Kernfahrbahn
Besorgte Eltern kritisieren neue Verkehrsführung in Sachseln

Seit Dienstag sind auf einem Teilstück der Brünigstrasse Velostreifen auf der Fahrbahn eingezeichnet. Gemeinde und Kanton wollen mit dem Verkehrsregime die Sicherheit erhöhen. Das überzeugt nicht alle.

Martin Uebelhart
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In Sachseln begann am Dienstag der einjährige Versuch mit einer Kernfahrbahn auf der Brünigstrasse. Auf dem Abschnitt Brodhubel bis Stucklistrasse wurden auf beiden Seiten ein 1,50 Meter breiter Velostreifen markiert. Kanton und Gemeinde wollen damit laut einer Medienmitteilung die Verkehrssicherheit erhöhen. So sollen die vermehrt auftretenden Konfliktsituationen zwischen Velofahrenden auf dem Trottoir und Fussgängern vermieden und Unfälle von einmündenden Autos mit Velofahrenden auf dem Trottoir verhindert werden. Weiter sollen gefährliche Überholmanöver durch Automobilisten reduziert werden. Im Zuge der Markierungsarbeiten wurde die Mittellinie entfernt. Im Dorfkern ist die Strassenbreite ungenügend, weshalb die Kernfahrbahn in diesem Abschnitt unterbrochen wird.

Die Kernfahrbahn in Sachseln gilt seit Dienstag.

Die Kernfahrbahn in Sachseln gilt seit Dienstag.


Bild: Eveline Beerkircher (Sachsen, 20. April 2021)

Eltern von Schulkindern bezweifeln, dass die Sicherheit für die Schülerinnen und Schüler auf der Brünigstrasse zunimmt. Nora Eigensatz Schrackmann hält den Schulweg für ihre Kinder im Alter von fünf, acht und zehn Jahren so für nicht mehr zumutbar. Am Dienstag hat sie ihre Kinder mit dem Velo auf der über zwei Kilometer langen Strecke vom Dorni bis zur Schule begleitet. «Die Polizistin vor Ort wollte sogar meine Jüngste, die die Spielgruppe besucht, auf die Strasse verweisen», sagt Nora Eigensatz im Gespräch. Selbst die Oberstufenkinder seien restlos überfordert gewesen und hätten nicht gewusst, was sie jetzt machen sollten. Die Strasse sei beidseitig stark befahren gewesen, inklusive Schwerverkehr. Ein anderes Kind sei bei einem sehr knappen Überholmanöver von einem Rückspiegel touchiert worden, sei aber mit einem Schrecken davongekommen, beschreibt sie ihre Erlebnisse vom Dienstagmorgen.

In der Kernfahrbahn darf nicht mehr auf dem Trottoir Velo gefahren werden

Nicht ganz so weit aber immer noch 1,8 Kilometer sind die Kinder von Melanie Klingel in die Schule unterwegs. Ihre Kinder gehen in die erste und dritte Primarklasse. «Angesichts des Verkehrs insbesondere auch der Lastwagen, die Familia und Maxon anfahren, habe ich sogar bei meinem zehnjährigen Sohn Sicherheitsbedenken», sagt sie, besonders auch wegen des dichten Verkehrs am Mittag. Bis anhin hätten die Kinder den Schulweg mit dem Velo auf dem bergseitigen Trottoir zurückgelegt. Im Bereich der Kernfahrbahn sei das nun nicht mehr gestattet: «Sie müssen auf dem Weg zur Schule hin zweimal die Brünigstrasse überqueren.»

Die wichtigsten Regeln für die Benützung der Kernfahrbahn

Alle Velofahrenden müssen den Radstreifen benützen. Davon ausgenommen sind vorschulpflichtige Kinder mit Kindervelos.

Es werden keine Kinder mit Velos auf die Strasse gezwungen, welche aufgrund ihres Alters nicht befähigt sind oder sich nicht getrauen, am Strassenverkehr teilzunehmen. Sie können zu Fuss oder mit Unterstützung von fahrzeugähnlichen Geräten (Trottinett, Kickboard etc.) das Trottoir benützen.

Fahrzeuglenkende orientieren sich an der gelb gestrichelten Radstreifenmarkierung. Sie dürfen die Markierungslinien überfahren, sofern sie dabei keine Velofahrenden behindern.

