, was mit Molekularbiologie alles möglich ist.»

Der von Anderhalden nun erbrachte genetische Herkunftsbeweis räumt auch mit einem Mythos auf, an den viele in Ob- und Nidwalden heute noch gerne glauben. «Wir stammen nicht von den Römern ab. Auch wenn dieser Glaube immer noch sehr verbreitet ist», sagt Anderhalden und verweist etwa auf die Malereien aus dem Jahr 1607, die kürzlich in einem Haus in Sarnen entdeckt wurden (Ausgabe vom vergangenen Sonntag). «Die Bilder zeigen, wie viel Wert auch die Familie des damaligen Landammanns auf ihre vermeintlich römische Abstammung legte.» Es würde sicher ein weiterer interessanter Schritt sein, dies in Nid- und Obwalden anhand von Nachkommen von Ur-Römern gentechnisch genauer zu überprüfen.

Eigentlich sind wir alle Afrikaner

Anderhalden hat jüngst aber nicht nur den genetischen Beweis zur unterschiedlichen Abstammung erbracht, sondern dies auch als Grund für die unterschiedlichen Mentalitäten der Ob- und Nidwaldner angefügt. Nun sagt Anderhalden, dass diese Aussagen mit einem Augenzwinkern geschehen seien. Er habe sich dabei insbesondere auf Professor Jakob Wyrsch (1892–1980) bezogen – einen Nidwaldner aus Beckenried, der Chefarzt an der psychiatrischen Universitätsklinik Waldau in Bern war. 1946 hielt er vor einer Festgemeinde in Stans einen Vortrag mit dem Titel «Das Volk von Unterwalden».

Professor Wyrsch habe als Fachperson die Charaktereigenschaften der Leute in «unseren Talschaften sehr treffend formuliert», sagt Anderhalden und relativiert zugleich: «Die Mentalität der Menschen ist über die Jahrhunderte wohl schon mehr von ihrer Lebensart und Umwelt geprägt worden als von den Genen.» Hinzu komme auch, dass man in den DNA-Analysen «nur» die väterliche Linie berücksichtigt habe. So sei er selber väterlicherseits keltischer Abstammung, mütterlicherseits jedoch Nachfahre von Germanen. Und es habe in früherer Zeit viele Mischehen gegeben. «Wie uns die DNA-Tests zeigen, fanden die bärtigen Kelten ziemlich rasch Gefallen an den hereingeschneiten norddeutschen Frauen», sagt Anderhalden.

Die grossen Wanderungen der Urvölker liegen lange Zeit zurück und dauerten Tausende von Jahre. Doch Andreas Anderhalden zieht aus seiner Forschung eine Schlussfolgerung, die durchaus aktuell ist. «Alle Menschen dieser Erde stammen von Menschen ab, die als Klimaflüchtlinge vor etwa zwei Millionen Jahren aus Ostafrika ausgewandert sind», sagt er. «In diesem Sinne sind wir alle Afrikaner und wissen heute nicht, ob wir oder unsere Nachkommen ebenfalls einmal aus Klimagründen weiterwandern müssen.»

Hinweis

Andreas Anderhalden (68) lebt in Sarnen und beschäftigt sich seit 50 Jahren mit Medizingeschichte. Er war bis zur Pensionierung 30 Jahre Hausarzt in Sachseln.

Bericht: Andreas Anderhaldens Vortrag über seine Forschungen finden Sie unter www.obwaldnerzeitung.ch/bonus

Gene haben Einfluss auf Charakter und Mentalität

Kann das Erbgut Mentalitätsunterschiede zwischen Obund Nidwaldnern erklären? Die Frage könne man weder klar mit Ja noch mit Nein beantworten, sagt Sabina Gallati, Leiterin der Abteilung für Humangenetik der Berner Universitätsklinik. Klar sei aber: Die unterschiedliche Abstammung von Urvölkern könne man mit Hilfe der Genetik eindeutig nachweisen. Und verschiedene Völker hätten auch unterschiedliche Dispositionen. Will heissen: Sie sind unterschiedlich anfällig für die Ausbildung von einzelnen Krankheiten. Das habe «teilweise mit den Genen zu tun», sagt Gallati.

Gene sind nicht der einzige Grund

Über die Jahrhunderte oder Jahrtausende ergäben sich auch immer wieder Mutationen, Anpassungen an die Umweltbedingungen, um die Überlebensfähigkeit zu verbessern, sagt Gallati. Bei der Erbmasse spiele aber die mütterliche Linie eine ebenso grosse Rolle wie die väterliche. «Es ist aber nicht ganz von der Hand zu weisen, dass die genetischen Wurzeln auch einen Einfluss auf den Charakter und die Mentalität haben können.» Nur der Umstand der keltischen respektive alemannischen Abstammung sei aber sicher nicht allein für die Mentalitätsunterschiede verantwortlich.

Archäologe: «Fundlage ist dünn»

Hermann Fetz von der Luzerner Kantonsarchäologie, die im Auftrag die jeweiligen Fachstellen in Nid- und Obwalden betreut, kann die These von den Kelten und Alemannen so nicht untermauern. «Die Fundlage in der Region ist diesbezüglich dünn», sagt er. «Wir haben in beiden Kantonen Funde, die Kelten oder Alemannen zugeordnet werden können.» So fand man in der Pfarrkirche Stans etwa ein keltisches Mädchengrab, aber in der Brisenstrasse auch ein alemannisches Grab. Aus Obwalden indes seien ihm keine keltischen Gräberfunde bekannt, hingegen wurden in Sachseln frühgeschichtliche Gräber entdeckt, die vermutlich alemannisch seien. Und die in Obwalden gefundenen keltischen Münzen müssten nicht unbedingt von Einwohnern stammen, sagt Fetz. «Münzfunde kommen in allen Regionen, die eine wichtige Rolle im transalpinen Verkehr spielten, öfters vor.

Ergebnis beruht auf 41 Analysen

Der ehemalige Sarner Arzt Andreas Anderhalden kam dank einer Fernsehsendung auf die Idee, mittels DNA-Analysen die unterschiedliche Abstammung der Ob- und Nidwaldner zu beweisen. Im Beitrag von 2008 wurden Ur-Basler und Ur-Zürcher miteinander verglichen. Bereits damals sammelte Anderhalden erste DNAProben von Obwaldnern. Die Feier zum 200-Jahr-Jubiläum von Engelberg bei Obwalden war dann der Anlass, auch Proben von Nidwaldnern und Engelbergern zu entnehmen.

Weltweit grösste DNA-Datenbank

Insgesamt wurden neun Speichelproben an die spezialisierte Firma Igenea in Baar geliefert. Diese untersucht Proben mit Hilfe der weltweit grössten DNA-Datenbank – entstanden durch Analysen von Knochenteilen, die in den letzten 30 Jahren bei Ausgrabungen gefunden worden sind. Die Zuordnung erfolgt aufgrund von Grabbeigaben, der Geografie oder von archäologischen Erkenntnissen. Die Herkunftsanalyse bezieht sich auf den Zeitraum zwischen 900 vor Christus und 900 nach Christus. Um ein repräsentativeres Ergebnis zu erhalten, lieferte Anderhalden eine Liste von alten, eindeutigen Familiennamen von Engelberg, Nid- und Obwalden, nach denen die Datenbank abgesucht wurde. So kamen letztlich 41 Analysen zusammen.

HINWEIS: Mehr Infos zum Thema Herkunftsanalyse finden Sie unter: www.igenea.com

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