Frutt-Titlis-Hasliberg
Verbindung der Tourismusregionen kostet bis zu 70 Millionen Franken

Technisch ist eine Verbindung der drei Gebiete Frutt, Titlis und Hasliberg machbar. Das zeigt eine Studie. Die Anzahl Pistenkilometer, die ein Gebiet umfasst, wird immer wichtiger. Die Umweltverbände kündigen Widerstand an.

Christian Glaus und Philipp Unterschütz
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Die Gondelbahnen von Engelberg-Titlis, Melchsee-Frutt und Meiringen Hasliberg (von links) sollen einem Skigebiet angehören – diese Verbindung kostet bis zu 70 Millionen Franken.

Die Gondelbahnen von Engelberg-Titlis, Melchsee-Frutt und Meiringen Hasliberg (von links) sollen einem Skigebiet angehören – diese Verbindung kostet bis zu 70 Millionen Franken.

Bilder: Roger Grütter, Urs Flüeler / Keystone und PD

Können die Tourismusregionen Engelberg-Titlis, Melchsee-Frutt und Meiringen-Hasliberg verbunden und dadurch weiterentwickelt werden? Das hat eine Machbarkeitsstudie untersucht, welche die Bergbahnen sowie die Kantone Obwalden, Nidwalden und Bern 2018 initiiert hatten. Der Schlussbericht, der nun vorliegt, ist eine Zusammenfassung von acht Fachberichten. Diese sind alle im Internet auf der Webseite des Kantons Obwalden publiziert. Die Berichte untersuchten andere Skigebiete, befassten sich mit der Rentabilität und der Wertschöpfung einer Verbindung der drei Gebiete, der technischen Machbarkeit, oder dem Einfluss auf den Verkehr und auf Natur und Landschaft. «Für eine Machbarkeitsstudie sind wir sehr in die Tiefe gegangen», betonte Niklaus Bleiker, Projektleiter und Obwaldner alt Regierungsrat, am Montag an einer Medienkonferenz in Hasliberg-Reuti.

Die Machbarkeitsstudie zeigt: Eine physische Verbindung der drei Gebiete wäre technisch durchaus möglich. Die geschätzten Gesamtkosten belaufen sich auf 50 bis 70 Millionen Franken. Gemäss Studie wäre eine Verbindung zwischen der Melchsee-Frutt und Meiringen-Hasliberg «erheblich einfacher und kostengünstiger» als Richtung Engelberg-Titlis. Favorisiert wird letztlich im Bericht von der Melchsee-Frutt in Richtung Hasliberg eine praktisch horizontale Verbindung von der Balmeregg zur Planplatte und eine direkte Verbindung vom Fruttsee zum Glogghüs. Von Engelberg Richtung Frutt eine Verbindung der ehemaligen Talstation Engstlen zur Spycherflüö, dazu eine Verbindungsanlage von der Spycherflüö zur Erzegg. Ausser bei der Letztgenannten handelt es sich um reine Zubringerbahnen, die keine zusätzlichen Pistenkilometer erschliessen würden. Eine grobe Kostenschätzung für diese Variante liegt bei etwa 50 Millionen Franken.

Längere Aufenthaltsdauer der Gäste im Winter

Im Bericht wird aufgezeigt, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen den vorhandenen Pistenkilometern in einem Gebiet und den «Skierdays» gibt. Je grösser das Pistenangebot, desto gesuchter wird eine Destination für Skiferien, auch wenn die Verbindungen nicht immer genutzt werden. Diese Aussage kann durch diverse realisierte Verbindungen im In- und Ausland belegt werden. Die Zunahme der Skierdays entsteht auch nicht primär wegen neuen Gästen, sondern weil bestehende Gäste ihren Aufenthalt verlängern werden, was sich positiv auf die Logiernächte auswirken wird.

Durch die Verlängerung der Aufenthaltsdauer der Gäste im Winter dürfte die lokale Wertschöpfung zunehmen. Allerdings zeigt der Bericht auch auf:

«Eine Verbindung würde sich nur rechnen, wenn in allen drei Regionen zusätzliche warme Betten zur Verfügung gestellt oder kalte in warme umgewandelt werden und damit zusätzliche Logiernächte generiert werden. Überdies müsste die kostengünstigere Variante gebaut werden.»

