«ICH MEINTI»
Raus aus der Falle

Arbeit, Haushalt und Familie: Familienfreundliche Modelle sind in der Schweiz Mangelware, findet «Ich meinti»-Kolumnistin Carmen Kiser. Insbesondere in den höheren Chefetagen. Für sie ist klar: Ein Wandel muss her und die Gleichstellung vorangetrieben werden.

Carmen Kiser
Carmen Kiser
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Carmen Kiser, Museumskuratorin aus Sarnen.

Carmen Kiser, Museumskuratorin aus Sarnen.

Bild: PD

Ich habe Ferien. Eine kleine Atempause in meinem üblicherweise hektischen Alltag zwischen Ausstellungen aufbauen, Kinder beim Aufwachsen begleiten, Haus, Garten und Sozialleben pflegen. In den Ferien habe ich Zeit zum Nachdenken. Etwa darüber, dass in sieben Kantonen der Schweiz keine einzige Frau in der Kantonsregierung sitzt. Fünfzig Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts werden wir noch immer mehrheitlich von Männern regiert. Diversität, unterschiedliche kulturelle Hintergründe, people of colour, Menschen mit Behinderung sucht man in den politischen Gremien erst recht wie die Nadel im Heuhaufen.

Noch dramatischer sieht es in der Berufswelt aus. Die Mehrheit der Frauen in der Schweiz arbeitet Teilzeit. Gemäss Bundesamt für Statistik tun sie dies grösstenteils, um sich auch um Familie und Haushalt kümmern zu können. Die 18 Prozent der Männer hingegen, die mit reduziertem Pensum arbeiten, kümmern sich um sich selbst: Sie arbeiten weniger, um eine Ausbildung zu absolvieren, oder weil sie einfach nicht an einer Vollzeitarbeit interessiert sind. Teilzeit zu arbeiten bedeutet oft eine niedrigere Lohnstufe, weniger Entwicklungsmöglichkeiten, geringere Karrierechancen – und später weniger Rente. Wir Frauen, auch ich, stecken in der Teilzeit-Falle.

Wie die meisten jungen Menschen, gemäss einer aktuellen Befragung, sah ich die Gleichstellung von Mann und Frau optimistisch. Bis ich Kinder bekam. Eine lange Babypause machte ich nicht. Aber ich reduzierte mein Pensum auf 30 Prozent, nur schon, um mich und meine Energiereserven zu schützen. Elf Jahre später bin ich immerhin wieder bei einer 50-Prozent-Anstellung angelangt. Was für den Kulturbereich gar nicht aussergewöhnlich ist, Vollzeitstellen gibt es nur wenige. Und die, welche es gibt, bleiben mir verschlossen. Weil ich nicht bereit bin, neben der Familienarbeit 100 Prozent oder mehr zu arbeiten. Familienfreundliche Modelle fehlen nach wie vor, ganz besonders in den Chefetagen. Und wohl auch in den Kantonsregierungen.

Dabei weiss man inzwischen, dass der weibliche Führungsstil gut in die moderne Arbeitswelt und in die Politik passt. Frauen führen demokratischer und konstruktiver. Sie streben weniger nach Macht, sitzen weniger auf ihrem Wissen, hören mehr Meinungen an, um Entscheidungen zu treffen. Am effektivsten wird dann gearbeitet, wenn die Teams gemischt sind.

Ich meinti deshalb: Die Schweiz muss sich endlich ernsthaft um Gleichstellung kümmern. Es braucht mehr Eltern in den Chefetagen. Es braucht mehr Frauen in der Regierung. Gelingt dies nur mit einer Frauenquote? Möglicherweise. Genauso, wie es eine Gurtpflicht im Auto braucht. Die Vernünftigen ziehen den Gurt sowieso an. Bei den andern wird gesetzlich nachgeholfen. Nicht, weil es die Frauen ohne nicht schaffen. Sondern weil nur so die Unternehmen und die politischen Institutionen gezwungen werden, die Arbeitswelt familienfreundlicher, und damit frauen- und männerfreundlicher zu gestalten.

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