«Ich meinti»: Wie sich unser Alltag wegen des Corona-Virus wandelt

Was viele vor einer Woche noch nicht wahrhaben wollten, ist inzwischen eingetreten: Das öffentliche Leben steht fast vollständig still. Diese Veränderung fordert in verschiedenen Bereichen.

Ruth Koch-Niederberger
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Ruth Koch-Niederberger, Kommunikationsfachfrau aus Kerns.

Ruth Koch-Niederberger, Kommunikationsfachfrau aus Kerns.

Bild: PD

Ich gebe es zu: Auch ich habe mehr eingekauft als üblich, für den Fall, dass man irgendwann nicht mehr aus dem Haus darf. Da einige Pack Spaghetti und Dosentomaten, dort eine Brotmehlmischung. Zahnpasta ist ja sowieso lange haltbar, also landet eine zusätzliche Tube im Einkaufskorb. Ein oder zwei Liter UHT-Milch im Vorratskasten schaden ja sowieso nicht.

Als uns aus China die ersten Meldungen zum Corona-Virus erreichten, fühlte ich mich, wie vermutlich viele unter uns, nicht wirklich betroffen. Schliesslich gingen andere Viren ebenfalls relativ glimpflich an uns vorbei. Und es war bequemer zu denken, dass so etwas in Europa nicht dieselben Ausmasse annehmen werde wie im entfernten China. Ich wollte nicht wahrhaben, was da auf uns zukommen könnte.

Nun, die Situation hat sich geändert: Erste Meldungen aus Italien und Österreich trafen ein. Plötzlich das Bewusstsein, dass selbst europäische Länder – und noch dazu angrenzend zur Schweiz – vom Virus in den Griff genommen werden. Mit den ersten Infektionsmeldungen aus verschiedenen Landesteilen der Schweiz wuchs die Erkenntnis, dass die Ausbreitung kaum mehr aufzuhalten ist. Dazu kam die etwas wütende, wenn auch hilflose Frage: Weshalb fliegt man für die Fasnachtsferien auf die Malediven, für die Kreuzfahrt nach Japan und weshalb fährt man für die Skiferien nach Ischgl?

Mit den Hygieneempfehlungen kam der Verzicht auf den Handschlag. Ist es Ihnen ebenso so ergangen wie mir? Man begegnet einer Bekannten und man steht da, sozusagen mit leeren Händen? Die Begrüssung fühlt sich einfach nicht richtig an ohne diesen Händedruck. Einige Male vergassen mein Gegenüber und ich diese Hygieneregel aus lauter Gewohnheit. Dem (verbotenen) Händedruck folgten ein verlegener Blick und ein kurzer Witz im Sinne von: «Wir beide lassen uns ja nicht anstecken, ha, ha. Wir sind doch starke Ob- und Nidwaldnerinnen, ha, ha, oder nicht?»

Inzwischen ist mir das Lachen vergangen. Die Fälle nehmen zu, die Verunsicherung steigt. Jedes Niesen oder Hüsteln wird mit einem misstrauischen Blick quittiert. Distanz halten ist angesagt, man hofft, dass einem niemand zu nahe kommt.

Spätestens nach der Medienkonferenz des Bundesrates vor einer Woche ist mir und wohl den meisten klar geworden, dass die Situation wirklich sehr ernst ist. Und dies in gesundheitlicher, gesellschaftlicher wie in wirtschaftlicher Hinsicht. Der Grossteil der Bevölkerung hat die Wandlung vollzogen: Zuerst das Nichtwahrhaben wollen, dann das Wechselbad zwischen Irritation und Verleugnung. Da und dort die Hilflosigkeit gegenüber der Situation, obendrein ein Zorn, gegen wen und was auch immer. Und in kürzester Zeit muss die Notwendigkeit akzeptiert werden, das eigene Verhalten zu ändern, die Arbeit unter neuen Bedingungen zu tätigen und wenn nötig die Arbeit einzustellen.

Das öffentliche Leben steht weitgehend still. Dennoch ist bereits Neues entstanden. Auch das gehört zur Wandlung: Die Suche nach neuen Wegen, um eine Krise so gut wie möglich zu bewältigen.