Kolumne

«Ich meinti»: Hinnehmen oder sich empören?

«Empört euch!» - so lautet der Kampfaufruf von SP-Nationalrätin Tamara Funiciello. Sie ist nicht die erste, welche diese Worte wählt. Aber wo ist unser Mut heute geblieben?

Romano Cuonz
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Autor Romano Cuonz.

Autor Romano Cuonz.

Seltsame Sachen gibt es im Leben. Für uns beispielsweise ist so eine, wie wir seit genau zehn Jahren Silvester feiern. Es war 2010. Weil damals eine neue Dekade begann, beschlossen wir spontan, dem vertrauten, aber eben auch engen Obwalden für einmal den Rücken zu kehren. Aufs neue Jahrzehnt wollten wir in einem uns bis zu diesem Tag unbekannten, ziemlich abgelegenen Thermalbad im Baselbiet anstossen. Ja, ein Neuanfang sollte es werden! Dass aus dieser Idee tatsächlich etwas höchst eigenartig Neues entstand, verdanken wir dem damaligen Hotelmanager. Dieser bildete, ganz und gar nach seinem Gutdünken, Tischgemeinschaften. Und so lernten wir uns kennen: vier unterschiedlich alte Ehepaare, aus Basel, Bern, Luzern und Obwalden, mit völlig verschiedenen Berufen und Hintergründen. Doch wir unterhielten uns prächtig. Wurden einander binnen weniger Stunden sympathisch. So sehr, dass wir uns seither jedes Jahr treffen. Nur an diesem einen Abend. Und stets im gleichen Kurbad. Inzwischen haben Besitzer und Leitung des Hotels schon zwei Mal gewechselt. Unsere ad hoc zusammengewürfelte Gruppe aber ist – wortwörtlich – zum «Pièce de résistance» geworden.

Wie gesagt: eine eigenartige, eine schöne Sache! Allerdings: Wenn man sich nur einmal im Jahr trifft und dabei «über Gott» – und vorläufig halt doch immer noch mehr «die Welt» – unterhält, gelangt man unweigerlich zu einer ernüchternden Erkenntnis. Ob in Basel, Bern, Luzern oder Obwalden: Für die Probleme, die Leute wie uns beschäftigen, hat sich an keinem einzigen der letzten zehn Jahresenden eine nachhaltige Lösung abgezeichnet. Im Gegenteil: Am Ende der Dekade fällt unsere Bilanz fast noch bitterer aus als zu Beginn. Dies – um nur einige Beispiele zu nennen – bezüglich des ungebremsten Baubooms auf verbleibenden Grünflächen mit Wohnraum, den sich nur noch Begüterte leisten können! Bezüglich des stetig wachsenden Molochs Verkehr mit verstopften Strassen, Lärm und Abgasen. Bezüglich der Ohnmacht gegenüber einer spürbaren Klimaveränderung trotz grüner Welle. Bezüglich stetig steigender Krankenkassenprämien. Und, und, und ... Wenn dann die zwölf Glockenschläge ertönen und (wie schon vor zehn Jahren) Tausende Feuerwerke die Luft verpesten, stossen wir an. Wünschen uns und der Welt «äs guäts Nyyws». Ahnen, dass sich bis zu unserem Wiedersehen in einem Jahr kaum etwas zum Besseren kehren wird. Und nehmen diese Tatsache einfach so hin.

Wie ich – ziemlich desillusioniert – wieder zu Hause bin, entdecke ich in einer Sonntagszeitung eine Kolumne mit dem aufmüpfigen Titel «Empört Euch!» Unterschrieben hat die junge SP-Nationalrätin Tamara Funiciello. Bislang wusste ich mit ihren oft ungestümen Äusserungen recht wenig anzufangen. Doch diesmal, wie ich ihre Ausgangsfrage lese – ja gleich zweimal lese – werde ich nachdenklich. Da heisst es: «Wie sollte man ein Jahrzehnt, das so wenig bewegt war wie dieses, das so viele Fragen offen lässt wie dieses, besser beenden, als mit den Schlussworten der berührenden und inspirierenden Streitschrift ‹Empört Euch!› von Stefan Hessel, die vor genau zehn Jahren erschienen ist?»

Und Funiciellos Kampfruf dazu: «Also – steht auf, hört auf, die Faust im Sack zu machen, denn diese andere, neue Welt ist möglich!» In mir werden Erinnerungen wach. Wie war das doch damals? 1968? Als im Lichthof der Uni Zürich ein riesiges Poster von Che Guevara hing. Ja, hatten wir denn da nicht ganz ähnliche Parolen skandiert? Aber heute: Wo ist unser Mut geblieben? Nun ja: «Yyverstandä simmer äister nu nid, aber usärä Komfortzonä uise laad sich’s halt vil komooder proteschtiärä!»