KERNS: Von der Grabmalkunst zur Kunst am Bau

Christoph Scheuber ist als Grabmalkünstler bekannt. Mehr und mehr aber macht er sich auch mit Werken im öffentlichen Raum einen Namen.

Romano Cuonz
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Der Künstler Christoph Scheuber mit seinem Kunstwerk «Eile mit Weile» auf dem Verkehrskreisel in Kerns. (Bild Romano Cuonz)

Der Künstler Christoph Scheuber mit seinem Kunstwerk «Eile mit Weile» auf dem Verkehrskreisel in Kerns. (Bild Romano Cuonz)

Manch ein Autofahrer wird wohl im Kreisel beim Kernser Gemeindehaus einen Moment auf die Bremse treten. Schlicht weil ihm das hochragende Kunstwerk in der Mitte in die Augen sticht. Kreiselkunst – interessante genauso wie kitschige – gehört heute zu unseren Ortsbildern. Im besten Fall kann man gar von Kunst am öffentlichen «Tiefbau» sprechen. Beim Objekt im Kernser Kreisel, das der einheimische Bildhauer Christoph Scheuber gestaltet hat, ist dies zweifellos der Fall. Der Kernser Gemeinderat hatte zuvor einen kleinen Wettbewerb ausgeschrieben. «Da schlug ich gleich drei mögliche Projekte vor», sagt Scheuber. Ausgewählt wurde dann seine Skulptur mit dem Titel «Eile mit Weile».

Das turmartige Werk ragt aus einem Steinbett hoch in den Himmel. Eine Struktur – bestehend aus drei schlanken, konisch verlaufenden Stahlträgern – hält in sich vier grosse Kugeln gefangen. Alle sind sie aus unbemaltem und minimal bearbeitetem Eichenholz – weitgehend im Rohzustand eben. Eine weitere Kugel liegt daneben, lose im Steinbett. Scheuber dazu: «Der Automobilist fährt im Kreisel um die Skulptur herum. Er denkt nicht viel dabei. Will möglichst schnell von A nach B kommen. Da versuche ich symbolisch einen kurzen Moment des Innehaltens darzustellen.» Und Scheuber betont: «Ein gewisser Schalk soll stets dabei sein!»

Der Tanz auf zwei Hochzeiten

«Ich bin in einem Familienbetrieb gross geworden, in dem Bildhauerei vom Grossvater zum Vater (beide hiessen Melchior) weitergegeben wurde», sagt Christoph Scheuber. Nach zwei Jahren Gymnasium machte der Kernser eine klassische Holzbildhauerlehre und besuchte die bekannte Schule in Brienz. Wanderjahre führten ihn nach Genf, wo er an der Kunstgewerbeschule und bei André Bucher Erfahrungen sammelte. «Lange Jahre stellte ich Grabsteine und Grabkunst her, arbeitete also in Bereichen, die in unserem Familienbetrieb stets gefördert wurden», sagt er.

Neben den traditionellen Materialien Holz und Stein seien aber auch Metall, Bronze oder Kunststoff hinzugekommen. Oft habe er sich in Grenzbereichen bewegt. Und Scheuber ergänzt: «Man tanzt mit Auftragsarbeiten und freien Arbeiten auf verschiedenen Hochzeiten.» Beides sei aber Teil des Berufslebens und der Übergang teilweise fliessend. Oft stelle sich in langen und intensiven Gesprächen mit Kunden die Frage, wie weit man gehen dürfe. «Dabei versuche ich immer ein Maximum an gestalterischem und künstlerischem Ausdruck zu erreichen.» Ein Auftrag, so Scheuber, bleibe aber stets ein Auftrag.

Beginn der Reise in die Freiheit

Seine erste grössere freie Arbeit gestaltete Christoph Scheuber in der Abdankungshalle in Kerns, wo er an zwei Wänden 4 Meter lange Werke platzieren konnte. Sie sind weder figürlich noch abstrakt, weisen beide mit ihren Strahlen von da nach dort, von einer Welt in die andere. 2005 wurde Scheuber dazu eingeladen, mit acht anderen Künstlern ein halbes Jahr lang den Park des Bethesda-Spitals in Basel zu bespielen. «Eben hatte ich den unteren Teil eines alten Mammutbaumes, der bei der Kernser Villa Hoheneich gefällt wurde, gekauft», erzählt Scheuber. Und da habe er gewusst, was er inszenieren wollte. Der Samen des Baumes war von Amerika-Auswanderern um die Jahrhundertwende (1900) nach Kerns gebracht worden. Für Scheuber symbolisierte er das Ausreisen, Verlassen, aber auch die Sehnsucht nach der alten Heimat. Seine Installation – Mammutbaum, 4 Meter hoch und 2 Meter im Durchmesser – trägt den Titel «Die Reise». Zum Baumstrunk, den er zu einer betretbaren Behausung gemacht hat, kommt ein 3 Meter langer Sandstein, der schiffähnlich daneben auf der Rasenfläche liegt. Die Skulptur gefiel den Baslern so sehr, dass sie angekauft wurde.

Und es kam noch besser: Als das Alterszentrum Bethesda Gellert Hof entstand, erhielt der Kernser Künstler kürzlich erneut einen Werkauftrag. «Ich setzte auf den Aussensitzplatz mit viel ‹Augenzwinkern› eine grosse Wolke», schmunzelt Scheuber. Das etwas surreale Objekt bildet einen überraschenden Blickfang und irritiert das Auge mit seiner weissen Pracht. Die 6 Quadratmeter grosse Wolke aus weissem Fiberglas prangt in etwa 2 Metern Höhe im Grenzbereich zwischen Skulptur und Malerei auf einer überdimensionalen Staffelei aus Metall. «Die Bewohner des Altersheims lieben meine Wolke», sagt Scheuber, dem der Schritt zur freien Kunst nun endgültig gelungen ist.