Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

KERNS: «Man muss den Körper spüren»

Vascular stellt ver­blüffend lebensnahe Körperteil-Imitate her. An ihnen üben Chirurgen ihr Handwerk. Hinter der Stiftung steht ein einfallsreicher Innerschweizer.
Vascular-Verwaltungsratspräsident Hanspeter Kiser (60) mit einem künstlichen Körperteil, das Chirurgen zur Übung verwenden. (Bilder Corinne Glanzmann)

Vascular-Verwaltungsratspräsident Hanspeter Kiser (60) mit einem künstlichen Körperteil, das Chirurgen zur Übung verwenden. (Bilder Corinne Glanzmann)

Rainer Rickenbach

Beim ersten flüchtigen Augenschein wirkt die Produktepräsentation im Kernser Gewerbegebiet wie ein Einblick in Doktor Frankensteins düsteren Keller. Auf dem Tisch in den Räumen von Vascular International School AG liegen fein säuberlich nebeneinander aufgereiht: eine Brust, ein Kopf samt Hals und ein Arm. Alle Körperteile weisen einen exakt geraden chirurgischen Schnitt auf. Die Haut darum herum ist aufgeschlagen, die Blutbahnen sind freigelegt. Die Teile fühlen sich körperecht an. Sie bestehen aus Silicon und hydrophilem, wasserliebendem Material.

Ausbildung für Gefässchirurgen

Mit der Erschaffung von menschlichen Kreaturen im Stile Frankensteins hat die Herstellerin der Simulationsmodelle natürlich nichts gemein. Mit der originalgetreuen Nachbildung von menschlichen Körperteilen und deren Gefässen hingegen schon. «Wir begannen vor 25 Jahren damit, Körpersimulations­modelle zu entwickeln. Damals dienten sie ausschliesslich zur Ausbildung von Gefässchirurgen. Sie spielen auch heute noch eine wichtige Rolle in unserer Arbeit», sagt Hanspeter Kiser (60). Er ist Verwaltungsratspräsident der Vascular International School, welche die Schulungsprogramme organisiert.

Schweiz, Indien und USA

Zu Beginn führten drei Chirurgen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz einmal im Jahr in Zermatt einen dreitägigen Kurs für auf Gefässeingriffe spezialisierte Ärzte durch. An den Körperimitationen übten diese chirurgische Eingriffe an verkalkten oder sonst wie beschädigten Blutbahnen. Heute reicht das Training von den Operationsvorbereitungen über den eigentlichen Eingriff bis hin zum Vernähen der Wunden. Auch der künstliche Ersatz von Arterien lässt sich simulieren. Für den Puls sorgt eine kleine Pumpe, die Wasser durch die Blutbahnen jagt. Die Nachfrage nach Schulungen mit den lebensecht nachempfundenen Teilen ist ständig am Steigen. In diesem Jahr bewältigt Vascular ein Programm wie ein Wanderzirkus: Die Kursführer machen an 21 Orten in Europa, in Asien und den USA Station. Nebst den Schweizer Ortschaften Bern, Basel, Pontresina und Zürich gesellen sich unter anderem die Städte Dublin, London, Antalya (Türkei), Maastricht (Niederlande), Bangalore (Indien), New York oder Los ­Angeles hinzu. Kunden sind meist ­Universitäten mit medizinischen Studiengängen, aber auch die deutsche Bundeswehr zählt dazu.

«Kein beliebiges Wachstum»

«Vascular könnte viel mehr Schulungen durchführen. Doch dem Wachstum sind Grenzen gesetzt», sagt Kiser. Denn heute leiten zwar rund 50 führende Chirurgen die Schulungen. Doch diese können nur wenige Tage im Jahr ihrer Arbeit in den Kliniken fernbleiben. Zudem ist es ziemlich aufwendig, die ganze OP-Infrastruktur von einem Kontinent zum nächsten zu transportieren. Kiser: «Die Qualität der Schulungen lässt kein beliebiges Wachstum zu.»

