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GISWIL: Jeder baut sein eigenes Zelt und ist seines Glückes Schmied

Im Schulzimmer ist häufig zu wenig Tiefgang. Deshalb gingen Lehrer und Erlebnispädagogen mit 28 Teilnehmern des kantonalen Brückenangebots nach draussen in die Natur. Dort machten sie ganz neue Erfahrungen.
Marion Wannemacher
Erlebnispädagogik im Schulischen Brückenangebot. 28 Schüler übernachten in selbst gebauten Zelten im Giswiler Forst. links: Lucas Zack, Bildmitte Sandra Kentischer. (Bild Marion Wannemacher, Giswil, 24.8. 2017)

Erlebnispädagogik im Schulischen Brückenangebot. 28 Schüler übernachten in selbst gebauten Zelten im Giswiler Forst. links: Lucas Zack, Bildmitte Sandra Kentischer. (Bild Marion Wannemacher, Giswil, 24.8. 2017)

Marion Wannemacher

marion.wannemacher@obwaldnerzeitung.ch

Oh je, die Wetterprognosen sehen nicht gut aus. 28 Teilnehmer des Brückenangebots vom Kanton Obwalden sitzen mit ihren drei Lehrern und den externen Betreuern Lucas Zack und San­dra Kentischer unter abgespannten Blachen im Giswiler Forst. Für den Nachmittag sind Gewitter gemeldet. Die Teilnehmer müssen sich noch ihre Zelte bauen und später gemeinsam kochen. Erlebnispädagogik heisst das Stichwort. Seit Montag besuchen sie ein Angebot für Schulabgänger ohne Lehrstelle. Statt Unterricht im Klassenzimmer wird gemeinsam im Wald gecampt. Für viele Teilnehmer eine ganz neue Erfahrung.

«An diesen zwei Tagen geht es um Teambildung und Entwicklung von Sozialkompetenzen. Es geht darum, eigene Ziele zu finden, neue Ressourcen zu entdecken. Im Schulzimmer ist häufig zu wenig Tiefgang», sagt Lucas Zack. Unter den Teilnehmern sind Schweizer und junge Menschen mit Migrationshintergrund. Häufig hätten gerade Flüchtlinge auch noch schwierige Schicksale zu verarbeiten, erzählt Klassenlehrer Manuel Schaub. Beim einjährigen Brückenangebot gibt es ein schulisches Angebot mit vier Tagen Schule und einem Tag Praktikum und das kombinierte mit zwei Tagen Schule und drei Tagen Praktikum. «In der ersten Woche starten wir mit der Bewerbungswoche. In engmaschiger Betreuung schauen wir die Unterlagen, ­Lebenslauf und Zeugnisse an.»

«Du hast es in der Hand, etwas zu machen»

Diesen Vormittag haben sich die drei Klassen am Steinibach zusammengesetzt. Die eigenen Stolpersteine waren Thema in der symbolträchtigen Landschaft. «Was war Auslöser dafür, dass ich keine Lehrstelle gefunden habe?», nennt Erlebnispädagoge Lucas Zack eine der wesentlichen Fragen. «Denn wichtig ist zu erfahren: ‹Du hast es in der Hand, etwas zu machen.›» Zack nennt diesen Punkt «Selbstwirksamkeit». Er betont: «Sie können etwas für ihr Glück tun.»

Manchmal geht es im ersten Schritt einfach nur um eine klare Kommunikation. Andere aussprechen zu lassen, sie zu respektieren. In einer Fragerunde möchte Lucas Zack von den Teilnehmern wissen, was sie brauchen, um in der Nacht gut ­schlafen zu können, oder was sie beisteuern möchten. Ganz unterschiedliche Antworten kommen: Ein Teilnehmer möchte einfach nur ungestört schlafen. Ein Mädchen wünscht sich ihre Freundin als Nachbarin, die Freundin will das auch. Eine Lehrerin und ein Mädchen bieten sich als Anlaufstelle für diejenigen an, die Angst haben. Dann geht es an die Praxis. Lucas Zack und Sandra Kentischer demonstrieren Knoten zum Fixieren und solche zum Festziehen. Die Teilnehmer klatschen artig. Sie sollen sich ihre Übernachtungsplätze selbst suchen. Danach gibt es eine «Daumenrunde». Die meisten halten den Daumen nach oben, sie sind zufrieden mit ihrem Platz und ihren Nachbarn. Den andern hilft der Outdoor-Experte mit praktischen Tipps.

Optimistischer Blick in die Zukunft

Simona Angelovska aus Giswil hat noch nie ein Zelt selbst gebaut und nimmt sich vor: «Sicher werde ich später selbst mal mit Kollegen zelten gehen.» Mittler­weile schaut die 15-Jährige wieder optimistisch in ihre Zukunft. Das war nicht immer so. «Bis März hatte ich keine Lehrstelle gefunden. Dann fiel ich bei der Aufnahmeprüfung der Gesundheitsmittelschule Luzern durch. Ich war verwirrt und wusste nicht, was ich machen sollte.» Ihr Klassenlehrer vermittelte ihr das Brückenangebot. «Jetzt habe ich noch ein Jahr länger Zeit und kann auch die Sprache besser lernen.» Simona stammt aus Mazedonien, hat in Italien gelebt und ist seit drei Jahren in der Schweiz. Seit einigen Wochen macht sie ein Praktikum im Hergiswiler Seniorenzentrum Zwyden, schulbegleitend bis kommenden Juni. «Ich fühle mich jetzt nicht mehr so unter Druck. Und ich habe mir vorgenommen, in ein paar Berufe hineinzuschnuppern.» Auch ihre Fehler bei früheren Bewerbungen sind ihr jetzt klar. «Ich habe nicht angerufen, sondern meine Bewerbungen nur schriftlich geschickt. So hatte ich gar keine persönlichen Eindrücke.» Die junge Frau hat gute Chancen, nach dem Brückenjahr eine Ausbildung zu beginnen. Rund 90 Prozent der Teilnehmer gelingt das, schätzt Manuel Schaub.

Unterdessen donnert und hagelt es. Für die Teilnehmer keine Katastrophe. Klar freut sich hier niemand übers schlechte Wetter. Aber die meisten finden schon mal Schutz in ihrem selbst gebauten Zelt. Und lassen sich nicht unterkriegen.

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