Kolumne

«Ich meinti»: Oh du fröhliche...

So, nun wird es Weihnachten. Doch ausgerechnet beim Singen soll man in diesen Tagen äusserst vorsichtig sein. Wie wär’s da mit einer Prise leichtfüssigem Humor?

Otto Leuenberger
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Otto Leuenberger.

Otto Leuenberger.

Bild: OZ

«Es begab sich in jenen Tagen...» und schon ist alles dieser Erzählung da: Weihnachtsgeschichte von der Geburt des Erlösers. Zu Weihnachten werden wir Erwachsene wieder zu Kindern. Es leuchten Kerzen, Girlanden, vielleicht auch verschüttete Herzen. Es ist tief in uns was abgelegt, eine Sehnsucht nach jener Wohligkeit, nach Glücksgefühlen, nach Geborgenheit, nach Liebe. Wir sind von hohen Erwartungen besetzt, auch von Enttäuschungen geprägt und nicht selten von Missverständnissen. Das grosse Friedensfest unter dem Baum. Schon interessant, diese starken Gefühle, das Archaische, Religiöse rund um Weihnachten.

Alle Jahre wieder. Es ist ein Kreislauf und eine stete Wiederkehr: Jahreszeiten, Bräuche, die religiösen Feste. Der Jahreslauf mit seinen Marksteinen spiegelt den Lebenszyklus. Vom Geboren werden bis zum Tode. Im Einordnen finde ich Trost und Abstand.

So, nun wird es Weihnachten. Das Lichterfest der vielen persönlichen Rituale, dem Essen mit Fondue-chinoise, den Liedern, den Christbäumen, den Guetzlis, den Kerzen, dem üppigen Schenken. «Also das Schenken schenken wir uns», ist wieder tapfer zu hören. Aber man könnte es andersrum versuchen, ganz entgegen jener originellen Geschenkideen in bunten Beilagen von Zeitschriften. Die sind ja ganz Okay, aber wie wär’s zum Beispiel mit einfach Zeit haben und nehmen, einer Vorleserunde von allerlei Weihnachtsgeschichten, mal Augenblicke sammeln, im Nebel stochern, Tannenchries an Kerze zum Duften bringen, Mandarinli schälen, Füsse wärmen? Ein passendes Slow-down in einer besinnlichen Zeit.

Und da gibt es auch jene bezaubernden Lieder wie «stille Nacht...» oder «oh du fröhliche, oh du selige». Die lösen trotz, oder gar wegen ihrer altbackenen Wörter eine wohlige Ergriffenheit aus. Aber ausgerechnet in diesen Tagen sollen wir beim Singen äusserst vorsichtig sein? Meine Gedanken bleiben am «fröhliche» hängen. Da ist etwas Besonderes, das klingt wie ein Gegenentwurf zu eben gerade diesen nicht nur jahreszeitlich dunklen Tagen. Übrigens der Autor jenes Liedes, Johannes Daniel Falk (1768-1826), soll in kurzer Zeit vier seiner Kinder verloren haben und doch war er in der Lage, solch einen hoffnungsfrohen, tröstenden Text zu schreiben!

Also wie wär’s mit einer tüchtigen Prise leichtfüssigem Humor? Gibt es nicht auch Lach-Yoga, oder so was? Warum nicht bei Robert Gernhardt erfahren, dass die heiligen drei Königinnen ihren Männern die Sache mit dem Stern, dem diese monatelang hinterherlaufen mussten, bis an ihr Lebensende nie so recht geglaubt haben. Oder den herrlich verhaspelten Weihnachts-Sketch von Loriot zu Gemüte führen? Heiterkeit aus sich selbst.

Also auch bei Bonsai-Weihnachtsfeiern unbedingt «Oh du fröhliche» anstimmen, oder halt summen. Das kann wie ein Mantra wirken. Wie, wenn man sich mit eigenen Händen aus einem Tief zieht. Wir geben nicht auf und glauben an das Weihnachtswunder. Alles wird gut. Und noch dies: «In uns selbst liegen die Sterne unseres Glücks», meint Heinrich Heine - oder ein anderer Weiser - «die besten Träume passieren während du wach bist». Fröhliche Weihnachten und ein gesegnetes neues Jahr.