Kolumne

«Ich meinti»: Tal, Menschen, Horizont

Otto Leuenberger erzählt von einem geradezu märchenhaften Ausflug ins Maderanertal.

Otto Leuenberger
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Otto Leuenberger

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Ja, wir leben in einem Wanderparadies. Direkt vor der Haustür zu Fuss aufbrechen, in menschlichem Schrittmass von einem Ort zum anderen. Es fühlt sich wie eine nahe Fernreise an. Wie ist es wohl ennet den nächsten Bergen?

Nur wenige Täler weiter tut sich gar eine andere Welt auf. Der Kopf hat das immer gewusst, aber das Erleben und Empfinden hat mich dann doch noch mal besonders berührt. Dort im Urnerland, im Maderanertal: enges Tal der Steine, der «Chrachen», der Kristalle, der urgewaltigen Wasser, der Kühe und der Menschen. Abseits und doch mittendrin. Ich war hier noch nie, nur einmal habe ich die Gegend kurz gestreift – in meiner tiefsten Jugend beim Abstieg von der Etzlihütte.

Gleich ab der rauschenden Autobahn A2 bei Amsteg geht’s auf enger, kurviger Strasse – wo man kaum kreuzen kann – hoch nach Bristen. Wer wohnt denn bloss hier, in einem so tief geschnittenen Tal? Dieses erscheint wie ein nur spaltbreit aufgeklapptes Buch, auf dessen Seiten Menschen bewirtschaftete Wiesen klebten, mit Haus und Vieh. Da behauptet sich Lebensraum. Mir kommt der Film «Höhenfeuer» von Fredi Murer in den Sinn. Es ist eine urweltliche Gegend, auf den ersten Blick rau, fast menschenfeindlich.

Hinten im Tal suchen wir, vier befreundete Bergbummler, das Hotel Maderanertal. Oben, inmitten von Tannen wie Säulen, taucht es als nebelwolkenumgekränztes Geisterhaus auf. Umweht von einem Hauch Geheimnisvollen, Mystischen. Entschleunigt sind wir unterwegs und eigentlich ist das Ziel zweitrangig. Wir haben Zeit, haben einander viel zu berichten und zu entdecken.

Die Übernachtung im Hotel in einer Bettstatt aus einer Zeit, in der auch Friedrich Nietzsche hier die gesuchte Rauheit fand. Ein pfiffig witziger, unkomplizierter, selbstbewusster «Hotelier» («Mädchen» für alles), gerade heraus und mit Mutterwitz gesegnet. Erfrischend und ohne aufdringliches Tourismusgehabe. Wie aus der Zeit gefallen. Äussere Kargheit, innerer Reichtum.

Wir streifen durch Alpwiesen mit gehörntem (!) Vieh, an Schrunden vorbei, durch Tannwälder, über Brücken mit milchigen Wasserfluten, verwunschene, im frischesten Moosgrün bewachsene, mal haushohe Steinbrocken. Wir queren einen kleinen Weiler mit Liliput-Häuschen. Eine Idylle wie aus einem Märchen – gepflegt, ohne gepützelt zu sein. Ein Alpöhi in kurzen Hosen und T-Shirt mit Rauschebart tuckert breitbeinig auf einem Töffli vorbei. In einem natürlichen Steingarten das fast kitschige Restaurant Legni, betreut von einer freundlichen Gastwirtin. Alles ist achtsam, liebevoll, heimelig gemacht und wohltuend natürlich. Am Weg immer mal wieder kleine Kästen mit Kristallen und Kässeli. Auch aus knorrigen Stauden geschnitzte Stöcke mit Handknauf, oder Käse, Joghurt und «Ankä» werden auf diese Weise vertrauensvoll feilgeboten. Kecke kleine Buben bieten mitten auf der Dorfstrasse Kristalle an.

Ich gebe zu, dass ich ein vages Vorurteil hatte: Dies Tal ist doch nur was für «Hardcore-Berggänger», eigentlich unwirtlich. Und dann dies. Diese Talschaft muss eine eigene DNA haben. Wir begegneten offenen, interessierten und freundlichen Menschen, deren Horizont wohl weit über die nächste Bergkante reicht: ein Loblied auf Land und Leute.

Also nur auf zu Entdeckungen vor der eigenen Haustür, ennet dem Berg – oder einfach nur um die Ecke! Wer wandert, wird was erleben und kann was erzählen.

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