Meter um Meter wird das Dorf Engelberg sicherer

Die dritte und letzte Etappe des Hochwasserschutzes Engelberg ist im Bau. Für das Projekt wurde sogar ein Hochwasser inszeniert.

Philipp Unterschütz
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Die tonnenschweren Gesteinsblöcke müssen genau gesetzt werden, damit die Böschung stabil bleibt.

Die tonnenschweren Gesteinsblöcke müssen genau gesetzt werden, damit die Böschung stabil bleibt.

Bild: Philipp Unterschütz (Engelberg, 26. November 2019) 

Angst vor Hochwasser hat man in Engelberg nicht. «Aber in einem Bergdorf wie hier haben alle das Bewusstsein, dass sich die Kräfte der Natur jederzeit melden können.» Talammann Alex Höchli freut sich auf einem Rundgang auf den Baustellen für die Hochwasserschutzmassnahmen über den Fortschritt. «Mit jedem Meter, den sie vorankommen, erhöht sich die Sicherheit für Engelberg», sagt er. Seit 2016 wird am 33,6 Millionen Franken teuren Projekt Hochwasserschutz Engelbergeraa gebaut, 2023 soll es fertig sein. Seit knapp zwei Monaten ist die dritte und letzte Etappe dran, rund 20 Millionen Franken sind mittlerweile verbaut. «Wir haben bereits einen grossen Teil der Sicherheit, die das Projekt bringen wird, erreicht», erklärt Gesamtprojektleiter Seppi Berwert und meint damit den bestmöglichen Schutz vor einem schlimmen Unwetter, wie es laut Statistik nur alle hundert bis dreihundert Jahre vorkommt. Bisher liegt das gesamte Projekt innerhalb der Kosten und Termine.

Besichtigung der Baustellen für die Hochwasserschutzmassnahmen in Engelberg. Von links: David Rüedlinger, Bauleiter; Seppi Berwert, Gesamtprojektleiter; Polier Martin Schäli und Talammann Alex Höchli.
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Die 3. und letzte Etappe umfasst den Abschnitt Eienwäldli beim Camping bis zum Geschieberückhalteraum im Bannwald beim Golfplatz.
Bereits liegen die Gesteinsblöcke für die Uferböschungen bereit. Verwendet werden Gesteine, die in Engelberg natürlicherweise vorkommen.
Das Gerinne der Engelbergeraa beim Campingplatz Eienwäldli wird leicht nach rechts verlegt.
Die neue Eienwäldlibrücke ist fast fertig.
Auf der neuen Eienwäldlibrücke von links: David Rüedlinger, Bauleiter; Alex Höchli, Talammann; Seppi Berwert, Gesamtprojektleiter und Polier Martin Schäli.
Für die Uferböschung werden Gesteinsblöcke mit Gewichten von zwei bis sechs Tonnen verlegt.
Die tonnenschweren Gesteinsblöcke müssen genau gesetzt werden, damit die Uferböschung stabil bleibt.
Die tonnenschweren Gesteinsblöcke müssen genau gesetzt werden, damit die Uferböschung stabil bleibt.
Geeignetes Material aus dem Aushub beim Geschieberückhalteraum wird weiter unten für das Gerinne eingesetzt.
Der künftige Geschieberückhalteraum im Bannwald beim Golfplatz.
Mit Versuchen an einem 1:30 Modell wurden an der Versuchsanstalt für Wasserbau der ETH Zürich die Dimensionen des Geschieberückhalteraumes definiert.
An der Versuchsanstalt für Wasserbau der ETH Zürich wurde ein Hochwasserereignis simuliert und aufgezeigt, wie der Holzrechen das Schwemmholz aufhalten würde.
Die Versuche an einem 1:30 Modell zeigten, welche Dimensionen für den Geschieberückhalteraum nötig sind.

Besichtigung der Baustellen für die Hochwasserschutzmassnahmen in Engelberg. Von links: David Rüedlinger, Bauleiter; Seppi Berwert, Gesamtprojektleiter; Polier Martin Schäli und Talammann Alex Höchli.

