HOCHWASSERSCHUTZ: Nach Jahrhundertflut: 111 Millionen Franken für mehr Sicherheit

Am 28. September stimmt die Bevölkerung des Kantons Obwalden über 111 Millionen Franken für ein grosses Hochwasserschutz-Projekt im Sarneraatal ab. Damit will man ähnlichen Schäden vorbeugen, wie sie vor neun Jahren beim verheerenden August-Hochwasser 2005 entstanden sind. Die Regierung beantragt zur Finanzierung des Vorhabens eine Sondersteuer, dasselbe plant auch die Gemeinde Sarnen.

Markus von Rotz
Drucken
Teilen
Das Gerinne wird hier beim Wichelsee oberhalb der Zentralbahnbrücke auf einer Länge von rund 350 Metern sichelförmig aufgeweitet. Die maximale Sohlenbreite erreicht rund 60 Meter. Der Raum wird in erster Linie der Natur überlassen. Es entstehen Kiesbänke, welche bei jedem grösseren Abfluss ihre Form und Grösse ändern. (Bild: Visualisierungen)

Das Gerinne wird hier beim Wichelsee oberhalb der Zentralbahnbrücke auf einer Länge von rund 350 Metern sichelförmig aufgeweitet. Die maximale Sohlenbreite erreicht rund 60 Meter. Der Raum wird in erster Linie der Natur überlassen. Es entstehen Kiesbänke, welche bei jedem grösseren Abfluss ihre Form und Grösse ändern. (Bild: Visualisierungen)

Zwei Fussgänger fotografieren das Dorfzentrum von Sarnen (Bild: Archiv Neue OZ)
16 Bilder
Gelassen nehmen die Bewohner dieses an der Sarneraa gelegenen Hauses die Situation entgegen. (Bild: Archiv Neue OZ)
Der ganze Sarner Dorfkern ist überschwemmt. (Bild: Archiv Neue OZ)
Der Melchaa-Damm in Sarnen ist geborsten und überflutet grosse Teile Sarnens. (Bild: Archiv Neue OZ)
Luftaufnahme von den Überschwemmungen: Sarnen ist überflutet. (Bild: Archiv Neue OZ)
Ein Velofahrer kämpft sich in Sarnen durch die Fluten. (Bild: Archiv Neue OZ)
Viele Schaulustige im überschwemmten Sarnen (Bild: Archiv Neue OZ)
Der Sarnersee beim Camping in Giswil (Bild: Archiv Neue OZ)
Ein freiwilliger Helfer pumpt einen Laden im überschwemmten Sarnen aus. (Bild: Archiv Neue OZZ)
Das überschwemmte Sarnen im Jahr 2005 aus der Luft. (Bild: Archiv Neue OZ)
Kontraste in Alpnachstad: farbenprächtiges Blumenbeet und verschlammte Strassen und die überschwemmte Unterführung beim Bahnhof. (Bild: Archiv Neue OZ)
Überschwemmter Bauernhof zwischen Alpnach und Sarnen. (Bild: Archiv Neue OZ)
Campingplatz Sarnen unter Wasser (Bild: Archiv Neue OZ)
Das Wasser weicht, die Zerstörung bleibt. (Bild: Archiv Neue OZ)
Das Wasser flutet die Eisenbahnbrücke. (Bild: Archiv Neue OZ)
Das überschwemmte Kägiswil aus der Luft. (Bild: Archiv Zentralbahn)

Zwei Fussgänger fotografieren das Dorfzentrum von Sarnen (Bild: Archiv Neue OZ)

«Ich wäre lieber in die Schule gegangen, als so eine schlimme Überschwemmung ansehen zu müssen», sagte vor neun Jahren der Fünftklässler Imvan Kaja aus Sarnen angesichts der Jahrhundertflut, die in der zweitletzten Augustwoche 2005 über die Schweiz und insbesondere auch über Obwalden hereinbrach. Sylvia Portmann vom gleichnamigen Spielwarengeschäft versuchte es mit Humor zu nehmen: «Ich bin schon lange nicht mehr barfuss auf der Strasse gelaufen, allerdings wünschte ich mir wärmeres Wasser.»

