Ich meinti
Zum Durchatmen ins Museum

Die Sarner Ethnologin und Museologin Carmen Kiser geht gern in Museen – und schnell hindurch.

Carmen Kiser
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Carmen Kiser, Museumskuratorin aus Sarnen, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.

Carmen Kiser, Museumskuratorin aus Sarnen, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.

Bild: PD

Beim Tod von John F. Kennedy war ich noch nicht auf der Welt. Den Fall der Berliner Mauer habe ich nur am Rande mitbekommen – zu sehr beschäftigt war ich mit meinen Teenie-Verliebtheiten und der nächsten Wörtli-Prüfung. Als das World Trade Center zerstört wurde, war ich am Reisen in Vietnam und habe erst Tage später davon erfahren. Aber ich weiss noch ganz genau, was ich am letzten Tag vor dem Shutdown gemacht habe: Ich bin ins Museum gegangen.

Ich rechnete mit einem Besucheransturm, einen Tag vor Museumsschliessung. Dieser blieb jedoch aus. Ich hatte die Räume fast ganz für mich allein und genoss es, ungestört durch die Ausstellungen zu spazieren. Ich liebe die Ruhe, die Museumsräume ausstrahlen. Ich liebe die hohen Hallen, den Platz und das Licht. Museen bieten Raum zum Durchatmen. Wie Yoga und die Berge machen mich Museumsbesuche glücklich und entspannt. Beim Ausstellungsrundgang komme ich in Bewegung zur Ruhe und kann gleichzeitig meinen Geist wandern lassen.

Museen bieten Raum zum Denken. Weit weg von Newstickern und aktuellen Krisen greifen sie Themen auf, die überdauern. Wie ein Buffet machen Ausstellungen Angebote, mit denen ich mich beschäftigen kann – oder auch nicht. Manches mag ich, anderes nicht. Im Museum lerne ich nicht nur die Welt, sondern auch mich selbst ein bisschen besser kennen.

Ein Museumsbesuch ist auch ein soziales Ereignis. Meine Freundinnen allerdings finden es anstrengend, mit mir ins Museum zu gehen. Denn ich schaue mir Ausstellungen gern in meinem Tempo an, und das ist schnell. Nur einer geht schneller durchs Museum als ich: mein sechsjähriger Sohn. Er sucht sich in einer Ausstellung sehr konsequent das raus, was ihn interessiert. Im Moment sind das Zähne von Dinosauriern und aufgespiesste Insekten. Alles andere lässt er links liegen. Er hat, im Gegensatz zu vielen Erwachsenen, nie das Gefühl, er müsse alles anschauen oder alles lesen. Er verweilt nur, wenn ihn etwas bewegt. Selektive Ausstellungsrundgänge – ein gutes und lustgeleitetes Konzept.

Aber nicht immer sind meine Museumsbesuche so zackig. Mit meinem Mann habe ich Ausstellungsdates. Einen hochsommrigen Nachmittag, zum Beispiel, verbrachten wir im Alpinen Museum in Bern, während alle anderen in der Badi oder in den Bergen die Kühle suchten. Wir hatten Spass beim Betrachten von Skifilmen aus früheren Jahrzehnten und versuchten uns sogar im Schindelnmachen. Ein perfekter Paarnachmittag – wir kamen ins Gespräch, wir erkundeten Neuland, und vor allem verbrachten wir viel Zeit zusammen.

Die weit über 1000 Museen in der Schweiz sind (noch) zu. Sie fehlen mir. Ganz besonders in der Coronazeit sehne ich mich nach der Inspiration und der Verschnaufpause, die sie mir ermöglichen. Deshalb meinti ich: Besuchen Sie ein Museum, sobald diese wieder öffnen dürfen. Gönnen Sie sich eine Auszeit von ihrem Alltag. Lassen Sie Blick, Gedanken und Füsse wandern. Lustgeleitet. In Ihrem Tempo. Museen sind immer gut für eine Pause.