Die Verkehrsanalyse hat dementsprechend ergeben, dass die Verbindung auf die Verkehrssituation nur geringe Auswirkungen haben wird. Weil die geplante Erhöhung der Skierdays vor allem über Verlängerungen von Aufenthalten passieren soll, sind sie für die zukünftige Verkehrsbelastung nicht relevant. Wie bereits heute würden die Kapazitäten der Zufahrtsstrassen und Parkplätze an fünf bis zehn Spitzentagen pro Saison überlastet sein.

Ein wichtiges Thema bei einem derartigen Projekt im sensiblen hochalpinen Raum ist natürlich der Einfluss auf Natur und Landschaft. Auch wenn die Verbindung Schutzgebiete wie Hochmoor oder Jagdbanngebiet nicht berührt, sie würde einen Eingriff in die Natur bedeuten und wäre sichtbar. Beat von Wyl, der die Kommission betreffend Natur und Landschaft begleitet hat, hält fest, dass man jeden einzelnen Standort von Anlagenteilen genau angeschaut und beurteilt habe. Die Eingriffe könnten durch eine Aufwertung der Lebensräume in der nahen Umgebung kompensiert werden. Das Gebiet sei in den Obwaldner und Berner Richtplänen als touristisches Schwerpunktgebiet ausgeschieden. «Die Belastungen können deshalb gut begründet werden. Die Konzentration auf heute schon intensiv genutzte Gebiete schützt die anderen naturnahen Gebiet.» Die Belastungen seien auch weit unterhalb der früheren Idee Schneeparadies, weil es diesmal nur um eine Verbindung ohne irgendwelche zusätzlichen Beschäftigungsanlagen gehe.

Medienkonferenz im Hotel Reuti Hasliberg (von links): Hans Wicki, Ständerat NW und VR-Präsident Engelberg Titlis Bahnen AG. Hanspeter Wenger, VR-Präsident Bergbahnen Meiringen Hasliberg AG. Markus Ettlin, Präsident Korporationsrat Kerns. Daniel Wyler, Volkswirtschaftsdirektor OW. Niklaus Bleiker, Projektleiter Machbarkeitsstudie und alt Regierungsrat OW.

Medienkonferenz im Hotel Reuti Hasliberg (von links): Hans Wicki, Ständerat NW und VR-Präsident Engelberg Titlis Bahnen AG. Hanspeter Wenger, VR-Präsident Bergbahnen Meiringen Hasliberg AG. Markus Ettlin, Präsident Korporationsrat Kerns. Daniel Wyler, Volkswirtschaftsdirektor OW. Niklaus Bleiker, Projektleiter Machbarkeitsstudie und alt Regierungsrat OW.

Bild: Philipp Unterschütz (Hasliberg, 8. November 2021)

Über das weitere Vorgehen entscheiden nun die beteiligten Bergbahnen. In einer ersten Stellungnahme äussert sich der Obwaldner Regierungsrat zurückhaltend optimistisch. Die Studie fokussiere stark auf den Wintertourismus, doch zeige sich, dass auch die Zahl der Sommergäste steige und ein Trend weg vom skifahrenden Gast bestehe.

«Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels und seinen Risiken sieht der Regierungsrat deshalb auch viel zukünftiges Potenzial im ganzjährigen Tourismus.»

Kampf durch alle rechtlichen Instanzen angekündigt

«Höchste Zeit für Abbruch der Sandkasten-Planspiele», heisst der Titel einer Medienmitteilung, welche die IG Pro Frutt-Engstlenalp am Montagabend veröffentlichte. Die IG, die in der Begleitgruppe Umwelt vertreten war und von der Projektleitung über die Ergebnisabklärungen informiert worden war, kritisiert das Projekt scharf. Die favorisierte Verbindung zeige, dass noch immer die Vorstellungen eines Schneeparadieses als Grundlage dienen würde und keine grundsätzlich neuen Ansätze geprüft wurden, welche nachhaltig und zukunftsfähig seien.

