Lungerer Gemeindepräsidentin: «Ich kann das Amt unbelastet angehen»

Bernadette Kaufmann profitierte bei ihrer Wahl auch vom Frauenbonus. Das erfuhr sie von ungewohnter Seite.

Interview: Matthias Piazza
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Bernadette Kaufmann-Durrer.

Bernadette Kaufmann-Durrer.

Bild: PD

Auf Beginn des nächsten Jahres ist auch das Gemeindepräsidium von Lungern wieder besetzt. Bernadette Kaufmann-Durrer (65, CSP) setzte sich in der Ersatzwahl vom vergangenen Sonntag gegen den FDP-Konkurrenten Martin Gasser durch – mit einem Vorsprung von 47 Stimmen.

Haben Sie Ihren Sieg schon realisiert?

Bernadette Kaufmann-Durrer: Ich glaube schon, ich hatte 41 Tage zuvor meine Kandidatur eingereicht und so über einen Monat Zeit, mich auf eine mögliche Wahl vorzubereiten. Natürlich war ich vom Resultat überrascht und erfreut.

Wie erklären Sie sich den Wahlsieg? Sie sind erst 2004 von Sursee nach Lungern gezogen und erst seit Dezember 2017 im Gemeinderat.

Ich hoffe, meine Arbeit in den letzten zwei Jahren war ein Grund für die Wahl. Es ist aber wahrscheinlich auch meine bodenständige und offene Art. Ich bin spontan und lache gerne, gehe auf die Leute zu. Ich bin in einem Gasthaus aufgewachsen, das prägte mich. Zudem habe ich in verschiedenen Organisationskomitees mitgearbeitet und bin Jodel-Dirigentin. Das spricht für meine Obwaldner Wurzeln. Und viele kennen mich vielleicht auch als ehemalige Präsidentin der Turbine Giswil.

War der Umstand, dass Sie als Auswärtige nicht so sehr mit Lungern verbandelt sind, vielleicht ein Vorteil für Ihre Kandidatur?

Das kann sein. Einige Leute haben mich auch deswegen gewählt, wie sie mir am Wahlsonntag verrieten. Ich kann das Amt unbelastet angehen.

Welche Rolle spielte die Frauenfrage?

Jemand von der SVP sagte mir, dass die Zeit reif sei, dass in Lungern erstmals eine Frau den Gemeinderat präsidiere. Das berührte mich sehr.

Sie sind erst die vierte Gemeindepräsidentin in Obwalden und die erste seit dem Rücktritt der Alpnacher Gemeindepräsidentin Kathrin Dönni 2014. Wie erklären Sie sich die schwache weibliche Vertretung?

Frauen, die sich um die Familie kümmern und noch berufstätig sind, haben oft nicht die Zeit und Energie, auch noch das anstrengende Amt des Gemeindepräsidiums zu bekleiden. Hinzu kommt, dass sich Frauen meiner Erfahrung nach weniger zutrauen als Männer. Und sie getrauen sich oft nicht, sich in einer Männerdomäne wie dem Gemeinderat zu behaupten. Aber vielleicht ändert sich das ja. Ich hoffe, Frauen können andere Frauen für solche Ämter ermutigen.

Sie kommen aus einer politischen Familie. Der eine (verstorbene) Bruder Adalbert Durrer (CVP) war Obwaldner National- und Regierungsrat sowie Alpnacher Gemeindepräsident, der andere Bruder, Marcel Durrer, ist für die SVP Alpnach im Kantonsrat. Warum wurden Sie selber so spät politisch aktiv?

Ich habe ein politisches Amt nie gesucht. Ich hatte schlicht neben meiner Familie und meinem Geschäft keine Zeit, in dieser Richtung aktiv zu werden. Bis auf meine Tätigkeit damals im Vorstand der CVP Sursee hatte ich bis zu meiner Wahl in den Lungerer Gemeinderat vor zwei Jahren kein politisches Amt inne. Nun habe ich Zeit und fühle mich fit für meine Tätigkeit als Gemeindepräsidentin. Es ist eine komfortable Situation, wenn eine Gemeindepräsidentin nicht noch beruflich eingespannt ist.

Viele Rücktritte in Gemeinde-, Schulrat und Verwaltung innert kurzer Zeit, Diskussionen um das Geschäftsführermodell: Lungern hat turbulente Zeiten hinter sich. Worauf stellen Sie sich als neue Gemeindepräsidentin ein?

Wir sind auf einem guten Weg. Die wichtigen Chargen konnten wir wieder neu besetzen. Wir haben in den vergangenen Monaten gut gearbeitet. Am 6. Januar nimmt der neue Geschäftsführer seine Arbeit auf. Jetzt werden wir miteinander eine effiziente Zusammenarbeit definieren, Ziele formulieren und diese umsetzen.

Das vor zwei Jahren eingeführte Geschäftsführermodell, wonach der Gemeinderat nur noch strategisch tätig ist und die Verwaltung das operative Tagesgeschäft übernimmt, löste die Rücktrittswelle aus. Halten Sie am Modell fest?

Das Modell, für das sich die Lungerer Bevölkerung vor drei Jahren ausgesprochen hat, funktioniert inzwischen weitgehend gut. Es hat sich aufgezeigt, dass es wichtig ist, dass der Informationsfluss funktioniert. Mittlerweile haben wir in den Software Korrekturen vorgenommen, die den Austausch zwischen den Gremien sicherstellt. Und mit dem neuen Geschäftsführer Markus Bider, der als Horwer Einwohnerrat auch politische Erfahrung hat, werden sich bis im kommenden Frühling die Abläufe einspielen. Ich freue mich auf diesen Neuanfang.

Lungern hatte in den vergangenen Jahren immer wieder Mühe, Leute für den Gemeinderat zu finden. Finanziell ist die 2000-Seelen-Gemeinde von einigen wenigen guten Steuerzahlern abhängig. Wäre eine Gemeindefusion eine Option?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Lungerer ihre Eigenständigkeit aufgeben möchten. Und ich will das ehrlich gesagt auch nicht. Das Problem wegen der Gemeinderäte kennt man in der ganzen Schweiz. Und es wäre nicht fair, zu behaupten, es seien einige Wenige, von denen wir abhängig sind. Wir schätzen alle Steuerzahler.

Erst vier Präsidentinnen

Aktuell wird in Obwalden keine Gemeinde von einer Frau präsidiert, ab Januar 2020 ist die am Wochenende gewählte Bernadette Kaufmann-Durrer in Lungern die einzige. Die Gemeinden Giswil, Kerns und Sarnen hatten noch nie eine Gemeindepräsidentin. Solche gab es bisher nur in drei Gemeinden: Alpnach: Hedy Siegrist (FDP, 1996 bis 2004) und Kathrin Dönni (CVP, 2012 bis 2014), Engelberg: Martha Bächler (CVP, 2000 bis 2010) und Sachseln: Margrit Freivogel (CVP, 2003 bis 2012). (mvr)