Noch heute steckt vielen das Hochwasser vom 22. und 23. August in den Knochen. Das zeigt sich beispielsweise dann, wenn wie im vergangenen Juli der Wasserspiegel im Sarnersee wieder rasant ansteigt: Schnell sind Schaulustige am See und an der Aa auszumachen, die bangend hoffen, dass es nicht wieder zu einer Katastrophe kommen wird.

Das Gerinne wird hier beim Wichelsee oberhalb der Zentralbahnbrücke auf einer Länge von rund 350 Metern sichelförmig aufgeweitet. Die maximale Sohlenbreite erreicht rund 60 Meter. Der Raum wird in erster Linie der Natur überlassen. Es entstehen Kiesbänke, welche bei jedem grösseren Abfluss ihre Form und Grösse ändern. (Bild: Visualisierungen)

Das Gerinne wird hier beim Wichelsee oberhalb der Zentralbahnbrücke auf einer Länge von rund 350 Metern sichelförmig aufgeweitet. Die maximale Sohlenbreite erreicht rund 60 Meter. Der Raum wird in erster Linie der Natur überlassen. Es entstehen Kiesbänke, welche bei jedem grösseren Abfluss ihre Form und Grösse ändern. (Bild: Visualisierungen)

Noch immer geht es sieben Jahre

Neun Jahre sind seither verstrichen. Am 28. September stimmt das Obwaldner Volk über einen 111-Millionen-Franken-Kredit ab. Im besten Fall vergehen dann nochmals sieben Jahre bis zum Abschluss des Projekts: 2020 sollen der Hochwasser-Entlastungsstollen, 2022 die Massnahmen an der Sarneraa fertig sein.

Der politische Prozess, die Diskussionen um anfänglich nicht weniger als 24 Varianten, die langen und intensiven Diskussionen und Verhandlungen mit dem Bund über Varianten, Subventionen und anderes mehr haben sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Noch nie habe der Kanton Obwalden ein so aufwendiges und komplexes Projekt gestemmt, war von Regierungsseite in den vergangenen Jahren mehrmals zu hören. Nun aber ist die Zeit für die Regierung, den Kantonsrat und wohl auch die Betroffenen überreif. «Gut Ding will Weile haben», sagte Landammann Hans Wallimann vergangene Woche. «Und wir sind überzeugt, dass es gut ist.»

Das Einlaufwerk des Stollens beim Zwetschgenmätteli in Sachseln. 
Der Stollen wird nur bei Hochwasser geöffnet. Die Seewasserfassung liegt vollständig unter Wasser, vor der Fassung hält ein Rechen Schwemmmaterial zurück. Der Seeweg zwischen Sarnen und Sachseln wird während der gesamten Bauzeit durchgängig begehbar sein. (Bild: Visualisierung)

Das Einlaufwerk des Stollens beim Zwetschgenmätteli in Sachseln. Der Stollen wird nur bei Hochwasser geöffnet. Die Seewasserfassung liegt vollständig unter Wasser, vor der Fassung hält ein Rechen Schwemmmaterial zurück. Der Seeweg zwischen Sarnen und Sachseln wird während der gesamten Bauzeit durchgängig begehbar sein. (Bild: Visualisierung)

6,5 Kilometer langer Stollen

Neben Massnahmen an der Sarneraa (Aufwertungen, Aufweitungen, Sanierungen von Ufermauern) ist ein 6,5 Kilometer langer Stollen das Kernstück des Hochwasserschutzprojekts. Dieser wird von Sachseln bis an das untere Ende des Wichelsees reichen. Er macht einen langen Bogen unter Kerns hindurch, zum einen, weil man festen Grund braucht, um die Melchaa unterqueren zu können, zum andern, weil man nicht riskieren will, in Kerns in den Boden reichende Wärmepumpen zu zerstören, sagte Baudirektor Paul Federer vergangene Woche vor den Medien.

Der Stollen soll nur im Hochwasserfall geöffnet werden und dazu beitragen, dass die Abflusskapazität der Sarneraa vervierfacht werden kann. Die Schieber zum Öffnen des Stollens beim Auslaufwerk in Alpnach können elektrisch, notfalls mit Notstrom und im allerschlimmsten Fall auch manuell geöffnet werden.

