Karl Imfeld über sein Obwaldner Mundart-Wörterbuch: «Es glaubt mir niemand, aber es ist das Werk eines einzelnen Menschen»

Der 88-jährige Mundartforscher Karl Imfeld hat das Obwaldner Mundart-Wörterbuch überarbeitet und aktualisiert. Die Neuausgabe soll im Oktober erscheinen.

Christof Hirtler
Drucken
Teilen

«Mein Vater, 1901 geboren, war Fabrikarbeiter in der Möbelfabrik in Wilen. Ich bin der älteste von acht Geschwistern», erzählt der 88-jährige Karl Imfeld. Aufgewachsen ist er in Sarnen, Mutter und Vater stammten aus der Schwendi und sprachen reine Schwander und Sarner Mundart. So war Imfeld von Kind auf mit zwei Dialekten vertraut und hörte auch andere
Idiome, denn in seiner Familie lebten über längere Zeit auch einzelne Verwandte aus Lungern und Giswil. Aus dieser weitverzweigten Verwandtschaft ergaben sich Kontakte zu allen Obwaldner Gemeinden ausser Engelberg. «Besonders wichtig für meine Sprachbildung war meine Grossmutter, Marie Jakober-Britschgi», sagt Imfeld. «Sie hatte Jahrgang 1877. Von ihr sind mir viele Wörter in Erinnerung geblieben, die bis in die 1830er-Jahre zurückreichen.» Karl Imfeld hörte ihr gerne zu: «Wir hatten kein Radio und kein Telefon im Haus. Alles was ich weiss, habe ich selber gehört und erlebt.»

Karl Imfeld

Karl Imfeld

Bild: PD

Über Ministrantenzeitung zur Literatur

Nach dem Gymnasium in Altdorf studierte er am Priesterseminar in Chur (1953–1958) Theologie. Dort betreute er die von ihm aufgebaute Jungwacht und war verantwortlich für die Ministranten. Diese Tätigkeit brachte ihn zum Schreiben: «Ich gab eine Ministrantenzeitung heraus, ein vierseitiges Blättchen mit Geschichten, in dem der Dienstplan der Ministranten eingelegt wurde. Das gab zu reden, so etwas kannte man damals noch nicht.» 1962 wurde Imfeld als Kaplan nach Kerns berufen und 1969 zum Pfarrer gewählt. Von 1969 bis 1983 war Karl Imfeld erster Redaktor des Pfarrblatts von Obwalden. Mit Julian Dillier gestaltete er regionale Radiosendungen und war von 1989 bis 1998 Autor und Sprecher der Morgensendung «Zum neuen Tag» von Schweizer Radio DRS. In seiner Freizeit schrieb er volkskundliche Artikel sowie Hörspiele, Gedichte und Kurzgeschichten in Mundart.

Ein Beinbruch stand am Ursprung des Mundart-Wörterbuchs

«Der intensive und dauernde Kontakt mit allen Varianten der Obwaldner Mundart hat es mir schliesslich erlaubt, mich an ein Obwaldner Mundart-Wörterbuch heranzuwagen», sagt Imfeld. Zum Sammeln von Mundartwörtern kam Imfeld eher durch Zufall. An einer Tagung des Internationalen Dialektinstituts 1980 in Sarnen, war Professor Dr. Kurt Kehr von der Universität Marburg dabei. Der Professor hatte Pech, er stürzte, erlitt einen komplizierten Beinbruch und war längere Zeit im Kantonsspital Sarnen hospitalisiert. «Als einer der wenigen, die ihn kannten, war ich öfters bei ihm auf Besuch», erzählt Imfeld. «Einmal fragte er mich, ob ich für ihn eine Liste von Obwaldner Mundartwörtern zusammenstellen würde.» Kurt Kehr war von der «vielschichtigen Mundart» begeistert und Imfeld begann Wörter zu sammeln.

