Kerns
Wegen Transportkabel: Ausgewildeter Bartgeier verletzt sich schwer

Die ausgewilderte Bartgeierdame Donna Elvira ist in Kerns mit einem Transportbahnseil kollidiert. Sie wird wohl nie mehr fliegen können.

Romano Cuonz
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Bartgeier Donna Elvira ist mit einem Transportkabel kollidiert und hat sich dabei schwer verletzt.

Bartgeier Donna Elvira ist mit einem Transportkabel kollidiert und hat sich dabei schwer verletzt.

Bild: Stiftung Pro Bartgeier

Alarm zuerst bei der Stiftung Pro Bartgeier in Zürich und gleich anschliessend bei der Wildhut des Kantons Obwalden vor gut einer Woche: Bei der täglichen Kontrolle der Satellitensender, welche die ausgewilderten Vögel tragen, stellten die Wildbiologen fest, dass das im letzten Juni ausgewilderte Weibchen mit dem Namen Donna Elvira auffällige Flugmanöver vollzog und schliesslich im Schnee liegen blieb.

Daniel Hegglin, Geschäftsführer der Stiftung, dazu: «Wir machten die Obwaldner Wildhut darauf aufmerksam, dass das Bartgeierweibchen allenfalls mit einem Hindernis kollidiert und abgestürzt sein könnte.» Den «Unfallort» konnte man dank Satellitensender ziemlich genau feststellen. Wildhüter Franz Röthlin und Jäger Daniel Burch machten sich sofort auf den Weg und bargen den offensichtlich verletzten Bartgeier unter dem Kabel einer Transportbahn in der Melchtaler Rütialp. Sie umwickelten den Vogel mit einem Tuch und brachten ihn in einer Tragtasche runter ins Tal. Darauf wurde das wertvolle Tier unverzüglich zur Auffang- und Pflegestation des Natur- und Tierparks Goldau transportiert. Dort kümmerten sich seither Tierarzt Martin Wehrle und das Tierpflegeteam um die Bartgeierdame.

Wehrle sagt: «Bei einem ersten Untersuch stellten wir fest, dass der Vogel Blut im Schnabel und in der Luftröhre hatte, das wohl aus der Lunge kam.» Er sei wahrscheinlich in schnellem Flug mit dem Drahtseil kollidiert und habe dabei seitlich vom Kopf einen heftigen Schlag aufs Schlüsselbein erhalten. Ein Röntgenbild bestätigte den ersten Befund. «Wir sahen, dass der Schultergürtel auf der linken Seite mehrfach lädiert war, es gab Brüche im Schlüsselbein, Rabenbein, Schulterblatt und an einer Rippe», so Wehrle. Zu den Brüchen kamen Muskel- und Sehnenverletzungen hinzu. Vorerst musste der geschwächte Vogel mit einer Sonde künstlich ernährt werden. Was erfreulich ist: Es gelang, die Bartgeierdame zu stabilisieren, und nach ein paar Tagen begann sie, wieder selber zu fressen.

Einsatz für die Zucht denkbar

«Im Moment geht es Donna Elvira gut, und wir sorgen dafür, dass sie in einem temperierten Innenraum möglichst wenig Stress ausgesetzt ist», sagt Wehrle. Allerdings wird der Vogel mit grosser Wahrscheinlichkeit nie mehr flugfähig sein. «Falls sie nicht wieder ausgewildert werden kann, könnte man sie immer noch für die Zucht einsetzen», sagt der Goldauer Tierarzt. Im Rahmen des internationalen Zuchtprogramms gibt es auf den ganzen Alpenraum verteilt über 40 Zoos und Zuchtstationen, die Bartgeier halten. Dem stimmt auch Daniel Hegglin zu:

«Donna Elvira ist für uns von ihrer Genetik her gesehen ein sehr spezielles Tier.»

Man werde eruieren, wo es ein passendes Männchen für sie gebe und welches die beste Option hinsichtlich einer weiteren Zucht der raren Vögel wäre. Auf Melchsee-Frutt sind seit 2015 zwölf junge Bartgeier ausgewildert worden. Bereits 2018 kollidierte der Bartgeier Alois in Nidwalden mit einer Freileitung und kam dabei zu Tode. Einer ist in den französischen Alpen verschwunden, allenfalls gewildert worden. Alle andern sind offensichtlich noch wohlauf und selbstständig unterwegs. Kollisionen sind aber allgemein eine häufige Todesursache für Bartgeier.

«Jedes einzelne Tier ist wertvoll»

Auf die leichte Schulter nimmt die Stiftung Pro Bartgeier den neusten Vorfall dennoch nicht. «Jedes einzelne Tier ist wertvoll, deshalb werden wir den Fall untersuchen und prüfen, ob Kabel und Leitungen ein zu grosses Problem sind. Und ob man etwas dagegen vorkehren könnte», sagt Hegglin. Deswegen den Standort in der Innerschweiz in Frage zu stellen, wäre aber sicher eine falsche Schlussfolgerung. Hegglin stellt fest: «Abgesehen von diesen Zwischenfällen haben die Auswilderungen auf Melchsee-Frutt sehr gut funktioniert.» Jeder der für die Wiederansiedlung von Bartgeiern ausgewählten Standorte besitze Vor- und Nachteile.

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