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HISTORIE: Das Vermächtnis von Bruder Klaus

Für das Verständnis der Zentralschweiz war keine historische Figur so prägend wie Niklaus von Flüe. Buchautor Pirmin Meier über die Faszination des 1947 heiliggesprochenen Waldbruders.
Pirmin Meier
Heute noch hoch gehalten: Einzug mit der Figur von Niklaus von Flüe in die Wallfahrtskirche. (Bild: Urs Flüeler/Keystone (Sachseln, 25. September 2016))

Heute noch hoch gehalten: Einzug mit der Figur von Niklaus von Flüe in die Wallfahrtskirche. (Bild: Urs Flüeler/Keystone (Sachseln, 25. September 2016))

Pirmin Meier
<span style="font-size: 1em;">redaktion@zentralschweizamsonntag.ch</span>

Es ist ein denkwürdiges Objekt, das in der Luzerner Jesuitenkirche ausgestellt ist: das Eremiten­gewand des Einsiedlers Bruder Klaus von Flüe. 1481 brachte der Luzerner Patriziersohn Petrus Kündig, später Chorherr in Beromünster, jene Kutte in den Ranft. Es ging nicht nur um die Verehrung des «lebenden Heiligen». Dahinter steckte auch Kalkül. Knallhart wurde bei politischen Verhandlungen in der Alten Eidgenossenschaft auf die «Karte Bruder Klaus» gesetzt. Der Vielverehrte sollte seine zum Teil intriganten und den Städten gegenüber wenig freundlich gesinnten Landsleute in Schach halten. Dies lag für Luzern umso näher, als die nach Bauernfreiheit strebenden Entlebucher am 15. August 1478 bei einer Ranft-Wallfahrt bei dem bedächtigen Einsiedler auf Granit gebissen hatten. Kein Wunder, setzten sie beim Bauernkrieg 1653 dann auf Wilhelm Tell.

Zeitgenosse einer Landwirtschaftsrevolution

Die Familie von Flüe war im Obwalden des 15. Jahrhunderts zu den Grossbauern aufgestiegen. Diese Entwicklung war 1467, kurz nachdem Klaus ein Pilger und später Einsiedler wurde, schon sehr weit fortgeschritten. Die älteren Söhne Hans und Walter führten den Hof. Klaus erledigte vor dem Auszug nur noch Hilfsarbeiten. Er konnte in jenem Zeitraum kaum mehr schlafen, litt unter notorischer Appetitlosigkeit und hörte Stimmen aus dem Himmel wie «Dummer Mann! Dummer Mann!». Sein Sohn Walter schüttelte darüber nur den Kopf.

Da aber Klaus von Flüe sonst klug war, hätte die Familie ihn gern als Landammann gesehen. Er aber empfand zunehmend Widerwillen, ja Ekel gegen die Politik. Auch das Familienleben war für ihn immer weniger zu ertragen. Gemäss dem Berner Chronisten Valerius Anshelm gab es unter den zehn Kindern auch solche, die an Behinderungen litten. Kein Schleck für die starke Gattin und Mutter Dorothea. Eine der bedeutendsten Frauengestalten der Alten Eidgenossenschaft. Nebst dem legendären Stauffacher war Klaus von Flüe fast der einzige Schweizer der damaligen Zeit, der seine Frau in wichtigen Fragen zu Rate zog. So hat er sich mit ihr 1467 über die geplante lange Pilgerfahrt ins «Elend», das Ausland, beratschlagt. Das war keineswegs üblich. Dass im selben Jahr 1467 bei den von Flüe noch ein Nachzügler auf die Welt gekommen war, entsprach dem Brauchtum der Jerusalempilger und Kreuzzügler. 10 statt 9 Kinder, erst recht ein zusätzlicher Bub, stellten eine Erhöhung der sozialen Sicherheit dar. Gemäss Urkunden gab es wohl nie einen Pilger, der bei seinem Auszug für seine Familie so vorzüglich vorgesorgt hatte wie Klaus von Flüe.

Alle dachten, Bruder Klaus stünde auf ihrer Seite

Hingegen kann die viel zitierte Zustimmung von Dorothea zum Einsiedlerleben von Klaus nicht vor April 1469 erfolgt sein. Damals lebte Klaus schon eineinhalb Jahre im Ranft. Erst zu jenem Zeitpunkt nämlich wurde die Einsiedelei kirchenrechtlich mit allen Bewilligungen approbiert. Faktisch war Dorothea vor vollendete Tatsachen gestellt. Klaus von Flüe war jedoch nicht mehr in der Lage, ein herkömmliches Familienleben zu führen.

