Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

GISWIL: Bergrutsch: Er erntete gerade Birnen, als es rumpelte

Theo Sigrist gehört zu den wenigen, die den Bergrutsch heute vor 30 Jahren hautnah miterlebt haben. Die Ursache der Naturkatastrophe blieb bis heute ein Rätsel.
Christoph Riebli
Theo Sigrist im Äschi, wo er den Bergrutsch damals beobachtete. Der Rutsch ging hinter der heutigen Fahrleitung der Zentralbahn (links im Hintergrund) ins Tal. (Bild Corinne Glanzmann)

Theo Sigrist im Äschi, wo er den Bergrutsch damals beobachtete. Der Rutsch ging hinter der heutigen Fahrleitung der Zentralbahn (links im Hintergrund) ins Tal. (Bild Corinne Glanzmann)

Christoph Riebli

«Es war ein prächtig schöner Tag», erinnert sich Theo Sigrist an heute vor 30 Jahren. Um genau 10.43 Uhr sei es dann passiert: «Ich schüttelte gerade mit einer Stange Birnen vom Baum. Dann fing es plötzlich an, auch unter mir zu rumpeln. Es gab einen dumpfen Knall und etwas später noch einen», schildert der 74-Jährige die damaligen Ereignisse. Er sei dann intuitiv näher zum Grollgeräusch gelaufen, um sich einen Überblick zu verschaffen: «Als ich nach unten ins Tal sah, merkte ich plötzlich, wie sich der benachbarte Wald in Bewegung setzte. Da standen schwere Buchen drauf, die umknickten, als seien es Zahnstocher.» Diese drei Minuten der Ungewissheit haben sich tief in sein Gedächtnis eingeprägt: «Das ist schon ein Erlebnis, das einem bleibt, wenn man nicht weiss, ob man selber lebendig begraben wird.» Er habe ja nicht gewusst, «ob es der Abriss bis zu mir schafft». Als Nächstes eilte er zurück ins Haus und verständigte den Bahnhofvorsteher, dass die Brüniglinie unter einer Steinlawine begraben worden sei.

Riesige Staubwolke bis zur Kirche

Rund eine Million Kubikmeter Geröll donnerten an jenem 8. September 1986 in Giswil zu Tal (siehe Kasten), begruben nebst der Bahntrasse auch die Brünigstrasse unter sich. Zwei tote Autofahrer und eine schwerverletzte Frau forderte der Bergrutsch. Bis heute ist die Ursache ungeklärt. Es geschah wie aus heiter-hellem Himmel. Respektive: Es war an jenem Morgen ziemlich neblig: «Es hing wie ein Dunstschleier über dem Gebiet, ich sah ins Tal, aber die Leute vom Dorf nicht an den Berg», sagt Theo Sigrist. Viele Giswiler hätten den Bergrutsch denn auch gehört, mit eigenen Augen gesehen haben ihn aber wohl die wenigsten. Dies nicht nur, weil Sigrist keine unmittelbaren Nachbarn hat und ihn die Geröllmassen im Äschi am Rudenzerberg um gerade mal 200 bis 300 Meter «verfehlten»: «Die Staubwolke nach dem Abgang war riesig und reichte bis zur Kirche und ins Aaried.»

Ins Staunen gerät Theo Sigrist wegen dieser Naturgewalt auch heute noch. Und zwar nicht nur wegen ihrer Zerstörungskraft: «Auf einem Gebiet von etwa 6 Hektaren war alles eine grosse Steinwüste», schätzt er, «heute ist es wieder ein richtiger Wald. Praktisch nichts erinnert mehr an den Bergrutsch.» Wie schnell das üppige Grün den nackten Stein überwucherte, sich darauf Humus bildete, fasziniert ihn.

Eine Erklärung für den damaligen Rutsch hat auch der pensionierte Landwirt nicht. «Ein Geologe hat mir mal erzählt, dass sich durch die lang anhaltende Trockenperiode im Vorfeld wohl der Wasserhaushalt im Innern des Berges veränderte und sich dadurch eine Instabilität ergeben hat.» Ob das stimme, wisse er auch nicht. «Mir leuchtet es zu­mindest ein.» Normalerweise passierten solche Rutschungen ja im Zusammenhang mit stärkeren Niederschlägen «und nicht, wenn es über längere Zeit trocken war».

Spuren eines früheren Rutschs

Gut ein Jahrzehnt später, im Vorfeld der Bauarbeiten für den Umfahrungstunnel Giswil, der seit 2004 direkt unter dem Äschi hindurchführt, erhielt Theo Sigrist dann erneut Besuch. Diesmal von einem Bohrspezialisten. «Fünf Meter von der Hausecke entfernt haben sie Testbohrungen gemacht.» 46 Meter tief. «Auf 21 Meter Tiefe stiessen sie auf eine schwarze, feuchte Erdschicht mit Holz drin», erinnert sich Sigrist noch genau. «Der Bohrmeister meinte, so etwas habe er erst zum zweiten Mal vor sich» – ein Indiz für einen älteren Bergrutsch. «Vielleicht vor 3000 oder 5000 Jahren. In Chroniken hat man deswegen nie etwas gefunden.» Zumindest seit 1796 gab es ausser Steinschlägen nie einen vergleichbaren Niedergang. So lange ist die Familie Sigrist nämlich bereits im Äschi wohnhaft.

