Kolumne

«Ich meinti»: Ohne Courage geht’s nicht

Um etwas zu bewirken, braucht es Mut, davon ist Kolumnistin Ruth Koch überzeugt und musste sich selbst schon eingestehen, mutlos gewesen zu sein. Den unbequemen Weg gehe dagegen die Schweizer Klimajugend und zeige damit, was Courage tatsächlich bedeutet.

Ruth Koch
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Ruth Koch-Niederberger, Kommunikationsfachfrau aus Kerns, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.

Ruth Koch-Niederberger, Kommunikationsfachfrau aus Kerns, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.

Bild: PD

Haben Sie schon Dinge getan, von denen sie sich nicht vorstellen konnten, dass Sie es je tun würden? Das habe ich: Es war am ersten Kindergartentag unserer Tochter in Santa Fe. Wir waren mit der ganzen Familie für eine längere Weiterbildung in die USA gezogen. In Unkenntnis der heimischen Rituale war ich im Klassenzimmer sitzen geblieben, während sich zum Schulbeginn alle erhoben und sich der amerikanischen Flagge zuwandten. Die Lehrerin forderte mich daraufhin freundlich aber bestimmt auf, mitzumachen.

Von der Ermahnung überrumpelt, stand auch ich stramm, legte wie alle anderen die rechte Hand aufs Herz und sprach den Treueschwur auf die amerikanische Nation sowie deren Flagge. Nie im Leben hätte ich erwartet, dass ich eines Tages auf die amerikanische Flagge schwören würde. Und dass ich es akzeptiere, dass meine Kinder dies in den folgenden Monaten allmorgendlich in der Schule wiederholen.

Hätte ich mich als Fremde in diesem Gastland dagegen wehren sollen? Ich war nach reichlicher Überlegung zum Schluss gekommen, dass es die Aufregung nicht wert sei. Sich gegen dieses Ritual aufzulehnen, das in den Schulen Amerikas allmorgendlich x-millionenfach ausgeübt wird, wäre wohl ein chancenloses Unterfangen geworden. Mir fehlte der Mut dazu.

Mut benötigt es allerdings, um etwas zu bewirken. Im Kleinen wie im Grossen. Wenig Mut braucht es, im vollen Postauto die junge Dame zu fragen, ob der Sitz noch frei sei, wo gerade ihr Skihelm platziert ist. Etwas mehr, den Herrn darauf hinzuweisen, dass er seine Zigarettenstummel nicht auf dem öffentlichen Rasenplatz liegenlassen kann. Reichlich Courage ist erforderlich, gegen althergebrachte oder verbreitete Meinungen anzutreten.

Die Klimajugend macht uns vor, was Courage bedeutet. Sie geht nicht den bequemen Weg. Zu Beginn des Jahres hat die Schweizer Klimajugend einen Aktionsplan vorgestellt. 377 Seiten mit 138 Massnahmen umfasst das Papier. Die jungen Aktivistinnen und Aktivisten fordern bis 2030 Netto-Null-Emissionen bei Treibhausgasen, damit das 1,5-Grad-Ziel erreicht werden kann. Dazu gehören ein Verbot von fossilen Brennstoffen, autofreie Städte sowie eine Solarpflicht. Ebenso fordern sie politische sowie gesellschaftliche Veränderungen, unter anderem das Stimmrecht ab 14 Jahren, ein Werbeverbot und die Anerkennung der Klimakrise als Fluchtgrund für Asylsuchende. Viele ihrer Forderungen mögen radikal erscheinen. Doch in der Klimafrage braucht es radikale Massnahmen, um rechtzeitig eine Wirkung zu erzielen.

Leider wurden die Forderungen der Klimajugend am letzten Wochenende von verschiedenen Medien lediglich als Randnotiz aufgenommen. Verantwortlich dafür war der Sturm aufs Kapitol, angespornt vom amerikanischen Noch-Präsidenten. Ich meinti, auch wenn die Bilder dieser Randalierer mit ihren Flaggen in die Geschichtsbücher eingehen, verdienen die mutigen Vorschläge der Klimajugend mehr öffentliches Interesse.