Kolumne

«Ich meinti»: Nicht alle in einen Topf werfen!

«Ihr rückständigen Obwaldner»: Diese Aussage wurde kürzlich Romano Cuonz unverblümt an den Kopf geworfen. Er ärgert sich – und erinnert sich daran, wie er einst selbst in die Vorurteilsfalle tappte.

Romano Cuonz
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Romano Cuonz, Journalist und Schriftsteller aus Sarnen, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.

Romano Cuonz, Journalist und Schriftsteller aus Sarnen, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.

Bild: Obwaldner Zeitung

Am letzten Sonntag wurde meine vorweihnächtliche Freude getrübt. Dafür gab es einen Haupt- und einen Nebengrund. Der Nebengrund: Ich gehörte in Obwalden ganz klar zu den Verlierern einer landesweit eher knappen Abstimmung. Jedoch: Als überzeugter Demokrat bin ich – nicht einmal hörbar zähneknirschend – bereit, diese Niederlage wie schon manch andere zu akzeptieren und einfach wieder vorwärts zu schauen. Auf die nächste Abstimmung. Der Hauptgrund für meinen Ärger lag anderswo: bei einem abendlichen Telefonat mit einem guten Kollegen aus der Stadt. Der warf mir unverblümt an den Kopf: «Ihr rückständigen Obwaldner seid mitschuldig, dass die Schweiz über unmenschliche Arbeitsbedingungen in Textilfabriken, Kinderarbeit in Kakaoplantagen oder Diamantminen auch in Zukunft einfach hinwegsieht!»

Wie bitte? Ich bin zwar Obwaldner und stehe auch dazu. Aber ich habe, zusammen mit 4760 weiteren Stimmenden – das sind immerhin 36 Prozent – eine andere Meinung als die Mehrheit vertreten. Man darf uns doch nicht einfach alle in einen Topf werfen! Es gibt weder «die konservativen Obwaldner» noch «die fortschrittlichen Berner». Wer an die Urne gegangen ist – jede und jeder –, hat wohl ganz eigene und differenzierte Überlegungen für sein Nein oder Ja angestellt. Bedauerlicherweise sind Verallgemeinerungen an der Tagesordnung. Und dies nicht erst seit diesem oft jenseits des guten Geschmacks geführten Abstimmungskampf. Allein in den letzten Tagen begegnete ich in verschiedenen Medien gleich mehreren weiteren. «Die Landwirte verseuchen Wiesen und Trinkwasser», hiess es da. Oder: «Die Jugend von heute liebt den Luxus», «Die Alten leben auf Kosten der nachfolgenden Generationen». Und, und, und …

Apropos: Wenn es um Vorurteile oder Klischees geht, will auch ich mich keineswegs mit einem Heiligenschein schmücken. Es sind zwar einige Jahre vergangen, seit sich folgende vorweihnächtliche Geschichte zugetragen hat. Doch damals musste ich mich selber tüchtig an der Nase nehmen. Ich erkundigte mich bei einem Fachgeschäft in der Stadt telefonisch nach einem Gerät, auf dem man noch alte Schallplatten abspielen konnte. Ein Weihnachtsgeschenk! Am andern Ende der Leitung eine Stimme, die mir einen Apparat in den höchsten Tönen anpries: «Ey Mann, isch konkret krass, s Beschte wos je het's gits. Easy!» Was? dachte ich entsetzt. So ein «J…» – dieses Wort habe ich seit jenem Tag aus meinem Vokabular gestrichen – soll mir das komplizierte Gerät erklären?

Nun, als Kunde war ich ja König! Ich konnte im Notfall jederzeit den Filialleiter verlangen. Wie ich in die Stadt fuhr, summte mein Handy. Am andern Ende Balkan-Slang, wie er damals auch in vielen billigen Kabaretts zu hören war. Der Verkäufer warnte mich: Die Zufahrt sei wegen einer Baustelle gesperrt. «Nur, as nid hesch's Problem mit ems Navi!» Woher zum Teufel wusste der, dass ich mit dem Navi fuhr? Im Laden grinste mich ein junger Mann mit Gelfrisur freundlich an. Sagte: «Du, wägä Plattenspieler, ich säge, wie s’ ims gad.» Mit Engelsgeduld führte er mir das Gerät, das er für mich vorsorglich schon mal zusammengesetzt hatte, vor. Am Schluss wollte er den schweren Karton gar noch zu meinem Auto tragen. Ich war perplex und reichte ihm ein Nötchen. «Für ein Bier nach Feierabend», sagte ich jovial. Und er: «Sicher nöd, Mann!» Als Moslem trinke er keinen Alkohol. Schon wieder war ich als gut schweizerischer «Füdlibürger» entlarvt!

Und die Moral von der Geschicht': «Diä oder disi gid äs nid. Mäntschä sind, wiä's der Julian Dillier imä Gedicht äinisch so trääf gsäid hed, mängisch wiä Gäärtä.»