«Die drei Umweltorganisationen sind enttäuscht und ernüchtert, dass nach jahrelanger Planung keine alternativen Ideen zur touristischen Positionierung und Entwicklung des Gebiets ausgearbeitet wurden», heisst es in der Mitteilung. Sie distanzieren sich darum immer noch in aller Form und mit grosser Vehemenz von diesen Plänen. «Die Interessengemeinschaft Pro Frutt-Engstlenalp ist entschlossen, solche natur- und landschaftsunverträglichen Projektpläne rechtlich durch alle Instanzen zu bekämpfen.» Die IG fordere, dass das Projekt endgültig aufgegeben werde. Damit werde auch vermieden, dass weiterhin namhafte Bundes- und Kantonsgelder unnötigerweise – schlussendlich zulasten der Steuerzahlenden – ausgegeben würden.

Das sagen die Obwaldner Bahnverantwortlichen

Hans Wicki, Verwaltungsratspräsident Bergbahnen Engelberg-Trübsee-Titlis AG und Nidwaldner Ständerat: «Nun sprechen wir dank der Machbarkeitsstudie über Fakten und nicht mehr über Emotionen. Wir sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis der Studie. Die Skigebiete wissen nun, dass sie in 20 Jahren ein Problem haben und bezüglich Attraktivität zurückfallen, wenn sie nichts machen. Entscheidend für die Gäste sind mitunter die Pistenkilometer, die ein Gebiet umfasst. Wir hatten das Zusammenschlussprojekt immer in unseren Finanzplänen. Unserem eigenen Leuchtturmprojekt Titlis 3020 kommt es nicht in die Quere. Die Baubewilligung ist zwar noch nicht da, aber bis das Bewilligungsverfahren für die Verbindung der Gebiete erledigt ist, sind wir sicher fertig. Man muss aber schon sehen, dass es sich hier nicht nur um ein unternehmerisches Projekt handelt, sondern um ein Gesellschaftsprojekt. Die Region muss sich überlegen, ob sie den Tourismus will und daran glaubt.»

Markus Ettlin, Präsident Korporationsrat Kerns: «Das Gebiet Melchsee-Frutt würde in der Mitte der neuen Erlebnisregion liegen. Insofern haben wir und die Sportbahnen Melchsee-Frutt natürlich ein besonders starkes Interesse. Alle drei Bahnen sind aber sehr am Projekt interessiert. Wenn wir aber etwas realisieren wollen, brauchen wir vorgängig fundierte Analysen von Fachbüros. Und diese liefern die Berichte, die zur Machbarkeitsstudie zusammengefasst wurden. Jede Investition ist schliesslich auch eine grosse Herausforderung, die wir selber wieder erwirtschaften müssen. Wir besprechen die Machbarkeitsstudie nun zuerst in der Verwaltungskommission der Bahn und im Korporationsrat. Mitte Juni findet ein Treffen aller drei Bahnen statt, wo wir uns über die internen Erkenntnisse und Strategien austauschen und das weitere Vorgehen besprechen.»

So kam es zur Machbarkeitsstudie

Seit 2001 befassen sich die Bergbahnen Engelberg-Titlis AG, Sportbahnen Melchsee-Frutt sowie die Bergbahnen Meiringen-Hasliberg AG mit einer möglichen physischen Verbindung der drei Skigebiete. Der Idee «Schneeparadies» erwuchs 2003 insbesondere aus Natur- und Landschaftsschutzgründen grosser Widerstand. 2006 empfahl eine Masterarbeit an der Hochschule Luzern, durch eine umfassende Machbarkeitsstudie ein allenfalls vorhandenes Potenzial für alle drei Regionen abklären zu lassen. Aufgrund der Bereitschaft der Bergbahnen und der strategischen sowie volkswirtschaftlichen Bedeutung des Tourismus für den Kanton Obwalden hat der Regierungsrat das Volkswirtschaftsdepartement im September 2018 beauftragt, zusammen mit den anderen Projektträgern eine Machbarkeitsstudie zu erstellen. Auftraggeber waren die Kantone Obwalden, Bern und Nidwalden sowie die drei Bahnunternehmen Bergbahnen Engelberg Titlis AG, Sportbahnen Melchsee-Frutt und Bergbahnen Meiringen-Hasliberg AG. Als Kosten für die Studie wurden 400'000 Franken veranschlagt. (unp)

Video: Tele 1

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