Internationaler Drogenhandel in Obwalden: Wie kiloweise Kokain aus Holland in Kerns und Alpnach landete

Zwei Männer stehen vor Kantonsgericht. Sie sollen mehr Heroin und Kokain umgesetzt haben als je zuvor in Obwalden.

Franziska Herger
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5,75 Kilogramm Kokain soll einer der Angeklagten insgesamt von einem Drogenlieferanten erhalten haben. (Symbolbild: Martin Rütschi/Keystone)

5,75 Kilogramm Kokain soll einer der Angeklagten insgesamt von einem Drogenlieferanten erhalten haben. (Symbolbild: Martin Rütschi/Keystone)

Es ist der grösste Drogenfall in der Obwaldner Geschichte, der diese Woche vor Kantonsgericht behandelt wurde. Er begann 2015 in Bern, als die dortige Polizei nach monatelanger Observation einen Drogenlieferanten festnahm. Er soll mindestens 135 Kilo Kokain und mindestens 10Kilo Heroin aus Holland in die Schweiz eingeführt haben. Aus Bern führte die Spur zu 22 Grossabnehmern in neun Kantonen – unter anderem nach Obwalden.

Im Juni 2016 durchsuchte die Kantonspolizei die Wohnung eines damals 33-jährigen Albaners in Kerns, am Tag darauf die eines 27-jährigen Kosovaren in Alpnach, der seinem Kollegen die Wohnung in Kerns vermittelt hatte. In Kerns stellte die Polizei 2 Kilo Kokain und ein halbes Kilo Heroin von ausserordentlich hohem Reinheitsgrad sicher. Insgesamt soll der dort wohnhafte Beschuldigte seit Anfang 2016 neben dem halben Kilo Heroin mindestens 5,75 Kilo Kokain entgegengenommen haben. «Noch nie hatten wir einen Fall mit einer auch nur annähernd so grossen Menge Kokain», sagt der zuständige stellvertretende Oberstaatsanwalt Bernhard Schöni. «Bisher bewegte sich das Deliktsgut stets deutlich unter einem halben Kilogramm.»

Staatsanwaltschaft fordert mehrjährige Haftstrafen

Im Keller der Wohnung in Alpnach fand die Polizei kleine Plastikbeutel, Rasierklingen, Klebeband und zwei Packungen Milchzucker, wie er zum Strecken von Betäubungsmitteln verwendet wird. Alle Utensilien waren mit Kokain und zum Teil mit Milchzucker kontaminiert. Dem dort wohnhaften Mann wirft die Staatsanwaltschaft vor, mindestens 3,75 Kilo Kokain von seinem Freund entgegengenommen und anschliessend in seinem Keller gestreckt, portioniert und abgepackt zu haben. Danach sollen er oder sein Komplize die Drogen wieder nach Kerns befördert haben, wo sie angeblich von einer weiteren Person – dem Neffen des «obersten Chefs in Holland» – zum Weiterverkauf abgeholt wurden.

Den Erlös, 65000 Euro und zwischen 15000 und 16000 Franken, habe der in Kerns wohnhafte Angeklagte dem Drogenlieferanten gegeben, der es in Holland abgeliefert haben soll. So wurden Kerns und Alpnach, wie es die Strafverteidigerin des Kosovaren vor Kantonsgericht sagte, Schauplatz eines Drogengeschäfts mit internationaler Vernetzung.

Der albanische Beschuldigte stand bereits Ende Oktober vor Kantonsgericht wegen mehrfacher qualifizierter Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz neben diversen untergeordneten Delikten. Ihm drohen sieben Jahre Gefängnis. Sein Freund war diese Woche an der Reihe, er soll laut Antrag der Staatsanwaltschaft sechs Jahre ins Gefängnis. An der Hauptverhandlung verweigerte er grösstenteils die Aussage.

Er sehe ihn nicht als Drogenbaron, sagte Bernhard Schöni an der Hauptverhandlung. «Er ist nicht der Escobar der Innerschweiz, sondern ein kleiner Fisch. Aber es geht um eine erhebliche Menge an Betäubungsmitteln.» Die Luzerner Strafverteidigerin, die sich «solche Mengen eher gewohnt» sei, war nicht einverstanden. Die beantragte Freiheitsstrafe von sechs Jahren sei exorbitant, sagte sie. Massgebend sei die Stellung des Beschuldigten innerhalb der Organisation. Der Angeklagte sei als Gehilfe zu taxieren oder höchstens als Mittäter, der sich sehr nahe an der Gehilfenschaft bewegt habe.

Wer hat das Kokain weiterverarbeitet?

Sie beantragte eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten sowie eine bedingte Geldstrafe von 120 Tagessätzen und eine Busse von 500 Franken. Für den Fall, dass das Gericht von einer Täter- statt einer Gehilfenschaft ausginge, beantragte sie zusätzlich zur bedingten Geldstrafe und Busse eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 30 Monaten, wovon der Beschuldigte ein Jahr im Gefängnis abzusitzen hätte.

Ihr Mandant habe nur die Anweisungen seines langjährigen Freundes ausgeführt, führte die Verteidigerin aus. Er habe niemals wirklich von den Drogengeschäften profitiert und dem Kollegen lediglich seinen Keller zur Verfügung gestellt. «Die Staatsanwaltschaft kann nicht beweisen, dass sich mein Mandant wirklich an der Verarbeitung der Drogen im Keller beteiligt hat.» Die dort gefundenen DNA-Spuren des Angeklagten könnten sich schlicht dadurch erklären, dass es eben sein Keller war. Und dass in seinen Haaren Kokain- und Heroinspuren festgestellt wurden, könne auch daher kommen, dass er seinen Freund ab und zu im Keller besucht habe. Der Staatsanwalt fand diese Version der Ereignisse «wenig stichhaltig». Es gebe keinerlei Hinweise darauf, dass sich der Albaner im Keller in Alpnach aufgehalten habe.

Die mangelnde Kooperation des Beschuldigten führte die Verteidigerin auf Angst vor Vergeltungsaktionen in der Schweiz oder im Kosovo zurück. Er hatte zunächst geleugnet, überhaupt einen Keller zu haben, dann sagte er, nur er hätte Zugang gehabt, um schliesslich zu behaupten, auch Dritte hätten den Keller betreten können. Er werde von der Drogenorganisation bedroht, so die Verteidigerin.

Drogenmengen steigen stetig an

Die Urteile des Kantonsgerichts ergehen Ende Monat. Auch in anderen Kantonen sind Untersuchungen im Gang. Doch nicht alle Abnehmer des Drogenlieferanten hätten eruiert werden können, sagt Bernhard Schöni. «Und ob der ‹oberste Chef› in Holland dingfest gemacht wurde, ist uns nicht bekannt.»

Der Staatsanwalt hat eine abgeklärte Sicht auf den Drogenhandel in der Schweiz. «Die 135 Kilogramm Kokain, die der Lieferant eingeführt hat, waren eine grosse Menge – für 2016.» Vor kurzem wurden in Basel jedoch 600 Kilogramm beschlagnahmt. «Wenn die Entwicklung so weitergeht, ist zu befürchten, dass wir in ein paar Jahren auch in der Schweiz von Tonnen reden müssen.»