«Ich brauchte dazu A4 Blätter, die ich zwei Mal übers Kreuz faltete. Auf diesen A6-Seiten habe ich querbeet alle Dialektwörter aufgeschrieben, die mir in den Sinn kamen. Das gab 25 dichtbeschrieben A4-Seiten. Auf einer Seite standen rund 250 Mundartwörter», sagt Imfeld. «Das waren die Wurzeln des ganzen Wörterbuchs.»

Das Obwaldner Mundart-Wörterbuch von Karl Imfeld.

Das Obwaldner Mundart-Wörterbuch von Karl Imfeld.

Bild: Florian Arnold (16. April 2020)

Mehrere Tausend Mundartwörter mit Handschrift auf Karteikarten

Um das Sammeln und Einordnen von Wörtern zu vereinfachen und zu vereinheitlichen, liess Imfeld A5-Karten drucken. Die Karteikarten waren in mehrere Felder unterteilt wie Wort, Bedeutung, Vorkommen (häufig, selten, veraltet, bäuerlich) Sprichwörter, Sprüche oder Redensarten et cetera. Karteikarte für Karteikarte füllte Imfeld mit Mundartwörtern, alle in seiner schönen Handschrift. So entstand im Lauf von 16 Jahren ein alphabetischer Katalog von mehreren tausend Mundartwörtern. Imfeld hat sie nie gezählt. Karl Imfeld sagt:

«Es glaubt mir niemand, aber das Obwaldner Mundart-Wörterbuch ist das Werk eines einzelnen Menschen.»

Er war mit seiner Mundartsammlung noch nicht fertig, als er 1996 pensioniert wurde.

Nun mussten alle handbeschriebenen Karteikarten am Computer abgetippt werden. Drei Jahre arbeitete Karl Imfeld am 650-Seiten starken Manuskript des Obwaldner Mundart-Wörterbuchs. Die erste Auflage erschien 2000 und war innerhalb von zwei Monaten ausverkauft.

Auch die zweite Auflage ist vergriffen, die Nachfrage bleibt gross. Das Interesse an Mundart ist in den letzten Jahren stark gestiegen, viele hören Mundart-Rock oder Rap und kommunizieren in Mundart in verschiedenen sozialen Medien. Die Obwaldner Mundart ist lebendig und verändert sich ständig. Sie umfasst alle Lebensbereiche, widerspiegelt das Denken, das Empfinden und ist ein Kulturschatz von unschätzbarem Wert.

Während vier Jahren den gesamten Wortbestand überarbeitet

Bereits das erste Obwaldner Mundart-Wörterbuch war ein Lebens- und Monumentalwerk. Nun hat Karl Imfeld in vierjähriger Arbeit den gesamten Wortbestand des Obwaldner Wörterbuchs überarbeitet und aktualisiert. Zum Beispiel wurden rund 200 Wörter, die sich in neuerer Zeit – zum Beispiel durch die Jugendsprache – eingebürgert haben, neu aufgenommen.

Bei vielen Mundartwörtern stehen nicht nur schriftdeutsche Erklärungen, sondern auch Redewendungen, kurze Geschichten oder Sprüche wie zum Beispiel beim Wort «äigä»: («äigener»; «äigenscht») 1.) eigen, 2.) angehörig, 3.) selbst erzeugt 4.) verschlossen, seltsam. «Mä cha ja äigä syy. Aber är isch äsoo än äigenä gsi, das är sich im Grundbuäch hed la iträägä».

Besondere Aufmerksamkeit wurde auf die Herkunft (eine der häufigsten Fragen) jener Wörter gelegt, die den Übergang ins Hochdeutsche nicht geschafft haben zum Beispiel gäiwä = gähnen; althochdeutsch = gewôn, giwên; mittelhochdeutsch = gëwen.

Neuausgabe gibt es Ende Oktober

«Ein Mundartwörterbuch ist weder ein Museum, noch ein Grabstein lokaler Sprachformen, sondern Dokument und Nachschlagewerk, das so gut wie möglich den aktuellen Stand wiedergibt», sagt Karl Imfeld. Die Neuausgabe des Obwaldner Mundart-Wörterbuchs erscheint am 31. Oktober 2020 im Bildfluss-Verlag.