KERNS: Was tun, wenn die Mitglieder fehlen?

Die drei Guggen­musiken des Dorfs leiden an Mitgliederschwund. In der Krise rücken sie näher zusammen und verkünden die Durchhalteparole.

Primus Camenzind
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Die Gugge Firlifanz an einem Umzug im vergangenen Jahr. (Bild Robert Hess)

Die Gugge Firlifanz an einem Umzug im vergangenen Jahr. (Bild Robert Hess)

Kerns ist unbestritten eine Obwaldner Fasnachtshochburg. Das ändert nichts daran, dass die drei Guggenmusiken des Dorfs die Zeichen der Zeit erkennen mussten: Sie leiden an Mitgliederschwund. Die Guggen Firlifanz, Chärwaldfäger und Arvi-Hyler taten sich deshalb im Oktober 2013 zusammen und veröffentlichten im Gemeindeblatt «Kerns informiert» einen Aufruf, um die personelle Talfahrt zu beenden.

Aufruf zeigte wenig Wirkung

Die Präsidentin Andrea von Deschwanden (Firlifanz) und ihre beiden Kollegen Severin Waller (Chärwaldfäger) und Christian Küchler (Arvi-Hyler) machen im Gespräch mit unserer Zeitung kein Geheimnis aus der Tatsache, dass der Aufruf mehr oder weniger wirkungslos geblieben ist. Für den Chef der Arvi-Hyler soll der Aufruf vom Oktober nicht als «panischer Hilferuf» verstanden werden. «Unsere Gugge ist eigentlich noch gut bestückt, wir sind 31 Mitglieder stark», gibt er zu verstehen. Der 25-jährige Lokführer verheimlicht jedoch nicht, dass es vor wenigen Jahren noch eine halbe Hundertschaft war.

Weit dramatischer sieht es bei den beiden anderen Kernser Guggen aus: Die Chärwaldfäger bestreiten die aktuelle Fasnacht mit bescheidenen 18 Mitgliedern, während Firlifanz mit nur noch zehn Getreuen auf die Strecke geht. «Jungen Leuten muss man heute erst einmal erklären, dass eine Guggenmusik viel mit Vereinsarbeit zu tun hat», erklärt Andrea von Deschwanden. «Sie denken hauptsächlich an Party und coole Auftritte – dafür wenig bis gar nicht an das Basteln, die Proben oder die Tatsache, dass wir uns fast zehn Monate im Jahr mit der Fasnacht beschäftigen.»

Freizeit «ohne Fesseln»

«Das hat mit dem Zeitgeist zu tun», meint Severin Waller, der mit etwas Wehmut zehn Jahre zurückblickt, «als der Verein noch fast 50 aktive Mitglieder zählte». Obwohl er selber erst 22 Jahre alt ist, schätzt er viele in seinem Alter – zumindest was die Freizeit anbetrifft – als «arbeitsscheu» und deshalb wenig vereinstauglich ein. Schule und Lehre würden mehr Druck erzeugen als früher, und deshalb sei Freizeit «ohne Fesseln» und Verpflichtungen angesagt.

Aufwand reduzieren

Die Präsidenten der drei Kernser Fasnachtsvereine haben trotz der personellen Durststrecke ihren Optimismus und die Leidenschaft für die «tollste Zeit des Jahres» nicht verloren. «Wir sind nach wie vor in der Lage, unseren musikalischen Stil – Pop- und Funkmusik – zu pflegen», betont Christian Küchler, Chef der Arvi-Hyler. Sein Verein kommt dem Freizeitverhalten der Jugendlichen insofern entgegen, als der Aufwand an Basteln, an Proben und Auftritten etwas reduziert wurde. «Wir treten beispielsweise nicht wie früher schon im November auf, sondern warten den Jahreswechsel ab», nennt er als konkretes Beispiel.

Katzenjammer ist auch bei den Chärwaldfägern nicht angesagt. Kolleginnen und Kollegen aus Alpnachstad sind mit ein Grund für Optimismus: «Die Städerschränzer mussten sich vor wenigen Jahren fast auflösen – jetzt ist diese Gugge wieder 50 Personen stark», sagt Severin Waller. Da die Chärwaldfäger im Musikstil eigentlich seit jeher auf ältere Lieder setzen, sei das Repertoire auch mit weniger als 20 Mitwirkenden spielbar, gibt der Präsident zu verstehen. «Wir hoffen schon, dass es wieder aufwärtsgeht», bekräftigt Andrea von Deschwanden. Ehemalige, die wegen der Lehre aus der Gugge ausgetreten sind, werden wieder aktiviert. «Wegen der aktuellen Lage spielen wir diese Fasnacht nur als Kleinformation und ausschliesslich in Kerns.»

Für keine der drei Formationen hat die aktuelle Durststrecke finanzielle Konsequenzen. Zukunftsglaube und die Freude auf die bevorstehenden Fasnachtstage lässt bei den Präsidenten der Kernser Guggen keine Existenzangst aufkommen.