Landschaft und Künstler schaffen an der Aa Kunst auf Zeit

In Engelberg erschaffen neun Land-Art-Künstler teils imposante Werke aus lokalen Naturmaterialien.

Romano Cuonz
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«Kunstwerken, die so natürlich in die Natur integriert sind, begegne ich zum ersten Mal, das ist absolut ‹beautiful›, genau wie die hiesige Landschaft als Ganzes», schwärmt die US-Amerikanerin Jenna Grasley. Die Touristin steht zusammen mit ihrer Mutter Cam mitten im Eienwäldli. Sie bewundert das Land-Art-Werk des in Engelberg wohnhaften Matthias Maeder. Schon der Titel sage alles, meint sie: «Dry Stone Walling!» Und der Künstler erklärt ihr auch gerne, wie und warum diese Arbeit entstanden ist.

«Als Schreiner und Holzbildhauer arbeite ich ja normalerweise nicht mit Steinen», sagt Maeder. Wie er jedoch in der «Aa» die zahllosen Steine mit ihren unterschiedlichen Grössen, Formen und Grautönen entdeckt habe, sei für ihn klar gewesen: «Ich baue mit sorgsam ausgesuchten Steinen eine echte Engelberger Trockenmauer.» Aber eben nicht einfach am Fluss. Im nahen Wäldchen sollte seine nachgerade geometrisch ringförmig geschichtete Mauer einen organisch gewachsenen Baum umfassen. Maeder sagt dazu: «Hier, im Kontrast zum vielen Grün, werden die grauen Steine noch sicht- und lesbarer.» Dazu verleihe er diesem einen Baum eine ganz besondere Bedeutung.

Seit einem guten Monat steht nun das Werk am Wegrand. Doch der Künstler kommt immer wieder her. Setzt da einen von Unbekannten entfernten Stein wieder ein. Rückt dort einen, der lose geworden ist, zurecht. «Allfällige Veränderungen unserer Werke im Verlauf der Ausstellungszeit gehören zu echter Land-Art», beteuert der Bildhauer. Wochenlang habe er an seinem Werk gearbeitet. Flussauf, flussab sei er gelaufen. Beim genauen Hinsehen habe er die Wertigkeit von Steinen ganz neu entdeckt. Eins übers andere Mal. «Auf den Bau einer Trockenmauer ohne Meissel oder Mörtel muss man sich einlassen», beteuert Maeder. Und indem er einen der Steine fast schon liebevoll berührt:

«Handwerklich strenge Arbeit in freier Natur hat etwas äusserst Meditatives.»

Die Frau, die mit Moos mauert

Rund einen Kilometer weiter oben im Engelbergeraa-Tal steht eine Frau mit Stiefeln im Wasser eines eisig kalten, kleinen Bächleins. In der Hand hält sie eine grüne Spritzkanne. Begiesst damit – ja, sieht man das denn richtig? – Moos auf wuchtigen Ästen, die den Bach mehrfach überspannen. Nein, ganz so sei es nicht, lacht Yvonne Christen Vágner. Und erklärt dann: «Das sind starke Jutebänder, die ich um Uferbäume und dann mehrfach übers Wasser gespannt habe.» Das Moos aber sei auf die Bänder von Hand aufgenäht. «Für dieses Objekt trennte ich Moos von jenen Bäumen ab, die wegen der Renaturierung der Aa gefällt worden waren», sagt sie. Und giesst weiter. Bemerkt dann: «Moos braucht immer wieder Wasser. Viel Wasser.» Für ganz eigenwillige Teppiche aus Moos ist die Zuger Objektkünstlerin Yvonne Christen – ihre Wurzeln hat sie in Wolfenschiessen – weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Auch mit dem Werk an der Aa erzielt sie einen unglaublichen Effekt: Die Moosleinen und die Schatten der Bäume, die sich im Wasser spiegeln, harmonieren miteinander. Je nachdem, woher man blickt, variieren die verschiedenen Moosbänder auch untereinander. So entsteht zwischen Leinen, Schatten und Wasser eine geheimnisvolle Verbindung. «Das angenähte Moos vermag hier sogar noch weiter zu wachsen.»

Kuratorin mit Liebe zu Engelberg

Initiantin und Schöpferin des Land-Art-Pfads in Engelberg ist Claudia Häusler, eine Kulturmanagerin aus Oberägeri. «Ich kenne Engelberg seit meiner Ausbildung und fand, dass sich der Kurort für diese Art von bildender Kunst, die auch in der Schweiz mehr und mehr aufkommt, bestens eignet», sagt sie. Rein sei Land-Art für sie nur, wenn alle Materialien, die verwendet würden, aus der umgebenden Landschaft kämen. Auch ist für Häusler klar, dass Werke – so schön sie auch sind – von temporärer Natur bleiben und am Ende der Ausstellungsdauer durch Mensch oder Natur rückgebaut werden. Mit diesen Vorgaben hätten sich – auf ihre Anfrage hin – gleich neun Künstlerinnen und Künstler auf das Abenteuer eingelassen. Einen Bezug zu unserer Gegend haben auch die drei Floristinnen Iska Speck, Antoinette Infanger und Romy Odermatt aus dem Kloster Blumenladen von Engelberg. Sie schaffen mit Flechten eine sichtbare Verbindung zwischen den Bäumen des Auenwaldes. Neben den erwähnten Einheimischen und weiteren Schweizern liessen sich auch Kunstschaffende aus Österreich, Deutschland und Italien von Engelbergs Landschaft inspirieren.

Der 1,5 Kilometer lange Land-Art-Pfad an der Aa zwischen Eienwäldli und Wasserfall in Engelberg ist noch bis zum 30. September geöffnet. Details auf welcome@engelberg.ch oder über Telefon 041 639 77 77.