Gesellentheater Sarnen: Alle reden, nur der tote Jimmy hört zu

Viele Zeitgenossen sind mit sich selber so beschäftigt, dass sie ihre Zuhörer gar nicht mehr richtig wahrnehmen. Dieser Tatsache geht zurzeit das Gesellentheater in einer Krimikomödie auf den Grund: brillant und höchst turbulent!

Romano Cuonz
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Urkomisch: einseitiger Dialog zwischen dem Redenschreiber (Silvio Rainoni) und dem Toten (Max Dillier). (Bild: Romano Cuonz, Sarnen, 16. März 2019)

Urkomisch: einseitiger Dialog zwischen dem Redenschreiber (Silvio Rainoni) und dem Toten (Max Dillier). (Bild: Romano Cuonz, Sarnen, 16. März 2019)

Irgendwie bezeichnend für unsere heutige Zeit und vor allem auch für die zu ihr gehörende Politik: Da wird geredet und geredet, nur zuhören kann und will fast keiner mehr. Es sei denn – und dies ist die brillante Idee des amerikanischen Autors Burton Bumgarner – dem Gesprächspartner bleibe gar nichts anderes mehr übrig. Ganz einfach, weil er schon tot ist!

In der witzig makabren Krimikomödie «Wer ist Jimmy» wirbeln zehn Darstellerinnen und Darsteller während einer klassisch langweiligen Wahlparty, samt Drinks, Häppchen und all den grossen Worten, um den toten Jimmy herum. Max Dillier spielt den Toten über Stunden einfach einmalig, ja unglaublich lebendig! Jede und jeder macht Bekanntschaft mit Jimmy. Jedoch: weil sich alle auf dem Egotrip befinden, wird keiner und keinem bewusst, dass ihr einziger Zuhörer ein Toter ist. Ausgenommen natürlich Gauner Hari, der den Toten hergebracht hat (Walter Hartmann spielt sich da als Aussenseiter prächtig in den Mittelpunkt). Und der tüchtig in der Klemme steckende Hausherr Rolf (Wendelin Windlin zeichnet ihn echt verzweifelt). Die beiden sind einen Theaterabend lang redlich bemüht, den unbekannten Toten endlich zu entsorgen. Doch es will einfach nicht gelingen. Jimmy bleibt, regungslos und völlig deplatziert, auf dem Sofa sitzen. Lässt ab und zu seinen Kopf auf fremde Schultern fallen, wird vom beschwipsten Kellner (Sämi Burch) bedient oder vom einen oder der andern auch mal herumbugsiert. Und als dann eine übereifrige Nachbarin die Polizei alarmiert, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Die leitende Inspektorin (Karin Dürr amüsant dominant auftretend) und ihr mehr als doofer Assistent Schröttli (Erich Küchler spielt ihn wunderschön komisch) leisten ganze Arbeit. Der Fall wird mit Ach und Krach aufgeklärt. Nur so viel sei verraten: zur Zufriedenheit aller.

Auf der Bühne herrscht ein bunt witziger Trubel, bis  die leitende Polizeiinspektorin die Titelfrage «Wer ist Jimmy?» beantworten kann. (Bild: Romano Cuonz, Sarnen, 16. März 2019)

Auf der Bühne herrscht ein bunt witziger Trubel, bis die leitende Polizeiinspektorin die Titelfrage «Wer ist Jimmy?» beantworten kann. (Bild: Romano Cuonz, Sarnen, 16. März 2019)

Zehn Charaktere pikant karikiert

Gerhard Halter leistet – als Regisseur und Bearbeiter – mit Laien umsichtig und ideenreich ganze Arbeit. Charaktere zeichnet er sehr markant. Ja, er karikiert sie. Pikant und auf amüsante Weise. Mit allen Figuren werden ganz typische Erscheinungen unserer umtriebigen Zeit parodiert: Da agiert als Wahlkampfleiterin Jacqueline Felder. In einem nicht zu stoppendem Redeschwall preist sie ihre ganze Genialität an. Silvio Rainoni mimt einen von sich eingenommenen Redenschreiber, dem es trefflich gelingt, beim Publikum so unsympathisch wie nur möglich rüberzukommen. Das neureiche Ehepaar Pulver (Monika von Wyl und Simon Küchler) zeigt fast penetrant, wie hohl und wenig effizient Politik sein kann. Die Kritik am Politgeschäft gipfelt in der Hauptdarstellerin, der Kandidatin fürs Parlament, die als Einzige überhaupt nichts begreift. Petra Kathriner gibt sich in dieser Rolle hübsch naiv. Sie bringt es nicht einmal fertig, ein ganz klein wenig durchtrieben zu sein!

Neben Geri Halter und dem Ensemble sorgen auch Spezialisten für Licht und Ton, Bühnenbauer, Friseusen und Maskenbildner für einen Theaterabend, an dem man staunen, lachen und sogar etwas nachdenklich sein kann. Schade nur, dass der sonst unglaubliche Fluss, das Tempo am Schluss stockt, weil – nicht die Gesellenbühne, sondern der Autor – die Spieler plötzlich viele völlig unnötige Erklärungen abgeben lässt. Aufs prächtige Schlussbild mit einem urkomisch ratlos aus der Wäsche guckenden Polizeitölpel als letztem Darsteller auf der Bühne dürfte man viel direkter zusteuern.

Bis zum 6. April finden noch sechs Aufführungen in der Sarner Aula Cher statt. Vorverkauf über www.gesellen-theater.yourticket.ch