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Eigenverantwortung: Ein Unwort!

Für unseren Kolumnisten Romano Cuonz gibt es in dieser Krise keinen schlimmeren Wortlaut als «Eigenverantwortung». Denn die Vorsilbe «Eigen» könne – je nachdem, wer sie wahrnehme – schliesslich alles bedeuten.

Romano Cuonz
Romano Cuonz
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Wahrscheinlich gibt es im Leben vieler Menschen Ereignisse, die sie nachhaltig prägen, ja sogar ihre Sichtweise verändern. So ein Erlebnis hatte ich kürzlich. Ich lag nach einem Eingriff im Spitalbett, als mir nachts das Atmen plötzlich schwerfiel und die Fieberkurve anstieg. Die Pflegefachfrau alarmierte den Pikettarzt. Wenige Minuten später kam sie zurück – nun aber im grünblauen Coronaschutzanzug und mit einer Maske aus Plexiglas. Für mich ein unbeschreiblicher Schreckensmoment! Ich wurde getestet und mit Sauerstoff versorgt. Ob ich auf die Coronastation verlegt würde, komme erst am Morgen aus, hörte ich die Frau noch sagen. Dann war ich allein. Es folgten endlose Stunden, in denen ich nach Luft rang. Wie ein Ohrwurm jagten mir, Mal für Mal, die idiotischen Worte eines Party-Songs durch den Kopf: «Atemlos durch die Nacht!» Am Morgen dann die grosse Erleichterung. Die Pflegefachfrau erschien wieder in Weiss. Ich hatte zwar eine ernstzunehmende bakterielle Lungenentzündung ... aber wenigstens kein Coronavirus.

Ein Corona-Selbsttest

Ein Corona-Selbsttest

Bild: Alessandro Della Valle / Keystone

Doch in dieser Nacht habe ich etwas, das ich zuvor nur vom Hörensagen kannte – zum mindesten ansatzweise – am eigenen Leib erfahren. Nämlich: Wie viel Schrecken, Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit jene mittlerweile bald 10'000 Schweizerinnen und Schweizer gehabt haben, bevor sie, oft ohne ihre Liebsten nochmals zu sehen, an Corona starben. Weltweit widerfuhr dies gar mehr als 2,5 Millionen Menschen.

Als ich allmählich wieder auf die Beine kam, stand mir eine Erkenntnis glasklar vor Augen: In dieser schwierigen Zeit gibt es leider kaum ein schlimmeres Unwort als den noch und noch propagierten Begriff «Eigenverantwortung». Die hoffnungslose Überforderung liegt bei der Vorsilbe «Eigen». Was die – je nachdem, wer sie wahrnimmt – alles bedeuten kann, wird uns tagtäglich vorgeführt. Nur zwei Beispiele: Da waren die von einem Mitte-Nationalrat begleiteten Einsiedler Fasnächtler. Diese, wie Volksmusik Legende Sepp Trütsch sie treffend titulierte, «Volltrottel» attackierten sogar Ordnungshüter. Und da wären auch unsere Kantonsregierungen, die – mehr in Eigenmacht als Eigenverantwortung ohne Absprache mit dem Bundesrat – Terrassen von Bergrestaurants öffneten und damit wohlüberlegten Regeln wie ungezogene Kinder wochenlang trotzten! So etwas rief bei mir nur ein Kopfschütteln hervor.

Fakt ist: Eigenverantwortung – auch in Form von Kantönligeist – versagt in dieser Krise. Leider! Immer wieder steigende Zahlen beweisen es. Auch bei uns. Wollen wir je wieder zu einer stabilen, und nicht einfach nur partiellen Normalität zurückkehren, muss jemand die Kollektiv- oder Mitverantwortung fürs ganze Land übernehmen. Genau darum bemühte sich der Bundesrat, angeführt von Alain Berset, seit Beginn der Krise. Dabei wurden – stets im Kollegium – auch unpopuläre Entscheide gefällt. Und natürlich passierten dann und wann Fehler. Doch deswegen den Gesundheitsminister «als Diktator» zu bezeichnen, zeugt von einem ganz und gar unschweizerischen, ja geschmacklosen Politstil.

Tytsch und tyytlich: Nid diä, wo i schwäre Zyytä Verantwortig fir Mitmäntschä ubernemid, set mä absetzä, sondern all diä, wonä derbi Stäi um Stäi i Wäg leggid.

Romano Cuonz, Journalist und Schriftsteller aus Sarnen, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.