KERNS: Jan Schöpfer mit Down-Syndrom hilft Landwirt Beat Windlin

Jan Schöpfer hilft an zwei Wochentagen bei Beat Windlin auf dem Hof. Die Freundschaft zwischen dem Bauern und dem 19-Jährigen mit Down-Syndrom begann vor sechs Jahren. Besonders stolz ist er auf ein eben erworbenes Diplom.

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Jan Schöpfer (19) mit dem Down-Syndrom hilft Landwirt Beat Windlin zwei Tage in der Woche. (Bild: Corinne Glanzmann (Kerns, 15. Februar 2017))

Jan Schöpfer (19) mit dem Down-Syndrom hilft Landwirt Beat Windlin zwei Tage in der Woche. (Bild: Corinne Glanzmann (Kerns, 15. Februar 2017))

Jan öffnet den Pferch und treibt die sieben Kälber aus ihren Boxen. Mit dem Schaber kratzt er den Mist im Gang zusammen. Währenddessen lockert Bauer Beat Windlin die Streu in den Boxen auf. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Das ist nicht selbstverständlich, denn Jan Schöpfer hat das Down-Syndrom. Auf dem Arbeitsmarkt hätte der 19-Jährige keine Chance, eine Stelle in seinem Traumberuf Landwirt zu finden. Zweimal in der Woche kommt er auf den Hof Huwel in der Chlewigen, um hier zu helfen. Es ist Freitag, und Jan ist gerne hier.

Irgendwann vor sechs Jahren, als er mit seinen Eltern nach Kerns umzog, erkundete er mit dem Velo die Gegend und stand plötzlich bei Beat Windlin im Stall. Von da an kam er fast jeden Tag nach der Schule im Rütimattli, einer Einrichtung für Behinderte in Sachseln. «Jan hat sich den Beat regelrecht ausgesucht», sagt Mutter Fränzi Schöpfer. «Bab» nennt er ihn, weil er Beat nicht gut aussprechen kann.

Beat Windlin liess ihn gewähren. Es kam zwar schon vor, dass er ihm den Tarif durchgeben musste, wenn Jan die Kühe in den Stall trieb, obwohl sie draussen weiden sollten, oder sie aus Jux umherjagte. Ihrer Freundschaft hat es nichts geschadet. Jan wurde mit der Schule fertig, die Berufswahl stand an. «Er wollte am liebsten bei Beat arbeiten», erzählt die Mutter. Sie redete mit Beat Windlin. Denn Jan weiss, was er will. Und er wollte bei Beat auf dem Hof arbeiten.

Der junge Jan hört sehr gerne Jodellieder

Dieser setzte sich mit seiner Familie und allen Beteiligten an den Tisch und kam zum Schluss: «An zwei Tagen in der Woche können wir es ja miteinander probieren.» Das war im Sommer 2016. Es gibt Menschen, die nicht viele Worte machen, einfach helfen, wenn man sie braucht.

Arbeit gibt es genug auf dem Hof mit Milchwirtschaft und insgesamt 45 Stück Milchvieh und Kälberaufzucht. Beat Windlin führt den Betrieb in Gemeinschaft mit seinem Schwager, dem Bruder seiner Frau Jolanda. Beim Schwager steht das Jung- und das Galtvieh (nicht milchgebende Rinder). Zum Betrieb gehören auch die Voralp Unterstgschwend im Melchtal und die Alp Chäpeli-Hütte auf Melchsee-Frutt.

Beim Melken helfen, heuen, Kälber misten, den Melkstand waschen, je nach Jahreszeit Weiden einzäunen – das gehört zu Jans Aufgaben. Zu seiner Lieblingsmusik gehören Jodellieder, die könne man auch im Stall dann und wann hören, wenn er arbeitet, berichtet Beat Windlin. Aktuell sind Unterhaltsarbeiten dran wie Gaden putzen, Maschinen revidieren, Bäume schneiden und diesen Winter noch den Kraftfutter-Silo ersetzen.

Als Lieblingsspeise Calzone mit Ei und Speck

Arbeitet die Mutter ganztags, darf Jan auch bei Windlins essen. Für deren Kinder Mario (8), Selina (11) und Jonas (13) gehört er wie selbstverständlich dazu. «Pizza» sagt Jan dazu nur und lässt durchblicken, dass die Pizza der Gastmutter Jolanda sein absolutes Lieblingsessen ist. «Eigentlich ist es eine Calzone mit Speck und Ei», erklärt sie. Beim Sprechen in Schule und Freizeit hilft Jan ein Sprachprogramm auf dem Tablet. Mit Bildern kann er sich mitteilen, wenn ihm ein Wort nicht einfällt. Auf dem Hof verständigt man sich mit Händen und Füssen.

Die übrigen Werktage arbeitet Jan in der Hüetli in Sarnen, die zum Rütimattli gehört. An einem geschützten Arbeitsplatz für Behinderte schweisst er oder füllt am Computer Gewürze ab.

Vergangene Woche habe er sein Gabelstapel-Diplom gemacht, berichtet die Mutter beim Znüni mit Gipfeli und Kaffee stolz. Das wussten Beat und Jolanda noch nicht. Jan ist stolz und freut sich über ihre Gratulationen. Natürlich braucht Jan Anleitung. «Manchmal muss ich ihm mehrfach erklären, was er machen muss», erzählt Beat Windlin. «Er merkt es aber auch, wenn etwas nicht gut ist, und schaut sich viel von mir ab.» Während ihm selbst beim Eingeben der Nummern beim Melken des Viehs mal was vergessen geht, sei auf Jan absoluten Verlass, sagt Windlin schmunzelnd.

Die Tiere haben es Jan angetan, seine absolute Lieblingskuh trägt erstaunlicherweise den männlichen Namen Junker. In seiner Freizeit schaut Jan sich stapelweise Hefte und Magazine über Viehzüchtung und Traktoren an. Lesen kann er nicht. Und auch die Viehzeichnung lässt sich Jan nicht entgehen. Eine der Kühe, Joya, belegte einen dritten Platz. Die Plakette prangt heute in Jans Zimmer über seinem Pult an einem Ehrenplatz.

Neulich haben sich Jolanda und Beat Windlin einen Tag Auszeit genommen. Es ging auf die Piste. Jan durfte mit, Ski fahren ist sein Hobby. Der 19-Jährige strahlt Beat Windlin an und tätschelt immer wieder seinen Arm. Wahre Freundschaft braucht nicht viele Worte.

Marion Wannemacher

redaktion@obwaldnerzeitung.ch