Geburtshilfe im Kantonsspital Obwalden soll abgeschafft werden: Die Meinungen spalten sich

Der Gesundheitsökonome Willy Oggier erklärt, warum die Schliessung der Geburtenabteilung durchaus Sinn machen würde. Hebammen verstehen das Vorhaben des Spitalrats nicht.

Florian Pfister
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Wird es bald keine Geburtenabteilung im Kantonsspital Obwalden mehr geben? Die Task Force legt Ende dieses Jahres dem Regierungsrat eine Gesamtbeurteilung vor. Derweil gehen die Meinungen auseinander. Ein Experte findet das Vorhaben des Spitalrates in der neuen Strategie sinnvoll. Hebammen und Ärzte wehren sich hingegen.

Die mögliche Schliessung der Geburtenabteilung in Obwalden ist ein emotionales Thema.

Die mögliche Schliessung der Geburtenabteilung in Obwalden ist ein emotionales Thema.

Symbolbild: Alessandro Crinari/Keystone

«Aus wirtschaftlicher und qualitativer Sicht macht die Abschaffung durchaus Sinn», meint Willy Oggier, Gesundheitsökonom. Es brauche rund 800 bis 1000 Geburten pro Jahr, dass die Geburtenabteilung finanziell tragbar wäre. Im Kantonsspital Obwalden kommen aber jährlich nur rund 300 Kinder auf die Welt, viel zu wenig aus wirtschaftlicher Sicht.

«Man würde viel zu viel verlieren»

Für die freipraktizierende Hebamme Marianne Indergand wäre die Schliessung der Geburtenabteilung sehr schade. Die Kernserin arbeitet im als Beleghehamme im Kantonsspital Nidwalden, und auch freiberuflich in Obwalden. «Ich kann das nicht verstehen», sagt sie. «Auch wenn die Geburtenabteilung nicht rentabel ist, man würde viel zu viel verlieren im Kanton Obwalden. Die Geburtenabteilung ist zudem ein gutes Marketing für das Spital. Für andere Dinge hat man genügend Geld, warum nicht auch dafür?»

Auch weitere Hebammen in Obwalden sind dieser Meinung - auch Mitarbeiter des Spitals. Zwei Ärzte und eine Beleghebamme wehrten sich nach Bekanntgabe der neuen Strategie öffentlich in einer Anzeige im «Aktuell». Gegenüber unserer Zeitung nahmen sie keine weitere Stellung. In der Anzeige heisst es: «Die provokante Frage sei erlaubt: Warum sollen ausgerechnet die Frauen ausgelagert werden? Ist es nicht eine der der elementarsten Aufgaben einer Gesundheitsversorgung, dass Frauen wohnortnah, sicher und in guter Atmosphäre gebären können?»

Das Angebot in Obwalden wird geschätzt

Im Inserat betonen die Ärzte und die Hebamme die Stellung des Geburtenabteilung. «Als zweites Spital in der Schweiz hat die Frauenklinik in Sarnen 2019 die Zertifizierung zur hebammengeleiteten Geburt erworben.» Auch für Marianne Indergand wäre eine Schliessung genau aus diesem Grund bedauerlich: «Wir haben ein innovatives und frauenfreundliches Projekt, das man nicht aufgeben sollte.» Weiter heisst es in der Anzeige: «Dass das Angebot geschätzt wird, zeigt der hohe Anteil von 80 Prozent der Frauen, die im Kanton gebären, Tendenz steigend.»

«Natürlich sind Geburten immer mit grossen Emotionen verbunden», sagt Willy Oggier zu den Argumenten im Inserat. «Besonders wenn man die Philosophie vertritt, man müsse im selben Kanton geboren werden, leben und sterben. Das war aber früher sehr viel ausgeprägter als heute. Die Mobilität hat sich sehr verändert. Man kann nicht mehr davon ausgehen, dass die Leute auch in 30 oder 40 Jahren noch immer im selben Kanton wohnen.»

Auch für Spitalratspräsident Thomas Straubhaar ist klar: Es ist ein hochemotionales Thema.«Wir haben unseren Strategievorschlag an die Regierung weitergegeben. Sollte das Volk letztlich Nein stimmen, so betreiben wir die Geburtenabteilung weiter.» Er betont, dass dort sehr gute Arbeit geleistet wird. «Wir haben sehr hohe Vorhalteleistungen, die wenig genutzt werden. Diese Kosten, vor allem aber die grossen personellen Ressourcen können wir uns nicht leisten. Mitarbeitende, die an den Abenden und Wochenenden Dienst haben und wenige Patienten sehen, fehlen dann unter der Woche. Für den Spitalrat ist es ein wichtiger strategischer Entscheid für eine langfristige Sicherung des Standortes Sarnen und eine qualitativ gute medizinische Versorgung der Bevölkerung.»

Das Kantonsspital Obwalden.

Das Kantonsspital Obwalden.

Bild: PD

Bern und St. Gallen haben bereits viele Geburtenabteilungen geschlossen

Andere Spitäler hätten es vorgemacht, dass eine Schliessung der Geburtenabteilung funktioniert, sagt Willy Oggier. «Die Kantone Bern und St. Gallen haben schon vor über zehn Jahren damit begonnen, in Spitälern Geburtenabteilungen zu schliessen. Auch im Oberwallis wurde die Geburtenabteilung der beiden Regionsspitäler zusammengelegt.» Das sei deshalb ein gutes Beispiel, weil die Regionsspitäler zusammen ein Einzugsgebiet von 80'000 Personen haben, also etwa doppelt so viele Einwohner wie die des Kantons Obwalden.

Zwar hätte es im Kanton St. Gallen eine Volksinitiative gegeben, die geschlossenen Abteilungen wieder zu eröffnen. An der Urne wurde dieses Anliegen aber klar abgelehnt. «Wenn Geld dafür in gute Notfall-Versorgung und Rettungsdienste investiert wird, könnte auch die Bevölkerung in Obwalden für die Schliessung sein», sagt Willy Oggier.

Alternativen wären in Luzern vorhanden

Das Kantonsspital Obwalden hat aus Sicht von Willy Oggier bis anhin vieles richtig gemacht. Nachdem das Kantonsspital Nidwalden begann, mit dem Kantonsspital Luzern zusammen zu arbeiten, sei es von Obwalden richtig gewesen, abzuwarten. «Sarnen ist gegenüber von Stans vom Leistungsangebot her anders positioniert. Man konnte Erkenntnisse aus den Erfahrungen von Nidwalden gewinnen.»

Eine mögliche Zusammenarbeit könnte nicht nur mit dem Luzerner Kantonsspital geschehen. Eine passende Alternative sieht Oggier in der Hirslandenklinik St. Anna in Luzern. Das Kantonsspital Obwalden arbeitet bereits mit der Einrichtung zusammen. «Die Klinik St. Anna verfügt über eine hohe spezialisierte Versorgung,»

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