Jäger retten zwei Rehkitze im Flüeli-Ranft

Jäger und Bauern haben wegen der Heuernte Hochsaison und retten manches Rehkitz vor der Mähmaschine.

Marion Wannemacher
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Wildhüter Hans Spichtig hat zwei Rehkitz gerettet

Wildhüter Hans Spichtig hat zwei Rehkitz gerettet

Bild: Hans Spichtig (Flüeli-Ranft, 19. Mai 2020)

Wohl kein Tier löst so viel Jöh-Effekt wie das Rehkitz aus. Doch zur Zeit müssen Bambis und ihre Mütter um deren junges Leben fürchten. Mitte bis Ende Mai setzen Rehgeissen ihren Nachwuchs, häufig im Doppelpack, üblicherweise also Zwillinge. Bevorzugt halten sie sich mit ihren Kitzen in ungemähten Wiesen auf. Die jungen Kitze bleiben oft auch tagsüber im hohen Gras. Fatalerweise sieht sie aber dort der Bauer nicht, wenn er seine Wiese mäht. Statt zu flüchten, duckt sich das Tier. «Etwa 30  Rehkitze kommen pro Jahr in Obwalden auf den Feldern ums Leben, die Dunkelziffer nicht mit gerechnet», sagt Wildhüter Hans Spichtig auf Anfrage.

Um so schöner, dass es auch diese Geschichten gibt: die Rettungen mit glücklichem Ausgang. So eine trug sich in diesen Tagen oberhalb von Flüeli-Ranft auf dem Wolfligsboden zu. Der Bauer Toni von Moos wollte seine Wiese mähen und bat bei den Jägern um Unterstützung. Jäger aus der Ortsgruppe zusammen mit Angehörigen aus seiner Familie halfen am Abend davor, das Feld zu verblenden.

Der erste Schnitt ist für die Kitze besonders gefährlich

«Blend-Lampen, weisse Tücher und sogenannte Rehkitzretter, die Pfeif-Töne in unregelmässigen Abständen aussenden, wurden aufgestellt, um die Rehe und ihren Nachwuchs zu stören, damit sie die Wiesen verlassen», erzählt Spichtig. Doch all diese Massnahmen führten in diesem Fall nicht zum Erfolg. «Dafür gibt es eben keine hundertprozentige Garantie», weiss der Wildhüter.

«Als der Bauer am Tag darauf nachschauen ging, sah er trotzdem eine Rehgeiss im Gras», berichtet er weiter. Daraufhin suchte Toni von Moos die Wiese ab und fand zwei Kitze im Gras. «Wir deckten sie mit Gras und Harassen ab, sodass sie dort bleiben konnten. Hätten wir sie an einen anderen Ort gebracht, hätte ein grosses Risiko bestanden, dass die Rehgeiss ihre Kitze entweder wieder in die gleiche Wiese oder in eine andere geführt hätte, wo sie unter die Mähmaschine geraten wären.» Am Abend brachte der Wildhüter die Zwillinge an den Waldrand, wo er auch eine Kamera aufstellte. Dabei fasste er sie vorsichtig mit Grasbüscheln an, damit er an ihnen nicht seinen Geruch hinterlassen und damit das Annehmen der Kitze durch die Mutter gefährden würde.

Die Mutter wurde mehrfach von der Bauernfamilie dabei beobachtet, wie sie nach dem Nachwuchs Ausschau hielt. Bei einer Kontrollfahrt am Abend entdeckte der Wildhüter die Spuren der Tiere und ist sicher: «Die Kitze sind wieder bei ihrer Mutter.»

Jäger und freiwillige Helfer haben in diesen Tagen viel zu tun. Gerade der erste Schnitt sei für die Kitze besonders gefährlich, weil das Gras dann höher sei, betont Hans Spichtig. Allein 13 Ortsgruppen der Jäger kümmern sich zurzeit beispielsweise in Sachseln um die Rehkitz-Rettung. Verschiedene Gemeinden setzen dabei bereits Drohnen und Wärmebildkameras ein. Wie viel Kitze insgesamt in Obwalden gerettet werden, kann er nur schätzen: «Ein bis zwei pro Gruppe am Tag werden es schon sein.»