GISWIL: Volkskulturfest setzt auf Kontinuität

Das Obwald Volkskulturfest begeisterte während vier Tagen mit scharfen mexikanischen Klängen. Nächstes Jahr sollen es vor allem hiesige Musiker richten.

Simon Bordier
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Der «Chœur des Armaillis de la Gruyère» aus dem Gastkanton Freiburg erobert das Publikum. (Bild Nadia Schärli)

Der «Chœur des Armaillis de la Gruyère» aus dem Gastkanton Freiburg erobert das Publikum. (Bild Nadia Schärli)

Am Eidgenössischen Jodlerfest in Davos fielen die Zentralschweizer Jodlerinnen und Jodler dieser Tage durch Abwesenheit auf (siehe Seiten 19-21). Das Interesse an der Volkskultur konzentrierte sich in unserer Region auf ein kleines Festival auf einer Waldlichtung ob dem Sarnersee: das Obwald Kulturfest in Giswil.

«Der kleine Rahmen behagt mir besser als der Grossanlass in Davos. Es entspricht auch eher meiner Vorstellung von Volkskultur als das mit Alphorn, Fahnenschwingen und Trachten volkstümlich-traditionell gehaltene Jodlerfest», meint Karin Bucher (54) aus Buttisholz, die das Giswiler Kulturfest zum ersten Mal besucht. Und sie nennt den Grund, der auch viele andere Zentralschweizerinnnen und Zentralschweizer von einem Besuch in Davon abhielt: «Der Weg ins Bündnerland ist lang, Giswil liegt in der Region.»

Kontinuierliches Wachstum

Das dürfte in den Ohren von Martin Hess wie Musik klingen. Der Obwaldner Leiter des Festivals freut sich über den hohen Publikumserfolg: Innerhalb weniger Wochen waren die vier Veranstaltungen praktisch ausverkauft, 4200 Besucher fanden den Weg nach Giswil. Doch deswegen hegt Hess keine grossen Expansionspläne. «Wir sind in neun Jahren langsam, aber kontinuierlich gewachsen. Die familiäre Seele des Festivals wollen wir jetzt nicht einfach aufgeben», sagt der Festivalleiter im Gespräch.

Der wachsenden Nachfrage will er aber nächstes Jahr entgegenkommen, indem das Festival von heute vier auf sieben Veranstaltungen erweitert wird, verteilt über zehn Tage (Ausgabe vom 28. Juni). Für die einzigartige Volksfeststimmung sollen auch künftig vor allem die Obwaldner Besucher sorgen, die beim Kartenverkauf weiterhin «in der einen oder anderen Form» begünstigt werden sollen. «Die Volksmusik hat ihre Wurzeln im Alltag der Bevölkerung, davon sollte man sich nicht entfernen», erklärt Hess.

Die idyllische Lage in der Waldlichtung und die ausgeklügelte Zeltkonstruktion tragen das ihre zur einzigartigen Atmosphäre bei, wobei das Zelt diesmal vom Wetter verschont wurde. «Die heftigen Gewitterfronten vom Freitag zogen knapp an uns vorbei. Das Zelt würde aber einem solchen Unwetter standhalten, nur die Stimmung im Publikum könnte kippen», meint Fabian Christen, der technische Leiter des Festivals. Seinen Chef bringt auch das nicht aus der Ruhe: «Blitz und Donner gehören schliesslich zum archaischen Klang der Volksmusik», meint Martin Hess.

Für archaische Klänge sorgte dieser Tage insbesondere das Gastland Mexiko, das mit zwei Formationen in Giswil vertreten war. Das Trio Guardianes, das aus einer armen Bauernregion Mexikos stammt, heizte dem Publikum mit inbrünstigen Stimmen, scharfen Pfiffen, schrammenden Gitarrenakkorden und gefiedelten Violinenmelodien ein, während die Musikerfamilie Los Utreras zum Klang ihrer kleinen und grossen Gitarren sehnsuchtsvolle Lieder anstimmte.

Schweizer Mentalität überrascht

«Die Improvisationskunst der mexikanischen Volksmusik kennt man in der Schweiz in dieser ausgeprägten Form nicht», sagt der Mexikaner Martin Soto Climent, der die Gastformationen in Giswil betreute. Seine Landsleute seien zudem von der aus ihrer Sicht verhaltenen Stimmung im Publikum überrascht gewesen «bis sie die Schweizer Mentalität besser kennengelernt haben. Dann ist der Funke übergesprungen.» Auch die Schweizer Volkslieder hätten sie zum ersten Mal fasziniert gehört, so Climent: «Sie klingen irgendwie religiös-choralartig.»

10-Jahr-Jubiläum mit Überraschung

Diesen Eindruck dürften ihnen die Chöre aus dem Gastkanton Freiburg vermittelt haben, die mit gregorianischen Motiven ganz eigene Akzente in der Schweizer Volksliedtradition setzen – und früher bei den Schweizer Söldnern so starke Heimwehgefühle ausgelöst haben sollen, dass die französischen Oberen das Singen verboten. Michel Corpataux, Präsident des Choeur des Armaillis de la Gruyère, kennt die sehnsuchtsvolle Wirkung der Lieder von Auslandtourneen mit seinem Chor. Zum Auftritt in Giswil meint er: «Wir sangen vor einem Kenner-Publikum. Aber es liess sich erobern. Fantastisch.»

Nächsten Sommer wird es vor allem an den hiesigen Volksmusikern liegen, auf Eroberungszug zu gehen. «Wir setzen zur Feier unseres zehnjährigen Jubiläums den Schwerpunkt auf den Gastkanton Obwalden», sagt Festivalleiter Hess. Aber mehr will er noch nicht verraten.