Geduld

Otto Leuenberger beschäftigt sich in seinem «Ich meinti» mit der Vorweihnachtszeit.

Otto Leuenberger
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Otto Leuenberger. (Bild: PD)

Otto Leuenberger. (Bild: PD)

Zwischen Spätherbst und Vorwinter. Herbststürme haben gefegt, erster Schnee fiel bis ins Flache. Nass, feuchtkalt und garstig war es und neblig wird es. Die Natur zieht sich zurück, das Licht schwindet, es wird zunehmend dunkler. Drinnen, in Haus und Wohnung an der Wärme, lässt sich’s wunderbar wohlig einlummeln.

Die Vorboten zum Jahreshöhepunkt zu Weihnachten sind schon länger allgegenwärtig. Die ersten Kaufräusche und Schnäppchenjagden sind vorbei, wie die des «Singles day». Die verheissungsvollen Werbebroschüren mit Bildern voll weisser Weihnachten und ausladenden Festtagstischen liegen bereits im Altpapier. Die Ankündigungen zu all den Weihnachtsmärkten versprechen romantische, gesellige Gefühle und viel Stimmung. Düfte von Glühwein, Lebkuchen, Zimt und gebratenen Maroni ziehen auf. Advent und Weihnachten laden sich langsam auf. Kitsch kommt dabei nicht zu kurz. Alle Jahre wieder.

Als Kind war der Spielzeugkatalog von Franz Carl Weber das Grösste und die Sehnsucht nach baldiger Weinhnachtsbescherung fast nicht zu bändigen. Aber zuerst war da der Advent. Warten, Geduld. Wenn dann die Hürde Samichlaus geschafft war, galt es nur noch, die Fenster im Adventskalender aufzuklauben. Einfach nur warten.

Advent bedeute Ankunft, lese ich. Es ist die Vorbereitung und das Warten auf die Niederkunft vom Menschensohn Gottes, von Jesus Christus. Eigentlich eine Zeit zum Anhalten, zum Innewerden, sich eben vorbereiten. Passt eigentlich wunderbar zu dem, was in der Natur geschieht. Ein natürlicher Erholungsprozess für Körper, Geist und Seele. Nur will da der drohende Vorweihnachtsstress nicht so recht passen. Auch prasselt aus der Welt so viel Ungereimtes, Aufwühlendes, Schreckliches auf mich ein, dass es kaum auszuhalten ist. Wie kann man das ausblenden und sich im Glückseligen räkeln?

Ich bin da neulich in einem Sonntagsmagazin auf einen Artikel gestossen. Sie kennen jenen Begriff aus Kreuzworträtseln: waagrecht, philosophische Schule, vier Buchstaben – Stoa. Das ist das mit der stoischen Ruhe. Ein kurzer Bericht von einem Stoikerkongress, unterhaltsam und gar nicht abgehoben. Leute wie sie und ich setzen sich mit Einsichten der Antike eines Seneca, Marc Aurel oder Epiktet auseinander. «Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern unsere Meinungen darüber», heisst es da. «Es ist, wie es ist. Annehmen, was man nicht kontrollieren kann, die Gefühle anderer zum Beispiel». Wunderbar. «Selbstbetrachtungen aus einer Vogelperspektive, nicht grübelnd, einfach so». «Vernunft statt Aktivismus, positive Gedanken statt negative Gefühle – wem das gelingt, der befreit sich aus einer Art Machtlosigkeit...» Schöne, tröstende Gedanken, wie ein die Seele wärmender Grogg. Und nun? Einfach eine weitere «Betriebsanleitung» zu einem sinnerfüllten Leben?

Na ja. Dennoch, ich such mal einen anderen Zugang zum Advent. Abhängen im Nachhängen und Sinnieren, in einer Art Mediation. Das geduldige Warten auf Ankunft der Erkenntnis. Mir Zeit nehmen und geben, Geduld üben. Mal schauen was passiert und abwarten. Laaaangsaaam rieselt es gen Weihnachten.

Otto Leuenberger, ehemaliger Leiter Freizeitzentrum Obwalden und «Jungpensionär», aus Giswil äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbstgewählten Thema.