«Les Sauterelles» wirken wie ein Jungbrunnen

Toni Vescoli und seine Mitmusiker setzten sich mit ihrem Publikum in eine Zeitmaschine. Das Konzert der legendären Schweizer Band war aber mehr als nur ein Trip in die 1960er- und 70er-Jahre. Und es zeigte: Übers Älterwerden lässt sich trefflich witzeln.

Philipp Unterschütz
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«Les Sauterelles» begeistern im Metzgernsaal mit einer musikalischen Zeitreise. (Bild: Philipp Unterschütz (Sarnen, 11. Mai 2019))

«Les Sauterelles» begeistern im Metzgernsaal mit einer musikalischen Zeitreise. (Bild: Philipp Unterschütz (Sarnen, 11. Mai 2019))

Wie eine Bombe schlugen «Les Sauterelles» ein – es war im «Sommer der Liebe» 1968, als sie ihr Album «View To Heaven» veröffentlichten. Die Single «Heavenly Club» hielt sich sensationelle 13 Wochen in den Schweizer Top Ten, sechs davon auf Platz 1. Zwar hatte man in der Schweiz die Beatlemania mitverfolgt und die allgemeine Aufbruchstimmung auch in der Musik sehr wohl mitbekommen. Aber eine einheimische Beat-Gruppe, die den Markt aufmischte mit lauter Musik und langen Haaren – das hatte es noch nie gegeben. Auf Tournee hätten sie auf dem Land jeweils Hotels mit einem Sääli zum Essen buchen müssen, weil sie sonst oft nicht bedient oder belästigt wurden, erzählte der «Sauterelles»-Gründer Toni Vescoli vor dem Konzert am Samstagabend in Sarnen. «In Erinnerung ist mir ein Disput wegen unserer langen Haare, den ich in Andermatt mit einigen Berglern hatte, die alle einen richtig langen Bart trugen», erzählt Vescoli. «Auf meine Frage, ob es denn drauf ankomme, wo auf dem Kopf lange Haare wachsen, gab es dann aber viel Gelächter.»

Hier sind sie wieder, besser als zuvor

«Les Sauterelles» lösten sich immer wieder auf, gaben dann doch wieder Konzerte und nahmen neue Songs auf – sie sind durch ihr Schaffen längst zu einer respektierten schweizerischen Musiklegende geworden. Mit einer neuen CD im Gepäck machten sie nun auf ihrer «1968»-Tour auch in Ur-Besetzung in Sarnen Halt.

«Here they are again, even better than they have been before», sang die Band im Song «Today». Tatsächlich, schon mit dem ersten Titel von Bob Dylan «It’s All Over Now, Baby Blue» hatten die «Swiss Beatles» ihr Publikum im Sack und zeigten, wo es lang gehen würde. Eine abwechslungsreiche Mischung aus eigenen Songs mit einer gelungenen Auswahl von ausgewählten Covers aus den 1960er- und 70er-Jahren. Einer der auffälligsten war der Beatles Song «Taxman» mit toller psychedelischer Gitarre von Peter Glanzmann, mit 68 Jahren übrigens das jüngste Bandmitglied.

Alter hin oder her: Sänger und Komponist Toni Vescoli (76), Bassist Freddy Mangili (77, am schönen Höfner-Bass wie weiland Paul McCartney) und Schlagzeuger Düde Dürst (73, strotzte vor Spielfreude und Schalk hinter seinem Schlagzeug) überzeugten mit ihrem Auftritt. Sie glänzten immer wieder mit ihren mehrstimmigen Satzgesängen in Titeln wie ihrem Megahit «Heavenly Club» oder in Dylans «Mr. Tambourine Man», den die Byrds mit ihrem vollendeten Harmoniegesang einst zum Hit gemacht hatten. Glänzend war auch ein Beatles-Medley, das sie vergangenes Jahr extra für die «Beatleweek» in Liverpool zusammengestellt hatten, mit Songs wie «Sgt. Pepper’s», «Ticket To Ride», «I Feel Fine», «Nowhere Man» oder dem tollen, weniger bekannten Titel «Dr. Robert».

Die Sache mit dem Älterwerden

«Das war richtig gutes, solides Handwerk», lobte nach dem Konzert auch Obwaldens Rockmusiker Luke Gasser. Die rund 350 Musikfans im sehr gut gefüllten, passend altehrwürdigen, Metzgernsaal belohnten die Musiker immer wieder mit frenetischem Applaus. Viele von ihnen sind mit der Band älter geworden und amüsierten sich ob der immer wieder eingestreuten Selbstironie der Band zum Thema Alter. Vor diesem Hintergrund war denn auch die erste Frage zu verstehen, die ein grinsender Toni Vescoli nach der Pause stellte: «Lebt Ihr noch?»

Irgendwann habe es angefangen, meinte er im Verlauf des Konzerts. Nicht nur würden die Helden ihrer Zeit wegsterben. «Wir sind zwar körperlich noch fit, aber wir müssen uns immer neue Leute suchen. Mein Arzt ist pensioniert, mein Zahnarzt und der Steuerberater auch.» Es sei aber schön, dass das Publikum so zahlreich erschienen sei, witzelte Vescoli. «Schliesslich fahren viele in unserem Alter nicht mal mehr Auto.» Und vor der letzten Zugabe meinte Düde Dürst, sie müssten erst die Spitex fragen, ob noch ein Song drin liege.

Doch «Les Sauterelles» bewiesen bestens, was Toni Vescoli schon vor dem Konzert gesagt hatte: «Die Musik erhält uns jung!» Es war nicht nur ein simpler Nostalgie-Abend – im Publikum waren übrigens auch viele jüngere Gäste. Vielmehr zeigte die Band mit ihrer Energie und Spielfreude, wie wenig Patina die tollen, zeitlosen Kompositionen aus den früheren Jahren eigentlich angesetzt haben. Und eine Zuschauerin meinte stellvertretend für viele andere: «Die versetzen einen zurück in die Jugend – und das tut richtig gut!»