Für das Verständnis der Zentralschweiz – historisch, politisch, religiös – war keine Figur so prägend wie der 1947 heiliggesprochene Waldbruder. Nicht nur beim heiklen Friedensschluss zwischen den Stadt- und Landorten in Stans 1481, auch später berief man sich in kritischen Phasen grossen Wandels auf den Mann, der in der Abgeschiedenheit der Ranft-Einsiedelei eine spezielle «Technik» des Frieden-Machens entwickelt hat. Wie CVP-Präsident Gerhard Pfister in seinem Referat am «Politischen Aschermittwoch» der Luzerner Kantonalpartei hervorhob, bestand diese nicht in einseitiger Rechthaberei. Typisch für die Pilger von Bruder Klaus war – und auch für die zerstrittenen Eidgenossen – dass alle zur Überzeugung kamen, der stille Beter stehe eigentlich auf ihrer Seite. Dies trug zur friedenstiftenden Bedeutung seiner Persönlichkeit bei.

Nach dem Modell des Sachsler Meditationsbildes strukturierte Pfister seine Sicht des Heiligen in sechs «Medaillons»: die Vereinnahmung, die stets dem jeweils Andersdenkenden vorgeworfen werde, im guten Sinn gehe es um eine Aneignung; Geschichte als unser Woher; Problemlösung durch Konsens statt durch Prozessieren oder Gewalt; Bescheidenheit und Demut als politische Haltung; der Halt im Glauben und die Frage, was ein solcher Landesvater aus dem Mittelalter heute noch bedeuten könne. ­Einen «einzig richtigen Weg» zu Bruder Klaus gebe es nicht. Immerhin sei Grenzen setzen moralisch, politisch, rechtlich, vor allem auch gegenüber sich selber, ein Vermächtnis von Bruder Klaus. Mit diesen Schwerpunkten sagte der Zuger Gerhard Pfister nicht das Gegenteil der historischen Ansprache von Bundesrat Philipp Etter im Dezember 1934. Damals galt es, die Schweiz gegen die Grossmannssucht der nationalsozialistischen und faschistischen Nachbarn abzugrenzen, auch gegen den Kommunismus. Kleinheit, Föderalismus mit demokratischer Mitbestimmung vor Ort, Unabhängigkeit des Vaterlandes und Demut galten damals in der Sachsler Pfarrkirche als die wichtigsten Schweizer Werte.

Eine Fehldeutung von Bruder Klaus kann man dem einstigen Zuger Politiker Etter und dem heutigen Pfister wohl kaum vorwerfen. Auch nicht dem dritten Zuger Politiker, Josef Lang, der versuchte, dem «Mystiker, Mittler, Mensch» in Roland Gröblis Sammelband (2016) eine eigenwillige «soziale» Deutung zu geben. Der Zaun ist nämlich auch bei der bekanntesten Vision des Heiligen, der Brunnenvision, Hauptmotiv. Es kommt keiner herein, welcher «den Pfennig nicht bezahlt». Aber nicht das Eintrittsgeld verhindert die Erleuchtung. Sondern, dass die Menschen auch innerhalb des Zaunes ihre eigenen grössten Schätze beziehungsweise ihre höchsten Werte nicht erfassen – vor lauter Arbeiten und «Chrampfen». Klaus ist der einzige Eremit seiner Zeit, der nicht täglich gearbeitet hat, wie es die Eremitenregeln sonst vorsahen. Wohl nicht, weil der einst fleissige Bauer zu faul dazu war, sondern weil er es angesichts seiner Absenzen und Heimsuchungen nicht mehr konnte.

Darum herum machen die meisten Bruder-Klaus-Verehrer von links bis rechts in der Regel einen grossen Bogen. Lieber befasst man sich mit dem Friedensstifter. Dieser wurde jedoch noch zu Lebzeiten unverfroren instrumentalisiert. Weil er seine politischen Auffassungen meist für sich behielt, konnte man ihm, wie der Luzerner Philosoph Troxler betonte, viel in die Schuhe schieben. Ungerechte Bestimmungen beim Stanser Verkommnis von 1481, etwa die Unterdrückung der Untertanen betreffend, kann man ihm aber nicht ankreiden. Schon weil er als Eremit barfuss ging, falls er im Winter in seiner Zelle nicht doch Socken trug.

Hinweis

Pirmin Meier (70) ist Autor und Träger des Innerschweizer Kultur­preises. Seine Biografie über Bruder Klaus gehört zu den angesehensten Werken über den Heiligen.

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