Philipp Unterschütz, Obwaldner Zeitung

Die dritte Etappe, an der nun gebaut wird, erstreckt sich entlang der Engelbergeraa im oberen Talbereich von der Sodbrücke beim Camping Eienwäldli bis zum Bannwald beim Golfplatz über eine Strecke von 1,7 Kilometer. Dabei werden auch zwei Brücken ersetzt. Das Gerinne wird verbreitert und leicht verlegt, die Uferböschungen werden mit 2 bis 6 Tonnen schweren Gesteinsblöcken verbaut, die auf einer Filterschicht liegen. Sie verhindert, dass feineres Material ausgespült und der Blocksatz und damit die Böschung erodiert und instabil wird. Im Vollbetrieb sind bis 15 Arbeiter mit sechs grossen Baumaschinen im Einsatz.

Verwendet wird Material direkt aus dem Aushub im Bereich des künftigen Rückhaltebereichs, dazu Gesteinsblöcke, die natürlicherweise auch in Engelberg vorkommen – wie Kalk, Quarzsandsteine oder Gneis und Granit.

Hochwasser wurde auf einem Modell inszeniert

«Die Blöcke müssen frostbeständig, abriebfest und möglichst kantig sein, damit sie sich gut verkeilen», so Bauleiter David Rüedlinger. Das Gestein stammt hauptsächlich aus der Innerschweiz und teilweise aus dem Tessin. Nach jeder Steinlieferung nehmen die Lastwagen überschüssiges Kiesmaterial von guter Qualität mit. «Dieses wird verkauft und im Bausektor verwendet, was dem Projekt zugutekommt. Mehrere zehntausend Kubikmeter Material müssen deshalb nicht abgelagert werden», sagt Seppi Berwert. Kernstück der dritten Etappe ist der 350 Meter lange und 150 Meter breite Geschieberückhalteraum im Bannwald. «Ein extrem wichtiger Teil des ganzen Projekts», betont David Rüedlinger. Bei einem grösseren Hochwasser wird hier verhindert, dass die Engelbergeraa Holz und Geschiebe in Richtung Dorf transportiert, das dann weiter unten insbesondere bei Brücken zu Überschwemmungen im ganzen Tal führen kann. Mit einem 30 Meter breiten und über 4 Meter hohen «Holzrechen» aus einbetonierten Stahlrohren wird das Holz zurückgehalten und das Geschiebe lagert sich innerhalb des Rückhalteraums ab.

«Dort hat es Platz für 90000 Kubikmeter Material», erklärt Rüedlinger. «Bildlich ausgedrückt wäre das etwa die Fläche eines Fussballfeldes, auf dem 13 Meter hoch Geschiebematerial liegt.» Seppi Berwert ist überzeugt: «Das System funktioniert jederzeit, es kippt nicht, es gibt keinen Kollaps.» Gewissheit gibt ihm ein Modellversuch, der über ein Jahr an der Versuchsanstalt für Wasserbau der ETH Zürich gemacht wurde. «Auf einem eigens gebauten, über 10 Meter langen Modell im Massstab 1:30 wurden Hochwasserereignisse mit Holz und Geschiebe simuliert. Aufgrund der Resultate wurden anschliessend die Dimensionen des Projekts in Engelberg festgelegt.»

Baustellen und touristische Nutzung

Die Gemeinde sei sehr zufrieden, wie die Arbeiten im Spannungsfeld zwischen Grossbaustellen und Gebieten mit hoher touristischer Nutzung verlaufen. «Für uns ist es wichtig, dass der touristische Betrieb nicht beeinträchtigt wird. Bisher war das kaum der Fall», sagt Alex Höchli. Betroffen sind Wanderer und Langläufer, verlaufen doch viele Wege und Loipen in unmittelbarer Nähe der Schutzmassnahmen. Die Arbeiten werden deshalb Mitte Dezember zu Saisonbeginn bis im Frühling mehrheitlich eingestellt.

Seit drei Jahren gibt es auch eine gut funktionierende Zusammenarbeit mit der kommunalen Kommission Nordic, welche die Loipen verwaltet. «Wir danken auch für das Verständnis, das die Bevölkerung und die Gäste in Engelberg aufbringen», betont Talammann Alex Höchli. Weil man versuche, die Belastungen möglichst gering zu halten, gebe es auch nur vereinzelt Beschwerden. Es könne halt kaum verhindert werden, dass es manchmal zu verschmutzten Strassen im Baustellenbereich komme, oder auch zu Lärm.