Kolumne

«Ich meinti»: Gschtörm ... momol

Autor Otto Leuenberger schreibt über den Herbst, dessen mediale Auswüchse und aus fremden Sprachen eingewanderte Wörter. Momol, das kommt gut!

Otto Leuenberger
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Otto Leuenberger, ehem. Leiter Freizeitzentrum Obwalden und «Jungpensionär» aus Giswil, äussert sich abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.

Otto Leuenberger, ehem. Leiter Freizeitzentrum Obwalden und «Jungpensionär» aus Giswil, äussert sich abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.

Bild: NZ

Es ist draussen bunt und Blätter fallen. Der Herbst kann unfreundlich, neblig und stürmisch sein. In diesen Tagen passt es mir gut, mich in den eigenen Wänden gemütlich einzurichten. Es geschieht da draussen ja so viel. Im Nachrichtenwald wirbelt es nur so: US-Wahlen, das Virus und daraus all die Unsicherheiten. Mich hat der ganze Wirbel auch gepackt und aufgewühlt.

Oh, wie ich die Stunden am Samstag- oder Sonntagvormittag mit ausgedehnter Zeitungslektüre geniesse. Bloss, am Ende gerate ich bei der Frage meiner Frau, was es denn Wichtiges gebe und was man gelesen haben müsste, in Verlegenheit. Was habe ich da eigentlich gelesen? Welche Erkenntnisse habe ich gewonnen und vor allem: Was ist mir geblieben? Den Verdacht, weniger wäre mehr gewesen, kann ich nicht einfach beiseite schieben.

Mein Alltagsphilosoph erwacht. Aufgeregte Aktualitäten mal kurz zur Seite gelegt, «slow down», Kopf gelüftet, Platz für Wahrnehmungen, für Gedanken. Und schon wird es auf eine andere Art lebendig.

Mir fällt auf, dass seltsamerweise das geschriebene Wort, also die Sprache eine grössere Wirkung entfaltet als etwa Fotos oder Bilder. Bilder können mich bedrängen, überwältigen, aber nicht in gleichem Mass. Wörter dagegen sorgen nicht selten zwischen den Ohren für Schwirren und Kopfsausen. Auch beschreiben sie nicht immer klare Begriffe, wie zum Beispiel, dass der Tisch ein Tisch ist, der Stuhl ein Stuhl – wie etwa bei Peter Bichsel in einer wunderlichen Erzählung. Es gibt im Wörtersee Geflügeltes, Gestelztes, ja, all das kennt man. Eben Wörter sind auch nur Wörter, und Sprache ist auch Spielwiese. Ein Baukasten für herrlichste Flüge für den Geist in Höhen und tiefsten Niederungen.

Und Wörter führen schnell zu Twitter – verführen zu einem heillosen Gezwitscher. Klar, ist Kommunikation nicht einfach und immer auch vieldeutig. Dabei spielen im direkten Austausch der Tonfall und die Mimik die zweite Hauptrolle. Och, was schreibe ich da in dieser Kolumne von so grossen Fragen und Dingen.

Ich bin da neulich auf ein kleines, erhellendes und erfrischendes Buch mit dem Titel «Eingewanderte Wörter» gestossen, das entspannenden Abstand schafft. Der Autor Mathias Heine findet im Deutschen Begriffe, die ursprünglich aus einer von über 120 Sprachen stammen und nicht als das erkannt werden, zum Beispiel baggern (holländisch), Zucker (arabisch), Grenze (polnisch), Kirche (altgriechisch), Palaver (portugiesisch), Schlawiner (slowenisch), mies (aramäisch), kaputt (französisch), Roboter (tschechisch), Virus (lateinisch), Tollpatsch (ungarisch), Firma (italienisch), Schmetterling (tschechisch) und und. Auch die Schweiz hat beigesteuert: rodeln, Gleschter (rätoromanisch) oder Putsch (schweizerdeutsch). Ausgerechnet!

Vermutlich würden wir uns nach 30 Jahren in einer Zeitkapsel sprachlich nicht so leicht zurechtfinden. Sprache ist so was von lebendig, pulsierend und auch spielerisch. Sie kennt keine Grenzen und ist immer zu einem Übersprung bereit.

Da hätte ich einen Vorschlag für unsere Exportliste. Wie wär's mit dem schweizerdeutschen «Momol»? Anstatt das harte «Doch-doch» klingt dieses tröstend und verströmt Zuversicht: «Es kommt schon gut.» Bleiben Sie gesund und trotzen Sie den herbstlichen Nachrichtenstürmen!