 

Das Auslaufwerk (links) des Hochwasserstollens. Rechts ist das heutige Wehr am Wichelsee zu sehen. Das aus dem Stollen herausschiessende Wasser wird in einem sogenannten Tosbecken gebremst und unterhalb des Wichelsees in die Sarneraa eingeleitet. (Bild: Baudepartement)

Das Auslaufwerk (links) des Hochwasserstollens. Rechts ist das heutige Wehr am Wichelsee zu sehen. Das aus dem Stollen herausschiessende Wasser wird in einem sogenannten Tosbecken gebremst und unterhalb des Wichelsees in die Sarneraa eingeleitet. (Bild: Baudepartement)

Keine Arbeiten am Wochenende

Eine Bohrmaschine von 6,8 Metern Durchmesser wird den später 6,4 Meter hohen Stollen von Alpnach her in den Berg fressen. Eine Baupiste über den Flugplatz Alpnach führt via die rechtsufrige Strasse an der Sarneraa zum Installationsplatz beim heutigen Wichelsee-Wehr. Am Stollen soll im Zweischichtbetrieb gearbeitet werden. Am Wochenende ruhen die Arbeiten, um die Immissionen durch den Baustellenverkehr für die Bevölkerung klein zu halten. Auf Sachsler Seite soll der Seeweg von Sarnen her auch während der Bauzeit für das Einlaufbauwerk des Stollens begehbar sein, einerseits weil er für die Bevölkerung wichtig sei, anderseits gebe das auch die Gelegenheit, die Bauarbeiten zu verfolgen, sagt Baudirektor Paul Federer.

Zu wenig Tiefe am Wichelsee

Ein bisher kaum wahrgenommenes Vorhaben ist in der Nähe des Wichelsees geplant. Unterhalb der A 8- und der Zentralbahnbrücke liegt die Sohle der Sarneraa derzeit viel zu hoch. Sie soll darum wieder auf das Niveau von 1950 abgesenkt werden. Das entlaste auch die dortigen landwirtschaftlichen Nutzflächen, die nach starkem Regen oft unter Wasser stehen. Am gleichen Ort ist im Rahmen der Aufweitung der Sarneraa auch ein Geschiebesammler geplant, der nach einem nächsten Hochwasser wieder ausgebaggert werden könnte.

Abstimmungsvorlage: Alle weiteren Informationen, Illustrationen, Karten sowie die Erläuterungen der Regierung und die Botschaft zur Abstimmung vom 28. September »

So werden die Kosten aufgeteilt

Beim Projekt für den Hochwasserschutz werden zwei Arten von Kosten unterschieden:

Anrechenbare Kosten: Für den Bund sind 101 bis 103 der total 115 Millionen Franken (samt 4 Millionen bereits bewillige Planungskosten) sogenannte anrechenbare Kosten, die als Basis für den Subventionsentscheid gelten. Davon übernimmt der Bund mindestens 35 und maximal 65 Prozent. Der Beitragssatz ist auch davon abhängig, wie ökologisch das Projekt ausfällt und ob der Kanton vom Bonus der Schwerfinanzierbarkeit profitieren kann. Alles in allem sind also vom Bund 37 bis 69 Millionen zu erwarten. Die Restkosten haben sich der Kanton (60 Prozent) und die Seeanstössergemeinden Sarnen (33), Sachseln (6) und Giswil (1) aufzuteilen.

Nicht anrechenbare Kosten:  Ferner gibt es noch 8 bis 10 Millionen nicht anrechenbare Kosten, die voll zu Lasten des Kantons beziehungsweise anderer Werkeigentümer wie Gemeinden oder Korporationen (etwa Werkleitungen) gehen. Darunter fallen beispielsweise der Landerwerb, Deponiegebühren oder die neue Sarneraa-Brücke beim ehemaligen Bahnhof in Kägiswil.

Warum könnte man dagegen sein?

Gegner der Vorlage treten öffentlich keine auf. Und doch wird es sicher auch Nein-Stimmen geben. Mögliche Gründe sind vorab Fragen rund ums Geld und um die Ökologie.

Nachdem auch die IG Hochwasserschutz dank ihrem Erfolg im Kampf um einen Hochwasser-Entlastungsstollen hinter der Vorlage steht, sind offiziell derzeit keine Gegner bekannt. An der Kantonsratssitzung war die SVP für eine andere Finanzierungsform und verlangte einen Fonds, was jedoch klar abgelehnt wurde. Doch schon damals betonte Parteipräsident Albert Sigrist: «Niemand soll auf die Idee kommen, wir möchten das Projekt gefährden.» Doch ohne Nein-Stimmen wird dieses Grossprojekt sicher nicht angenommen. Wir haben Baudirektor Paul Federer mit möglichen Argumenten für ein Nein konfrontiert.

