LUNGERN: Eine Maturandin schaut zwei Gemeinden auf den Mund

Die Kantons­schülerin Michele Kaufmann beobachtete beidseits des Brünigs, wie sich Wörter und Klang der lokalen Mundarten verändern.

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Michèle Kaufmann untersuchte in ihrer Maturaarbeit den Lungerer- und den Haslidialekt. (Bild Edi Ettlin)

Michèle Kaufmann untersuchte in ihrer Maturaarbeit den Lungerer- und den Haslidialekt. (Bild Edi Ettlin)

Edi Ettlin

Michele Kaufmann kann sich gut daran erinnern, wie sie in ihrer Anfangszeit an der Kantonsschule in Sarnen wegen ihrer Sprache geneckt worden ist. Aber die Mitschülerinnen und Mitschüler haben sich mittlerweile daran gewöhnt, dass sie ihren Lungererdialekt mit den markanten «io»-Lauten überall spricht.

Die Sensibilität der 17-Jährigen für die Mundart kommt nicht von ungefähr. Weil ihre Mutter aus dem Haslital stammt, kennt sie noch einen weiteren ausgeprägten Dialekt von Kindsbeinen an. Überhaupt findet sie die Sprachenvielfalt etwas Spannendes. Deshalb entschied sie sich, in ihrer Maturaarbeit die Entwicklung der Dialekte unter die Lupe zu nehmen.

Die Grundlage für die Untersuchung bildete das Bewusstsein, dass der Variantenreichtum der lokalen Sprachen abnimmt und Mundarten verschmelzen. Schliesslich gilt der Dialekt als ein äusserst lebhaftes Kommunikationsmittel. Ein Grund dafür sind die sozialen Bindungen, welche vielfältiger geworden sind und sich vermehrt überschneiden.

Genau hingehört

Doch für die Maturaarbeit wollte es die Maturandin, die Lehrerin werden möchte, ganz genau wissen. «Gibt es in der Entwicklung des Lungerer- und des Haslidialekts Gemeinsamkeiten oder Unterschiede?», lautete eine ihrer Leitfragen.

Aufwendige Auswertung

Anhand von Wörtern oder ganzen Sätzen wollte sie nachprüfen, wie sich die Dialekte entwickeln. «Zunächst habe ich 15 Ausdrücke gesucht, welche im Lungerer- und gleichzeitig auch im Haslidialekt potenzielle Veränderungen aufzeigen könnten», erklärt sie. Michele Kaufmann orientierte sich dabei an Gesprächen, Mundartbüchern und Tonaufzeichnungen, darunter solche aus dem Archiv der Universität Zürich.

Dann suchte sie sich in Lungern und in Meiringen je zwei Personen aus vier zuvor definierten Altersgruppen aus. Bei den anschliessenden Interviews achtete die Maturandin darauf, nach einem strikten Schema vorzugehen und die Befragten nicht zu beeinflussen. «So habe ich aufschlussreiche Antworten erhalten, die ich gut auswerten konnte», erzählt sie. Das Niederschreiben der Tonaufnahmen und die anschliessende Auswertung haben aber mehr Zeit in Anspruch genommen, als sie erwartet hat. Ihre Motivation fand Michele Kaufmann während dieser Sisyphusarbeit in den vielfältigen Kontakten zu den Testpersonen.

Schnellere Berner

Interessant an den Resultaten der Maturaarbeit ist vor allem, dass sie sichtbar machen, wie die Veränderungen durch die Generationen gehen (siehe Kasten). «Der Haslidialekt ist vitaler», zieht Michele Kaufmann Bilanz. Das heisst, dass die Veränderungen in Meiringen schneller vor sich gehen als in Lungern. Mit Erklärungen für den zeitlichen Unterschied hält sie sich zurück. Sie vermutet jedoch, dass die Sprache im Haslital durch den Zuzug von Fremden, insbesondere wegen der Kraftwerke Oberhasli, früher angeglichen worden ist.

«Ich finde es gut, wenn die Dialekte leben», kommentiert Kaufmann im Bewusstsein für die historische Entwicklung der Sprache. Denn einst waren es Ausdrücke aus dem Italienischen und Französischen, die in die Umgangssprache eingefügt wurden. «Heute werden eben mehr Wörter aus dem Hochdeutschen und dem Englischen aufgenommen», erklärt sie. Trotzdem finde sie es schön, wenn nicht alle Dialekte einheitlich tönen, spricht sie den Klang an, der laut ihrer Umfrage in Lungern noch nicht gefährdet ist. «Irgendwann wird sich aber auch der Lungererdialekt abschwächen», prognostiziert sie. «Das wird aber noch eine Weile dauern.»

Lungererdialekt behält Charakter

Typische Begriffe gehen in Lungern langsam verloren. Allerdings weniger schnell als ennet des Brünigs. Michèle Kaufmann stellte beispielsweise fest, dass der Lungerer Ausdruck für das Hochdeutsche «immer» in der Gruppe der 20- bis 40-Jährigen von «äister» zu «immer» kippt. In Meiringen ist dies bereits früher geschehen. Das alte «gengen» fand sie nur noch in der Gruppe der über 80-Jährigen, während alle Jüngeren «immer» oder vereinzelt das bernisch überregionale «geng» verwenden. Beim Wechsel von «gläitig» zu «schnäll» ist im Haslital ebenfalls ein Vorsprung auszumachen. Ähnlich erging es dem Meiringer «Pfäi-schter» (Fenster), das seinen Anfangsbuchstaben mehrere Jahrzehnte vor seinem Lungerer Pendant verloren hat.
Die charakteristischen Laute ui und io, wie in «dui giotä Biob» (du guter Bub), bleiben in Lungern bis in die jungen Generationen bestehen. In Meiringen hingegen verschwinden die typischen Laute ö und ü in «dü götä Böb» bei den 15- bis 20-Jährigen.