Parkieren auf dem Radstreifen ist untersagt. Wartende Fahrzeuge haben den Radstreifen frei zu halten.

Beim Rechtsabbiegen (Überqueren des Radstreifens) sollen Fahrzeuglenkende mit Rücksicht auf die Velofahrenden auf dem Radstreifen einspuren.

Besorgte Mütter und Väter hatten ein Gespräch mit dem Kanton, der Gemeinde und der Polizei gesucht. Allerdings habe die Unterredung zu keiner Lösung geführt, war von den beteiligten Eltern zu vernehmen. «Zu Fuss gehen oder mit dem Kickboard oder dem Trotti auf dem Trottoir unterwegs zu sein, ist keine Alternative», sagt Nora Eigensatz. Solche Gefährte erachte sie mangels guter Bremsen und Beleuchtung als nicht geeignet. Und Melanie Klingel betont, dass es für sie keine Option sei, die Kinder mit dem Auto zur Schule zu bringen. «Es muss eine Lösung für den Schulweg her», konstatiert Nora Eigensatz.

Aus der entgegengesetzten Richtung von Ewil her gehen die Kinder von David Rohrer zur Schule. Er erwartet von der neuen Verkehrsführung mit der Kernfahrbahn angesichts des Verkehrsaufkommens gerade zu den Stosszeiten ein «Riesengetto». In Sachen Verkehrsgefahren hatte er schon mit den Behörden zu tun: «Vor zweieinhalb Jahren ist meine Tochter auf dem Trottoir angefahren worden.» Man habe dann die Sache angeschaut, doch passiert sei nicht mehr viel, bis jetzt plötzlich der Flyer zur Kernfahrbahn in den Briefkästen gelandet sei. David Rohrer fühlt sich an die eigene Schulzeit erinnert. Aufgewachsen in der gleichen Gegend, wie er heute wohne, seien er und seine «Gspändli» schon vor 40 Jahren auf dem Trottoir gefahren. Mal von der Polizei ermahnt, ein anderes Mal nicht. «Diese Diskussionen hatten wir damals schon. Ich hätte mir vorgestellt, man sei jetzt etwas weiter», hält er fest.

Es gab Beschwerden von Fussgängern

Gemeindepräsident Peter Rohrer sagt auf Anfrage, der Gemeinderat habe sich die Kernfahrbahn sehr genau angeschaut und auch Verkehrsplaner miteinbezogen. «Unser Ziel ist es, die Sicherheit zu erhöhen. Denn dem Gemeinderat seien auch Beschwerden von Fussgängern zu Ohren gekommen. Die Polizei sei in der Anfangsphase verstärkt präsent. Von der Schule her gebe es keine Bestimmungen zum Schulweg. Letztlich liege dies in der Einschätzung der Eltern. «Der Versuch wird von einem Monitoring begleitet», so Rohrer. Schon bald wolle man die ersten Erfahrungen austauschen.

Der Obwaldner Baudirektor Sepp Hess weiss um die kontroverse Beurteilung der Kernfahrbahn. «Wir versuchen, es den Leuten zu erklären», sagt er auf Anfrage. Die einen könnten das nachvollziehen, andere weniger. Das Ziel sei, mehr Sicherheit im Strassenraum zu gewinnen. «Wir sind überzeugt, dass das der Fall ist», so Hess. «Sonst würden wir es nicht machen. Am Dienstagmorgen habe die Polizei festgestellt, dass langsamer gefahren worden sei. Es habe keine heiklen Situationen gegeben. «Es wird eine Weile brauchen, bis sich die Leute an das neue Regime gewöhnt hätten.» Probleme könne es geben bei Kindern unter zwölf Jahren, die noch zu wenig sicher auf dem Velo seien für die Strasse. Sie könnten sich auch mit fahrzeugähnlichen Geräten wie Trottinetts oder Kickboards auf dem Trottoir bewegen.

Systematische Befragungen

Zum erwähnten Monitoring gehören laut der Mitteilung auch systematische Befragungen. Ein entsprechender Fragebogen kann auf der Website der Gemeinde Sachseln von allen Interessierten heruntergeladen und eingesendet werden.