Kanadischer Abenteurer kämpft sich durch die Urschweiz

Für eine BBC Earth-Produktion erklimmt der Kanadier Ryan Pyle die Via Alpina. Er schwärmt von trinkbaren Grundwasser, während er sich bei einem Zwischenstopp in Engelberg kurz erholt.

Urs Hanhart
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Drehte bereits im Amazonas und den Anden: Nun nimmt der Abenteurer Ryan Pyle die Via Alpina in Angriff – und wird dabei gefilmt.

Drehte bereits im Amazonas und den Anden: Nun nimmt der Abenteurer Ryan Pyle die Via Alpina in Angriff – und wird dabei gefilmt.

Bild Urs Hanhart
(Engelberg, 14. August 2020)

Es ist Freitagnachmittag. Der 41-jährige Kanadier Ryan Pyle sitzt in der Lobby des Hotels Terrace in Engelberg in einem gemütlichen Sessel, schlürft Kaffee und geniesst die Gelegenheit, etwas ausspannen zu können. Eigentlich ist der Abenteurer fast ständig auf Trab: Aufgrund seines Berufs trifft man ihn nur wenige Tage im Monat in seiner Heimat in Dubai an. «Ich bin sehr müde», verrät er deshalb und fügt gleich an: «Ich bin froh, mich jetzt etwas erholen zu können.» Verständlich, denn der Nordamerikaner hat einige sehr strenge und strapazenreiche Tage hinter sich: Seit Anfang August ist er auf der Via Alpina unterwegs. Das ist eine in 20 Etappen unterteilte, fast 400 Kilometer lange und rund 24'000 Höhenmeter beinhaltende Trekkingroute quer durch die Schweiz. Sie startet im liechtensteinischen Vaduz und endet in Montreux am Genfersee.

Pyle ist aber nicht allein auf der Via Alpina unterwegs. Er wird von der Schweizerin Ursula Giger, die als Guide fungiert, und von einem zweiköpfigen Kamerateam begleitet. Realisiert wird ein Film im Rahmen der ebenso spektakulären wie beliebten Serie «Extreme Treks». Deren Ausstrahlung ist im September oder Oktober 2021 auf BBC Earth und später auch auf Amazone Prime geplant.

Extremer Hagelsturm am Surenenpass

«Heute haben wir unsere siebte Etappe beendet. Sie führte von Altdorf bis hierher nach Engelberg, wobei wir auf der Blackenalp übernachtet haben», verrät der gebürtige Toronter. «Im Aufstieg zum Surenenpass sind wir in einen heftigen Gewitter-Hagelsturm geraten, der rund eine Stunde dauerte. Das war ein wirklich krasses Erlebnis und die bisher härteste Etappe», sagt er. Aber so etwas gehöre eben zu den Bergen. Damit müsse man zurechtkommen. Nur immer schönes Wetter zu haben, das wäre auf Dauer langweilig.

«Ich liebe solche Abwechslungen», sagt Pyle. Er hat in seiner Karriere als Abenteurer bereits viel Krasses erlebt. Für «Extreme Treks» war er unter anderem schon in der Wüste Jordaniens, in verschiedenen Urwaldgebieten und in den Anden unterwegs, wo er unter ungemein kalten und windigen Bedingungen in Argentinien den 7000 Meter hohen Aconcagua-Gipfel bestieg. Auch den mit 5642 Metern höchsten Berg Europas, den Elbrus im russischen Kaukasus, hat er in seinem Abenteurer-Palmarès.

«Es ist wie ein Marathon und mental
sehr anstrengend.»

Zum aktuellen Trip in der Schweiz sagt er: «Die einzelnen Etappen sind technisch nicht besonders anspruchsvoll.» Hart mache diesen Trek aber die enorme Gesamtdistanz. Man werde von Tag zu Tag müder und muss sich einen Ruck geben, um wieder loszulaufen. «Es ist wie ein Marathon und insbesondere auch mental sehr anstrengend», sagt er. Der Abenteurer lässt es aber nicht nur beim Wandern bewenden. An einigen Etappenorten legt er einen längeren Halt ein, um sich anderen Aktivitäten zu widmen oder einige Ecken in der Schweiz näher kennen zu lernen.

So auch in Engelberg: Am Samstag war dort nicht Wandern angesagt, sondern eine Klettertour am Graustockgebiet, zusammen mit dem Urner Extrembergsteiger Dani Arnold und ein Ausflug auf den Titlis. Am Sonntag ging es dann weiter mit der achten Etappe der Via Alpina von Engelberg zur Engstlenalp. Pyle war schön öfters in der Schweiz, vor allem zum Skifahren, aber noch nie so lange an einem Stück. Vieles, was er in den letzten Tagen gesehen hat, ist für ihn Neuland. «Für mich gehört die Schweiz zu den schönsten Ländern der Welt. Es ist wunderschön hier, insbesondere auch in der Zentralschweiz», sagt er.

Täglich bis zu zwölf Stunden unterwegs

Die Etappen auf der Via Alpine sind im Schnitt rund 20 Kilometer lang, wobei die Distanzen und Höhendifferenzen sehr unterschiedlich sind. «Wir sind im Tag zehn bis zwölf Stunden unterwegs. Dies, weil die Filmerei jeweils viel Zeit in Anspruch nimmt», erklärt Pyle. Im Vorfeld des aktuellen Projekts absolvierte er eine Art Trainingslager in Verbier, um möglichst fit zu sein. Er bewältigte während rund zwei Wochen täglich eine Strecke mit rund 1500 Höhenmetern. «Für das Wandern braucht man nicht besonders viel Training. Es ist vor allem Kopfsache», glaubt der Kanadier.

Ursprünglich wollten Pyle und seine Crew die Via Alpina bereits im Juni dieses Jahres in Angriff nehmen. Aber die Coronakrise zwang sie zu einer zweimonatigen Verschiebung des Projekts. Die kleine Wandergruppe ist mit relativ leichtem Gepäck unterwegs. Nur ein Kameramann ist immer dabei. Der andere fährt jeweils mit einem Auto und dem schweren Equipment zum nächsten Etappenort, sofern das die Topografie ermöglicht. In der Regel übernachtet die Crew in Berg- sowie in Alphütten und nur ganz selten in Hotels wie in Engelberg. «Ich schätze es sehr, dass man in der Schweiz überall Wasser trinken kann, auch von Bächen. Das erleichtert uns die Aufgabe sehr. Wir waren schon auf Treks unterwegs, auf welchen wir alle Getränke mitschleppen mussten», so der Abenteurer.

Pyle wohnt in Dubai, weil er dort einen idealen Ausgangspunkt für seine Reisen in alle Welt hat. Bevor er zum Vollblut-Abenteurer avancierte, lebte er 16 Jahr lang in China. Im Reich der Mitte arbeitete er unter anderem als Fotograf für die renommierte «New York Times» sowie für andere Zeitungen und Magazine auch als Autor. «Ich liebe die Filmerei und dabei die Welt zu sehen. Mit meinem jetzigen Job ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen», betont der Weltenbummler, der für das Durchwandern der Via Alpina rund einen Monat einberechnet hat. Spätestens Ende August will das Team im Zielort Montreux eintreffen.