Zwei Tote, eine Verletzte und eine Umfahrung in Rekordzeit

Die schwer verletzte Fahrerin unten auf der Bahre. (Archivbild Josef Reinhard)

Die schwer verletzte Fahrerin unten auf der Bahre. (Archivbild Josef Reinhard)

Das Unfallauto. (Archivbild Josef Reinhard)

Das Unfallauto. (Archivbild Josef Reinhard)

Bergrutsch. «Es sind keine Vorzeichen bekannt geworden, welche das Ereignis angekündigt hätten», schreibt der Zürcher Geologe Andres Wildberger in seinem Bericht zum Giswiler Bergrutsch vom 8. September 1986. Die Rutschkatastrophe habe sich in einer unüblichen Jahreszeit – während einer ausgesprochenen Trockenperiode – ereignet. «Im Gegensatz zum Mechanismus der Rutschung konnte der Zeitpunkt des Ereignisses nicht plausibel begründet werden», hielt dieser 1988 weiter fest. Der sogenannte Schuttsturz hat eine bewaldete Flanke mit Hangschutt und «versacktem Fels» betroffen, in die sich zwei Wildbäche tief einerodiert hatten.

Zwei Züge in unmittelbarer Nähe

Was war geschehen? Heute vor 30 Jahren donnerten in Giswil um zirka 10.40 Uhr 800 000 Kubikmeter Schutt über das Bahntrassee und die Kantonsstrasse – der Kegel war rund 200 Meter breit und 1000 Meter lang. Die Rutschung erfolgte in Etappen und entwickelte eine derartige Kraft, dass eine 36 Meter lange Eisenbahn-Stahlbrücke 200 Meter talwärts gerissen, die Strasse bis 15 Meter tief verschüttet wurde. Unter den Schuttmassen wurden auch auch ein 30-jähriger Lastwagenchauffeur aus Wilen sowie ein 22-jähriger Landwirt aus dem Aargau begraben, die nur noch tot geborgen werden konnten. Eine junge Frau konnte nach rund zwei Stunden schwer verletzt aus ihrem Fahrzeug geborgen werden.
Trotz dieser Tragödie spielte an jenem Montag auch Glück mit: 25 Minuten zuvor hatte ein Brünig-Zug – offenbar mit diversen Schulklassen aus dem Haslital an Bord – den Hang passiert. Der darauffolgende Zug wäre gar fünf Minuten nach dem Niedergang fällig gewesen.

Einwöchige Suche nach Vermissten

«Die ersten Soforthilfemassnahmen wurden von einer zufällig sich im Gebiet befindlichen Polizeipatrouille ausgelöst», hielt der damalige Baudirektor Adalbert Durrer fest. Nebst Feuerwehren, Ärzten, Katastrophenhunden, Rega, spontanen Helfern sowie Gemeinde- und kantonalem Führungsstab leistete auch das Militär – insgesamt mit fast 500 Soldaten – 24-Stunden-Einsätze. Für eine Woche hatte die Suche nach weiteren Opfern erste Priorität – rund 10 Personen galten als vermisst, darunter auch eine Familie mit drei Kindern, die später wohlbehalten im Tessin wieder auftauchte.

Bereits am Abend nach dem Rutsch war eine Notstrasse – ein Flur- und Waldweg für Pendler nach Lungern – in Betrieb. Bis am 30. September die asphaltierte Umfahrungsstrasse – innert nur 18 Tagen – in Betrieb genommen wurde, blieb Lungern aber vom Sarneraatal abgeschnitten: «Hotels, Restaurants, Geschäfte, Campingplatz und die Luftseilbahn erleiden sehr empfindliche Einbussen. Wir sehen daher der Fertigstellung der neu gebauten Umfahrungsstrasse mit Sehnsucht entgegen», sagte der damalige Präsident des örtlichen Kur- und Verkehrsvereins, Hans Sutter, gegenüber dem «Obwaldner Wochenblatt».

Die Baukosten für die Strasse ohne die militärisch geleistete Arbeitszeit betrugen rund 2,5 Millionen Franken. Die Brünig-Bahn nahm ihren Betrieb kurz vor Weihnachten wieder auf. Ende 1990 war die definitive Strassenverbindung als Bestandteil der A 8 wiederhergestellt.

Natur bleibt rätselhaft

«Die Natur ist immer ein Rätsel, das muss man einfach akzeptieren», sagt Peter Lienert, «niemand hätte den Rutsch voraussehen können. Es war reiner Zufall, dass sich der Schuttpfropf genau dann löste.» Der pensionierte Oberförster war damals ganz neu im Amt. Die Bewältigung der Katastrophe sei «extrem lehrreich» gewesen, gerade auch für den Führungsstab, der unter andrem bei den Unwettern von 1997 und 2005 davon profitiert habe.

Mittlerweile hat sich das Gebiet beruhigt: «Im betroffenen Bereich von Buochholz-Chaiserstuelwald wuchs ein neuer Wald heran. Es bestehen in diesem Gebiet keine besonderen Gefahren mehr. Es ist nur noch mit Steinschlag und Murgängen wie in den benachbarten Gebieten zu rechnen», erklärt Urs Hunziker, Amt für Wald und Landschaft.

11. September 1986, Überflug auf 2704 Metern: Im schwarzen Kreis das Gebiet Äschi, im Geröllkegel die beiden zerstörten Verkehrsachsen. (Bild: Stiftung Luftbild Schweiz/Swissair Photo AG)

11. September 1986, Überflug auf 2704 Metern: Im schwarzen Kreis das Gebiet Äschi, im Geröllkegel die beiden zerstörten Verkehrsachsen. (Bild: Stiftung Luftbild Schweiz/Swissair Photo AG)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.