Kleinwohnheim für beeinträchtigte Menschen kurz vor dem Start

In Wilen soll es das erste Kleinwohnheim für Erwachsene mit geistiger Beeinträchtigung geben. Bereits kommen Gäste zum Probewohnen ins «Wohnhuus Sonnsyte».

Marion Wannemacher
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Stefan Meier und Ursula Schwarzentruber vor dem «Wohnhuus Sonnsyte». (Bild: Marion Wannemacher (Wilen, 30. August 2018))

Stefan Meier und Ursula Schwarzentruber vor dem «Wohnhuus Sonnsyte». (Bild: Marion Wannemacher (Wilen, 30. August 2018))

Zwei kleine Kätzchen laufen dem Besucher neugierig entgegen: ein rotgetigertes und ein weisses mit grauen Flecken. «Sie sind uns ­zugelaufen und wohnen in der Scheune», erklärt Ursula Schwarzentruber. Die Katzen scheinen sich bereits daheim zu fühlen im Bleitmattli 1. Noch steht das ehemalige Bauernhaus mit Blick auf den Sarnersee leer. Doch schon kommende Woche wird sich das ändern. «Zu uns kommt ein Mann, der eine Auszeit nehmen möchte», so Ursula Schwarzentruber.

Eine gute Gelegenheit, um das Angebot zu testen: Probewohnen im «Wohnhuus Sonnsyte». Sozialpädagogen Schwarzentruber und Stefan Meier wollen hier fünf Menschen mit geistiger Beeinträchtigung Gelegenheit geben, im familiären Rahmen begleitet zu leben. «Wir bieten einen Wohn-, Arbeits- und Lebensraum an», erklären die beiden, die unweit von hier wohnen.

Gemeinsames Leben mit Rückzugsmöglichkeit

Die künftigen Bewohner sollen nach ihren individuellen Stärken Beschäftigung und eine Tagesstruktur finden. «Jeden Morgen werden wir in einer Planungsrunde hier zusammen sitzen und besprechen, wer mit wem zusammen arbeitet», erklärt Stefan Meier und nennt als Einsatzbereiche die Aufgaben Einkauf, kochen, backen, Umgebungsarbeiten und Holzverarbeitung. Im Garten können Gemüse und Blumen angebaut werden. Kleinviehhaltung von Hasen und Hühnern soll möglich sein. Das Essen soll gemeinsam stattfinden, die eigenen Zimmer Rückzugsmöglichkeit bieten.

«Die Klienten sollen für die Einrichtung ihres Zimmers ihre eigenen Möbel mitbringen können, erhalten von uns bei Bedarf aber auch materielle Unterstützung, wenn sie noch was brauchen», erklärt Ursula Schwarzen­truber beim Rundgang durch das Gebäude. «Das Haus war für uns ein Glücksfall», sagen beide. «Es gab nur kleinere Renovations­arbeiten zu machen», sagt Stefan Meier. Seit Juli haben sie es gemietet und eingerichtet.

An der Idee mit dem «Wohnhuus» sind die zwei Sozialpädagogen seit längerem dran. Beide bringen jahrzehntelange Berufserfahrungen mit. «Manchmal denkt man: ‹Wenn man selbst die Fäden in der Hand hätte, würde man das eine oder andere anders aufgleisen›», räumt Schwarzentruber ein. Die gebürtige Romooserin arbeitet seit 20 Jahren im Sozialbereich mit mehrfach behinderten und mit psychisch erkrankten Menschen und ist noch bis Ende Oktober im externen Wohnen der Stiftung Weidli angestellt. Ihr Lebenspartner war zehn Jahre als Sozialpädagoge im Schul- und Wohnzentrum Schachen tätig, leitete fünf Jahre einen Gastrobetrieb im Kanton Luzern und arbeitete in den letzten neun Jahren für die Stiftung Juvenat, wo er in der Aussenwohngruppe Lehrlinge betreute.

Irgendwann sei beiden aufgefallen, dass sie gar nicht dazu kämen, ihr Wohnhaus, das Boot auf dem Sarnersee und das Alphüttli oberhalb von Lungern zu nutzen. «Es wäre eigentlich ein gutes Beschäftigungsangebot für Bewohner», fanden beide. Auch sei jetzt der richtige Zeitpunkt, fanden beide: Ursula Schwarzentruber ist 47 Jahre, ihr Partner ein Jahr jünger. In ihrem eigenen Wohnhaus bieten sie zusätzlich zwei Plätze für Ferien- und Wochenendaufenthalte an. Sie klärten mit dem Sozialdienstleiter von Sarnen, Markus Zahno, den Bedarf ab und entwickelten das Konzept und Leitbild bis ins Detail mit Platzierungsvertrag, Bedarf an Personal, Betreuungsreglement sowie Finanzierungs- und Businessplan und beschlossen schliesslich, eine GmbH zu gründen. Insgesamt veranschlagen sie 750 Stellenprozente. Auch nachts wird ein Angestellter auf Pikett im Haus schlafen.

Projekt befindet sich in der Vernehmlassung

«Wir wussten, dass wir auf Herz und Nieren geprüft werden», berichtet Stefan Meier. Kürzlich sei das Haus besichtigt worden durch den Leiter des kantonalen Sozialamts, Anton Pfleger, und der Leiterin der Interkantonalen Verbindungsstelle Soziale Einrichtungen, Monika Vogler-Hess. Derzeit warten die beiden Betreiber vom «Wohnhuus Sonnsyte» auf die Betriebsbewilligung vom Kanton. Das Projekt befindet sich im Vernehmlassungsverfahren, die Gemeinden müssen sich dazu noch äussern. Bis Ende dieses Jahres hofft das Paar auf die Genehmigung, bis Ende 2019 wollen sie alle Plätze belegt haben. Bis zu zwei Platzierungen können sie bereits jetzt schon ohne Genehmigung abdecken. Stefan Meier hat mittlerweile gekündigt und steht voll zur Verfügung.

Im Kanton Obwalden ist das Kleinwohnheim bislang einzigartig. Braucht es die neue Einrichtung? «Das Angebot der Stifung Rütimattli deckt mit zwei Aussenwohngruppen im Freiteilmattli und Jänzipark doch recht viel ab», sagt Anton Pfleger auf Anfrage, hält aber auch fest: «Der familiäre Charakter in der ländlichen Umgebung und die Möglichkeit der Beschäftigung in der Natur sowie der Ort in Wilen stellen eine gute Ergänzung zur Stiftung Rütimattli dar.»

www.wohnhuus-sonnsyte.ch