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FREILICHTSPIELE: Winnetou und die Helden von Engelberg

Nach wilden Ritten und unerbittlichen Kämpfen fliegen bei den Engelberger Winnetou-Spielen Friedenstauben in den Himmel. In diesem Moment erwachen viele begeisterte Zuschauer aus ihrem zweistündigen Traum vom Wilden Westen.
Romano Cuonz
Denise Feierabend und Geny Hess. (Bild: Romano Cuonz (Engelberg, 15. Juli 2017))

Denise Feierabend und Geny Hess. (Bild: Romano Cuonz (Engelberg, 15. Juli 2017))

Romano Cuonz

redaktion@obwaldnerzeitung.ch

Zuhinterst im Engelbergertal erheben sich zurzeit anstelle von Titlis und Hahnen die Rocky Mountains. Zu ihren Füssen fliesst Karl Mays berühmter Rio Pecos. Ja, noch mehr: Da werden vor Saloon, Barbierladen und Pferdestallungen des Wild-West-Städtchens St. Louis Kräfte gemessen. Es wird getanzt, gefeilscht und geschossen. Und spätestens, wenn vor einem Bilderbuch-Apachen-Pueblo auch noch erste Rothäute ihre Kanus wassern, ist dem letzten Zuschauer klar: Engelberg ist die neue Heimat der Helden Old Shatterhand, Winnetou, Sam Hawkens ... und, «leider» eben auch des Schurken Santer. Selbst Karl May hätte wohl seine helle Freude, die romantischen Landschaften, die er oft beschrieben, aber selber nie gesehen hat, so farbig und realistisch vor sich zu sehen!

Zu Staunen gibt es am Premierenabend aber auch sonst jede Menge. Da taucht vor neuer Kulisse – zur grossen Überraschung selbst der Initianten – plötzlich die wohl echteste Nscho-tschi aller Zeiten auf: Die heute 77-jährige Marie Versini, die in Harald Reinls Film stirbt und gerade deshalb unsterblich geworden ist! Sie signiert für begeisterte Fans Bücher. «Ich kam 1963 eben in Kroatien an, als Regisseur Harald mich gleich zur ‹Sterbeszene› bat», erinnert sie sich. Wahrscheinlich sei sie deshalb so natürlich gewesen. Und wer war eigentlich charmanter: Lex Barker oder Pierre Brice? «Beide gleich», meint Versini: «Winnetou war mein Bruder und Old Shatterhand mein Geliebter.» Hoch erfreut, dass sie das Idol ihrer Kindheit nun gar noch persönlich kennen lernt, ist die neue Nscho-tschi, Alejandra Cardona.«Wenn ich sterbe, mich auf der Felsenbühne von Old Shatterhand verabschiede, muss ich jedes Mal richtig weinen», verrät die Frau mit mindestens teilweise indianischen Wurzeln im fernen Kolumbien.

Da staunen heutige Häuptlinge

Wenn bärenstarke Indianer-Häuptlinge auf der Freilichtbühne kämpfen, fiebern im Publikum zwei heutige Häuptlinge mit. Obwaldens Frau Landammann Maya Büchi meint: «Der Aufwand, der hier betrieben wird, macht mir grossen Eindruck, die Naturkulisse ist einfach gewaltig!» Schon als Mädchen sei sie beim Lesen emotional berührt gewesen, und noch heute begeistere sie die Filmmusik von Martin Böttcher. Ihr selber aber würden nüchterne Fakten und Zahlen eher entsprechen als ein Abenteuerleben. Als Häuptling im Engelbergertal darf Talammann Alex Höchli gelten. Auf dem Ladentisch seiner Buchhandlung und in seinen Regalen kann man den einen oder andern «Leckerbissen» von Karl May entdecken, verrät er. Und die Aufführung? «Themen wie wahre Freundschaft und ein friedliches Mitein­ander verschiedener Kulturen, die in Winnetou zum Tragen kommen, sind zeitlos», ist der Politiker überzeugt.

Auch einer der heutigen «Waldläufer und Jäger» im Engelberger Tal, der frühere Hotelier Geny Hess, freut sich, dass die Helden ausgerechnet in seinem Jagdrevier wieder auferstanden sind, «Gerne nehme ich Old Shatterhand einmal mit auf die Jagd, um dem Greenhorn beizubringen, wie man eine Gämse trifft», lacht er und freut sich über das unterhaltsame Spiel von Christoph Kottenkamp. Die Spitzen-Skifahrerin Denise Feierabend ist zwischen zwei Trainingslagern in Magglingen und St. Moritz eigens nach Engelberg gekommen, um Winnetou kennen zu lernen. «Schon als Mädchen habe ich gerne Karl-May-Filme geschaut», erzählt sie. Mehr als glücklich sind zwei Jugendliche von heute: Erik Scheurer, in der 3. Oberstufe aus Engelberg und Regula Odermatt, eine KV-Stiftin aus Ennetbürgen. Beide sind sie Pferde­narren. Beide dürfen sie als Komparsen die edlen Tiere der Westmänner striegeln und füttern. «Mein Pferd heisst Jack und zwischendurch darf ich es auch reiten», schwärmt Regula Odermatt.

Ein «Goldschatz» für Touristiker

Wonach Bösewicht Santer in dieser Geschichte vergeblich jagt, fällt Touristikern buchstäblich in den Schoss: Nämlich ein «Goldschatz»! Mindestens im übertragenen Sinn. «Da wird in den Bergen etwas Neues auf die Beine gestellt, das will ich mit Propaganda von Mund zu Mund weitertragen», verspricht Barbara Gisi (Direktorin des Schweizer Tourismusverbandes). Und Frédéric Füssenich, der nun als Engelberger Direktor den Titlis sogar als Rocky Montains verkaufen kann, ist begeistert: «All das hat während zweier Jahre viel Energie und Aufwand gebraucht, jetzt freuen wir uns riesig, dass wir Winnetou und Old Shatterhand noch einen Monat bei uns haben.» Derweil träumen die Initianten – alle leicht ergraute Karl-May-Fans – bereits leise von einer Fortsetzung. «Warum eigentlich nicht, wo doch alles so gut läuft», sagt Regisseur Giso Weissbach. Und blickt, fast schon verträumt, in die herrliche Landschaft.

Barbara Gisi und Frédéric Füssenich. (Bild: Romano Cuonz (Engelberg, 15. Juli 2017))

Barbara Gisi und Frédéric Füssenich. (Bild: Romano Cuonz (Engelberg, 15. Juli 2017))

Die aktuelle Nscho-tschi Alejandra Cardona, die frühere Marie Versini und Regisseur Giso Weissbach. (Bild: Romano Cuonz (Engelberg, 15. Juli 2017))

Die aktuelle Nscho-tschi Alejandra Cardona, die frühere Marie Versini und Regisseur Giso Weissbach. (Bild: Romano Cuonz (Engelberg, 15. Juli 2017))

Regula Odermatt und Erik Scheurer. (Bild: Romano Cuonz (Engelberg, 15. Juli 2017))

Regula Odermatt und Erik Scheurer. (Bild: Romano Cuonz (Engelberg, 15. Juli 2017))

Frau Landammann Maya Büchi und Talammann Alex Höchli. (Bild: Romano Cuonz (Engelberg, 15. Juli 2017))

Frau Landammann Maya Büchi und Talammann Alex Höchli. (Bild: Romano Cuonz (Engelberg, 15. Juli 2017))

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