Ich will keine höheren Steuern bezahlen, darum lehne ich diese Vorlage ab.

Paul Federer: Aus Sicht des Regierungsrats ist die vorgesehene Steuererhöhung von durchschnittlich rund 1 bis 2 Prozent im Vergleich zu den Steuersenkungen der vergangenen neun Jahre von durchschnittlich rund 25 Prozent massvoll und vertretbar. Aufgrund der finanziellen Entwicklung wird sich der Kanton beim Baustart dieses Projektes bereits in einer Nettoverschuldung befinden. Eine zusätzliche Verschuldung im Rahmen des Projekts Hochwassersicherheit Sarneraatal erachtet der Regierungsrat als nicht verantwortbar.

Ich kann nicht Ja sagen zu einer Vorlage, solange nicht klar ist, wie viel der Bund bezahlt.

Paul Federer: Gemäss eidgenössischer Wasserbaugesetzgebung legt der Bund für grosse Hochwasserschutzprojekte immer erst nach Vorliegen eines genehmigten Projekts, das heisst nach öffentlicher Projektauflage und dem Vorliegen der kantonalen Gesamtbewilligung den definitiven Bundesbeitragssatz mit der Subventionsverfügung fest

Warum soll ich als Lungerer, Kernser oder Engelberger Ja sagen, der See betrifft mich ja nicht.

Paul Federer: Im Kanton Obwalden werden alle Hochwasserschutzprojekte der Gemeinden vom Kanton mitfinanziert. So bezahlt der Kanton zum Beispiel auch an die Engelbergeraa in Engelberg, die Kleine Melchaa in Giswil und an den Dorfbachsammler in Lungern. Mit der befristeten Zwecksteuer wird lediglich die Finanzierung des Kantonsanteils an die Kosten des Projekts Hochwassersicherheit Sarneraatal gesichert. Die Gemeindebeiträge müssen von den Standortgemeinden Sarnen, Sachseln und Giswil selbst bezahlt und finanziert werden.

Als Alpnacher habe ich Angst, dass wir am Schluss im Wasser ertrinken, weil der Stollen dieses von Sarnen direkt zu uns leitet.

Paul Federer: Mit dem Hochwasserschutzprojekt Sarneraa Alpnach, an dem zurzeit ebenfalls gearbeitet wird, wird sichergestellt, dass das durch den Hochwasserentlastungsstollen geleitete Wasser geordnet bis zum Alpnachersee abfliessen kann. Der Kantonsrat hat am 27. Juni einer Motion zugestimmt, die verlangt, dass der Kanton bei der Planung des Hochwasserschutzprojekts Sarneraa Alpnach die Federführung übernimmt. Der Ausbau der Sarneraa vom Sarnersee bis zum Alpnachersee muss und wird koordiniert erfolgen.

Der Kanton zahlt 60 Prozent an die nicht vom Bund übernommenen Kosten, profitieren die Engelberger im gleichen Mass?

Paul Federer: Ja, die Engelbergerinnen und Engelberger profitieren im gleichen Mass. Das Hochwasserschutzprojekt Engelbergeraa in Engelberg wird durch den Bund voraussichtlich mit 65 Prozent subventioniert. Von den übrigen anrechenbaren Kosten übernimmt der Kanton in diesem Fall sogar gut 61 Prozent.

Ich finde es überrissen, was da an ökologischen Ausgleichsflächen und Inseln geplant ist.

Paul Federer: Die eidgenössische Wasserbaugesetzgebung schreibt vor, dass bei Eingriffen in ein Gewässer dessen natürlicher Verlauf möglichst wiederhergestellt werden muss. Die im Projekt vorgesehenen Massnahmen sind massvoll. Dabei stehen Gerinneverbreiterungen und Uferabflachungen im Vordergrund,welche zumindest lokal auch den Hochwasserschutz verbessern. Inseln werden nicht gebaut, jedoch werden sich in aufgeweiteten Flussabschnitten Kiesbänke selber bilden.

August 2005: Das Zentrum von Sarnen ist überschwemmt. (Bild: Archiv Neue OZ)

August 2005: Das Zentrum von Sarnen ist überschwemmt. (Bild: Archiv Neue OZ)