Die Kursleiter arbeiten unentgeltlich, sie bekommen lediglich die Spesen erstattet. Auch Kiser und seine drei Teilzeitmitarbeiter machen – obwohl sie sich in der lukrativen Medizinaltechnik in einer interessanten Marktnische bewegen – nicht das grosse Geld. «Die Arbeit unserer Chirurginnen und Chirurgen basiert auf einem ideellen Hintergrund. Da würde es befremdlich anmuten, wenn wir mit den Schulungen auf eine Rendite aus wären», so Kiser. Neben der Schule führt Vascular zudem eine gemeinnützige Stiftung für Anliegen der Gefässchirurgie und ihrer Patienten. Kiser war früher in der Chemiefaserindustrie und bei einem IT-Beratungsunternehmen in Kaderpositionen tätig.

Einträglicher ist indes das Geschäft mit den Übungsmodellen, die in handlichen Kisten Platz finden. Die aktuelle Kiste wird unter dem Namen «The-Vi-Box» vertrieben und findet bei Spitälern, Universitäten und weiteren Ausbildungseinrichtungen Abnehmer. Das Stück kostet 750 Franken. Es bietet Trainingsmöglichkeiten, die über die Gefässchirurgie hinausgehen. So lassen sich damit auch Operationen von Gynäkologie, Orthopädie, Urologie oder der plastischen Chirurgie simulieren. Das Material ist ultraschalltauglich und bildet verschiedene Gewebetiefen nach.

Bei zahlreichen Projekten engagiert

Etwa hundert Boxen gingen im ersten halben Jahr raus, die Nachfrage wächst stärker, als die Produktionsmöglichkeiten in Kerns sind. «Eigentlich sind unsere Körperteilimitationen ein Anachronismus. Heute bietet der Computer unzählige Simulationsmöglichkeiten. Doch Chirurgie ist Handarbeit, man muss Körper und Material spüren», sagt Kiser.

Wenn Hanspeter Kiser den Sinn der Körperattrappen erläutert, strahlt er diese ruhige Begeisterung aus, die erfahrene Profis auszeichnet. Vascular International ist aber nur eines von zahlreichen Projekten, bei denen der in Stansstad wohnhafte Kiser mitwirkt. Er ist Präsident der Stiftung «Zukunft Alter» mit der Sarner Altersresidenz Am Schärme und dem Kurhaus am Sarnersee («sich mit der Pflegefinanzierung auseinanderzusetzen, ist ein Hobby von mir»). Er arbeitet zudem in einer Immobilien­investitionsfirma und einem Pharma-Start-up mit und engagiert sich bei der Neuausrichtung des Frauenklosters Sarnen, um die Lebensgrundlage von alternden Ordensgemeinschaften sicherzustellen.

Viele unnötige Operationen

Medizin rr. In den Schweizer Spitälern werde öfter zum Operationsskalpell gegriffen, als es nötig wäre. Diese Meinung vertreten die der Stiftung Vascular International angeschlossenen Gefässchirurgen. «Die Anreize sind in vielen Spitälern falsch. Wenn Ärzte für eine bestimmte Anzahl Operationen mit einem Bonus belohnt werden, braucht man sich nicht zu wundern, wenn zuweilen voreilig operiert wird», sagt Hanspeter Kiser, Geschäftsführer der Stiftung.

Rat von Chefärzten
Mit dem Ziel, den Patienten eine niederschwellige Beratung zu bieten, unterstützt der Berner Chefarzt Jürg Schmidli zusammen mit anderen Fachärzten die Internetseite «meinezweitmeinung.ch». Leute, die vor einer Gefässoperation stehen, können dort ihre Lage schildern und erhalten dann innert zehn Tagen Ratschläge zur Frage, ob ein chirurgischer Eingriff notwendig sei oder nicht. Das Projekt mit den Zweitmeinungen wurde von der Stiftung Vascular International massgeblich in die Wege geleitet. Es handelt sich um die erste digitale Plattform für medizinische Zweitmeinungen in der Schweiz. Ziel ist es, die Zweitmeinungsplattform auf weitere medizinische Sparten auszudehnen.

Vascular verkauft auch Übungssets in einer Kiste, die sogenannte «The-Vi-Box». Kostenpunkt: 750 Franken. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Vascular verkauft auch Übungssets in einer Kiste, die sogenannte «The-Vi-Box». Kostenpunkt: 750 Franken. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.