KERNS: Fröhlichkeit steckt andere an

Armando Rodrigues und seine Familie haben es mit Leichtigkeit geschafft, «yysernä ainä», einer von uns, zu werden. Ohne Ambitionen auf den Schweizer Pass.

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Er isst am liebsten Raclette und Hörnlisalat: Armando Rodrigues. (Bild: Bea Zai/Neue NZ)

Er isst am liebsten Raclette und Hörnlisalat: Armando Rodrigues. (Bild: Bea Zai/Neue NZ)

Der 46-jährige Portugiese Armando Rodrigues kennt Kerns und vor allem fast jeden Kernser Handwerker wie seine Hosentasche. Vor- und Nachname sowie deren Herkunft sind ihm geläufig: «Aha, dr Bucher oder dr Durrer, ja, ja, kenn i scho.» Auf den Baustellen schätzt man seine angeborene Fröhlichkeit, seine immense Schaffenskraft, ja Verbissenheit, wenn es darum geht, die beste Lösung zu finden.

Holzlöffel für jede Pfanne

Angefangen in Kerns hat Armando mit Pickel und Schaufel in Hans Röthlins Baugeschäft. Nach kurzen drei Monaten stieg er zum Kranführer auf; für volle 13 Jahre erledigte er diesen verantwortungsvollen Posten zur vollsten Zufriedenheit.

Nach dem Tod des Firmeninhabers wechselte er zur Baufirma Peter von Deschwanden, die heute von dessen Sohne André weitergeführt wird. «Ich schätze den Allrounder, der seit zehn Jahren bei uns ist, enorm, und ich weiss, dass er oft die halbe Nacht Probleme auf der Baustelle analysiert. Seine Vorschläge können oft telquel übernommen werden», bestätigt André von Deschwanden. «Armando ist wie ein Holzlöffel, den man in jeder Pfanne brauchen kann», hält die 38-jährige Marilia Rodrigues fest. Ein guter Vergleich, der auch den eher zurückhaltenden 13-jährigen Sohn Ricardo zum Lachen bringt.

Über 20 Jahre in der Schweiz

Marilia Rodrigues, die wie ihr Mann aus dem Norden Portugals stammt, kam mit 16 Jahren in die Schweiz. Im Gegensatz zu Armando, der aus guten bäuerlichen Verhältnissen stammt, musste sie bereits mit zwölf Jahren als Näherin in der Fabrik arbeiten. Im Hotel Klausenhof in Flüeli-Ranft fand sie schnell eine Stelle. Eines Tages traf sie Armando beim Kaffeetrinken im «Tschiferli». Bereits ein Jahr später waren sie ein Paar. Sohn Ricardo, der die 2. ORS besucht, kam im Spital Sarnen zur Welt. Seit 15 Jahren arbeitet Marilia in ihrer geliebten Firma Maxon, und zwar zu 100 Prozent in der Produktion. «Weil wir beide ganztags arbeiten, wird am Samstagmorgen daheim geputzt, was das Zeug hält. Ricardo, der sich sonst hinter Elektronik versteckt oder beim FC Kerns spielt, gleicht seinem Vater. Jedes Stäublein muss weg», erzählt die lebensfrohe Frau. Daheim an der Kägiswilerstrasse 1 im ehemaligen OKB-Haus ist Marilia gefordert: Unmengen von Gemüse sind als schmackhafte Gerichte auf den Tisch zu bringen. Sie stammen aus dem grossen Gemüsegarten zwischen Pfarrkirche und Kägiswilerstrasse. Armando ist wohl der ambitionierteste Gemüsegärtner von Kerns. 2011 erntete er 560 Kilo Kartoffeln, wobei er die Hälfte verschenkte. «Garten isch mini Hobby» und darum kommt nur Verschenken in Frage, stellt Armando klar. Neben Kartoffeln gedeihen Tomaten, Peperoni, Kabis, Bohnen, Blumenkohl, Broccoli, jede Menge Salat, Zwiebel, Knoblauch, Gurken und, und, und. Wer also ganz dringend mal eine Zwiebel braucht, schaue doch bei Armando vorbei!

Fremde geworden in Portugal

Das Schweizer Bürgerrecht hat die Familie Rodrigues nie beantragt. «Ricardo kann mit 18 Jahren selber entscheiden, für mich und Armando ist der Schweizer Pass zurzeit kein Thema», sagt Marilia. Bei ihren regelmässigen Sommerferien in Portugal stellten sie diesen Sommer erneut fest, dass sie «Fremde» geworden sind. Die Eltern, respektive Grosseltern, würden sie jeweils herzlich begrüssen und genau so herzlich verabschieden. «Wir bringen Cervelats, Salatsauce und viel, viel Schokolade hinunter und nehmen Portwein, feinen Salami und von Vater produzierten Prosciutto nach Hause», erzählt Armando. Viel besser als Regionen in Portugal seien ihnen das Tessin, St. Gallen und Zürich bekannt. Und essen würden sie am liebsten Raclette und Hörnlisalat. Kurz, die drei fühlen sich als Schweizer – roter Pass hin oder her.

Bea Zai