Ich meinti: Musik in den Ohren oder Lärm?

Ruth macht sich in ihrer Kolumne Gedanken zu den Geräuschen von Töffs.

Ruth Koch, Kerns
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So lag er da: ausgestreckt auf seiner Harley-Davidson, den Oberkörper braun gebrannt, die Tätowierung gut dosiert und die Hände hinter dem Kopf verschränkt auf der Lenkstange. Die Beine hatte er entspannt über Sattel und Gepäck gelegt. Das Motorrad war durchaus ebenso einen Blick wert. Insgesamt bot dieses Paar aus Maschine und Mensch ein wunderliches und doch schönes Bild. Ich denke, dessen war sich der Harley­Fahrer bewusst. Sonst hätte er sich wohl nicht direkt an der Einfahrt zum Camping platziert. Vielleicht träumte er gerade von seiner letzten gemütlichen Passfahrt in den sonnigen Süden.

Ruth Koch.

Ruth Koch.

Bild: PD

Auch mein Vater lenkte seinen Töff eher in gemächlichem Tempo. Es war ein dunkler BMW, vermutlich produziert in den Fünfzigerjahren. Was ich genau weiss: Elegante, weisse Linien zierten den Tank und die schwarzen Schutzbleche. Wenn ich mich richtig erinnere, gab der Motor ein tiefes, pochendes Brummen von sich. Der zweite Sitz, etwas erhöht über dem hinteren Rad und mit eigenem Griff, war für meine Mutter bestimmt. Ab und zu durften meine jüngere Schwester und ich mitfahren. Sie hinten zwischen Vater und Mutter, ich vorne auf dem Tank. Ich hielt mich am Lenker fest. Natürlich fuhren wir zu viert nicht allzu weite Strecken. Vor allem zum abgelegenen Stück des Bauernhofes gelangten wir mit dem Töff. Manchmal führten wir sogar einen Handrechen oder eine Gabel für das Heuet mit. Oft habe ich mir gewünscht, mein Vater hätte den Gashahn etwas mehr aufgedreht und den Töff in die Kurve gelegt.

Nicht alle haben ihre Freude an Motorrädern. Was für die einen wie Musik in den Ohren klingt, ist für andere ein nicht zumutbarer Motorenlärm. Klar: Nicht jede Maschine ist gleich laut. Überdies ist die Fahrweise mitentscheidend. Es ist nicht einzusehen, warum die Lenkerinnen und Lenker selbst auf kurzen Geraden übermässig beschleunigen und den Motor aufheulen lassen. Einer hat das Vergnügen, Hunderte von Anwohnern bekommen die Dezibel im Übermass. Des einen Freiheit kostet die anderen ihre Nerven.

Viel Lärm kommt nicht nur von Motorrädern, sondern ebenso von Autos, von Flugzeugen oder von Booten. Auf dem Vierwaldstättersee, wo Motorboote mit hohem Tempo über die Wasseroberfläche fliegen, haben rundum Erholungsuchende das lärmige Abfallprodukt zu erdulden. Man dürfte meinen, dass es heute technisch machbar sei, leisere Motoren herzustellen. Und politisch sollte es möglich sein, dem Motorengedröhne griffige Grenzen zu setzen. Den gebeutelten Motorhelden hätte ich folgende Lösung: Wer das laute Motorengeräusch liebt, könnte dieses mit einer zum Vehikel mitgelieferten App über die Kopfhörer geniessen.

Übrigens: Als ich acht Jahre alt war, nahmen die familiären Töfffahrten mit dem BMW ein jähes Ende. Mein Vater rutschte – trotz seiner vorsichtigen Fahrweise – mit der Maschine auf einem glitschig-nassen, damals noch mit Holz ausgelegten Bahnübergang aus. Dabei renkte er sich die Schulter aus. Von diesem Tag an blieb der Töff im Keller stehen.